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dritter Katholischer Flüchtlingsgipfel 2017

Dokumentation

Mit einem Appell, die Seelsorge verstärkt auch auf den Umgang mit Flüchtlingen auszurichten, ist am 6. November 2017 der dritte Katholische Flüchtlingsgipfel der Deutschen Bischofskonferenz in Köln zu Ende gegangen. „Als Christen kann es uns nicht gleichgültig sein, wenn Hartherzigkeit an die Stelle von Solidarität tritt und Ressentiments den Blick auf den Nächsten verdunkeln“, erklärte der Sonderbeauftragte für Flüchtlingsfragen der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Stefan Heße (Hamburg), der zum Gipfel eingeladen hatte. Rund 150 Praktiker, Experten und Ehrenamtliche der kirchlichen Flüchtlingshilfe waren in Köln zusammengekommen.

Nachdem der vergangene Flüchtlingsgipfel im September 2016 vor allem die Herausforderungen der Integration in den Mittelpunkt der Beratungen gestellt hatte, ging es jetzt um Fragen der seelsorglichen Begleitung von geflüchteten Menschen. Erzbischof Heße beklagte, dass zahlreiche Ehrenamtliche, die sich für schutzsuchende Menschen engagieren, oft in einem von Vorurteilen und Feindseligkeit geprägten Klima entmutigt würden. „Wenn Menschen in unserem Land Schutz suchen, haben sie die Hoffnung, in ihren individuellen Notlagen Beistand zu erfahren.“ Die Kirche sei hier in besonderer Weise gefragt: „Auch wenn wir nicht für alle Probleme eine Lösung anbieten können: Es ist unsere Aufgabe, präsent zu sein – unter den Menschen, mit den Menschen, für die Menschen. Wir müssen präsent sein – gerade an Orten, die wenig Freiheit und viel Verzweiflung kennen. Wir müssen präsent sein, um Gottes Liebe zu verkünden und zu bezeugen. Und wir sollten Gott gerade dort entdecken helfen, wo unsere Bequemlichkeit seine Gegenwart nicht zulassen mag“, so Erzbischof Heße.

    

Eröffnungsansprache von Erzbischof Dr. Stefan Heße beim dritten Katholischen Flüchtlingsgipfel am 6. November 2017 in Köln
© joschwartz.com

   

Vor den Teilnehmern des Flüchtlingsgipfels erinnerte der Untersekretär der Abteilung für Migranten und Flüchtlinge im Vatikanischen Dikasterium für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen, Pater Dr. Michael Czerny SJ, an das Anliegen von Papst Franziskus: Besondere Aufmerksamkeit und Anstrengungen seien notwendig, um sicherzustellen, dass Menschen, die zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen seien, nicht ausgeschlossen oder zurückgelassen würden. „Aus katholischer Sicht sind zum Schutz von geflüchteten Menschen daher die Leitworte ‚aufnehmen, schützen, fördern, integrieren‘ für kirchliches und staatliches Handeln zentral“, sagte Pater Czerny.

   

Grußwort von Pater Dr. Michael Czerny SJ, Untersekretär der Abteilung für Migranten und Flüchtlinge im Vatikanischen Dikasterium für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen, beim dritten Katholischen Flüchtlingsgipfel in Köln © joschwartz.com

   

Die Wiener Pastoraltheologin Prof. Dr. Regina Polak betonte in ihrem Vortrag, dass das Leben mit und Lernen von Schutzsuchenden die Seelsorge der Kirche verändern könnten. „Mit ihnen kann die Kirche wieder zur Lerngemeinschaft im Glauben werden.“ Insbesondere mit Blick auf geflüchtete Kinder und Jugendliche kritisierte Prof. Polak, dass es empörend sei, wie wenig in den aktuellen Flucht- und Migrationsdebatten die Erfahrungen und Bedürfnisse junger Menschen wahr- und ernst genommen würden. „Wir haben es hier mit einer tickenden Zeitbombe zu tun, denn psychische Verletzungen wirken sich nachhaltig aus – und das über Generationen hinweg. Migranten leiden überdurchschnittlich häufig an chronischen psychischen und physischen Krankheiten. Über die transgenerationale Weitergabe von Traumata, von Unversöhntheiten, Ressentiments und Hass dräut hier ein für den Einzelnen lebensgefährliches, für das gesellschaftliche Zusammenleben bedrohliches Szenario, das auch die nachkommenden Generationen extrem belasten kann“, so Prof. Polak. Pastoral, seelsorglich und politisch müssten hier dringend umfassende Maßnahmen getroffen werden. Dazu zähle auch eine neue Kultur des Erinnerns und Versöhnens als Grundkategorien seelsorglichen Handelns. „Erinnerung kann heilsam werden, wenn eine Migrationsgesellschaft lernt, auf die Geschichte und Geschichten der Anderen zu hören und das Leid der je anderen wahrzunehmen. Dies ist die Basis der Versöhnung. Erinnerung und Versöhnung werden hier eminent politisch.“

   

Impulsreferat von Prof. Dr. Regina Polak, Institut für Praktische Theologie an der Universität Wien,
beim dritten Katholischen Flüchtlingsgipfel in Köln
© joschwartz.com

   

Der Katholische Flüchtlingsgipfel diente dazu, Fachleute und Praktiker zusammenzuführen, um auf der Grundlage der von der Deutschen Bischofskonferenz am 18. Februar 2016 verabschiedeten „Leitsätze des kirchlichen Engagements für Flüchtlinge“ über Perspektiven des seelsorglichen Engagements für schutzsuchende Menschen und mit ihnen zu beraten. Zum weiteren Handeln der Kirche auf diesem Feld stellte Erzbischof Heße Fragen, die es künftig zu behandeln gilt: „Wie können wir Menschen, die von einer Abschiebung bedroht sind, auf angemessene Weise seelsorglich unterstützen? Welche seelsorglichen Angebote können wir für die vielen Ehren- und Hauptamtlichen in der kirchlichen Flüchtlingshilfe entwickeln? Welche neuen Fragen ergeben sich für die Verkündigung unseres Glaubens? Wie begleiten wir Menschen mit muslimischem Hintergrund, die nach der Taufe fragen? Und schließlich: Wie können wir den Ängsten und Vorbehalten gegenüber Geflüchteten in unseren Gemeinden begegnen?“ Dankbar zeigte sich Erzbischof Heße für das Engagement in den Diözesen: „Vielerorts werden mittlerweile Gottesdienste und Gebetszeiten für geflüchtete Christen angeboten. Auch hier stellen ehrenamtliche Flüchtlingshelfer in den Kirchengemeinden und bei der Caritas oft einen ersten Kontakt her.“

   

Erzbischof Stefan Heße und P. Michael Czerny SJ mit Studierenden der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Köln, beim dritten Katholischen Flüchtlingsgipfel. Im Vordergrund das Kunstprojekt „Nicht vergessen!“
© DBK/Kopp

  

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