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Zweiter Katholischer Flüchtlingsgipfel 2016

Dokumentation

Am 29. September 2016 hat in Frankfurt am Main der bundesweit zweite Katholische Flüchtlingsgipfel stattgefunden. Auf Einladung des Sonderbeauftragten für Flüchtlingsfragen der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Stefan Heße (Hamburg), kamen etwa 140 Praktiker, Experten und Ehrenamtliche der kirchlichen Flüchtlingshilfe zu einem intensiven Austausch zusammen. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, welchen Beitrag Kirche und Zivilgesellschaft zum Gelingen von Integrationsprozessen leisten können. Leitend war der Gedanke, dass eine erfolgreiche Integration gesellschaftliche Teilhabe und gesellschaftlichen Zusammenhalt erfordert. Auch die Zunahme fremdenfeindlicher Ressentiments und politischer Polarisierung wurde in diesem Zusammenhang diskutiert.

Zu Beginn der Veranstaltung präsentierte Dr. Uwe Hunger, Privatdozent an der Universität Münster und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Siegen, verschiedene sozialwissenschaftliche Integrationsmodelle. Er selbst plädierte für einen demokratietheoretischen Ansatz, der Integration als einen Prozess begreift, der sich zwischen privater Angelegenheit und öffentlichem Interesse vollzieht. In Deutschland seien die Kirche und ihre Caritas wichtige Kooperationspartner des Staates; als „Türöffner“ würden sie die gesellschaftliche Teilhabe von Flüchtlingen und Migranten fördern. Neben ihrem caritativen Engagement bringe die Kirche auch ethische Perspektiven zu Fragen von Flucht, Migration und Integration in den öffentlichen Diskurs ein. Durch den Dialog mit anderen Religionsgemeinschaften und der Zivilgesellschaft würden kirchliche Akteure zudem auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Am Nachmittag diskutierten die Teilnehmer in sechs Arbeitsgruppen folgende Themen:

  • Welche Werte und Normen halten ein pluralistisches Gemeinwesen zusammen?
  • Interreligiöse und interkulturelle Bildung als Beitrag zum gelingenden Miteinander
  • Hilfe zur Selbsthilfe – Empowerment von Flüchtlingen
  • Teilhabe vor Ort – der Faktor Wohnraum
  • Chancen auf dem Arbeitsmarkt – Handlungsfeld berufliche Qualifizierung
  • Seelsorge und Gemeindeentwicklung im Angesicht der Zuwanderung

Jede Sitzung der sechs Arbeitsgruppen wurde mit Impulsreferaten eröffnet, in denen sowohl theoretische als auch praktische Perspektiven aufgezeigt wurden. Der anschließende Austausch mit den Teilnehmern zielte darauf ab, Anregungen und Vorschläge für eine bedarfsgerechte Weiterentwicklung der kirchlichen Flüchtlingshilfe zu sammeln. Dabei ging es auch darum, Best-Practice-Beispiele in verschiedenen Handlungsfeldern der kirchlichen Integrationsarbeit, etwa aus den (Erz-)Bistümern, Caritasverbänden, Kirchengemeinden und Ordensgemeinschaften, vorzustellen.

    

Ein syrischer Auszubildender in einer Firma in Erfurt. © dpa


Welche Werte und Normen halten ein pluralistisches Gemeinwesen zusammen?

Zu Beginn der Arbeitsgruppe betonte Prof. Dr. Christof Mandry (Goethe-Universität in Frankfurt am Main), dass Deutschland längst plural geprägt sei. So bestehe unsere Gesellschaft aus Menschen, die unterschiedlicher Herkunft sind, unterschiedliche Glaubensvorstellungen haben, in verschiedenen Kulturen verwurzelt sind und unterschiedliche Lebensstile wählen. Das Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft setze verbindliche Werthaltungen voraus, wie etwa den Respekt vor der individuellen Freiheit, die Anerkennung der Würde jedes einzelnen Menschen, die Gleichberechtigung der Geschlechter, die Bereitschaft zur Solidarität und das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit. Diese Werthaltungen müssten sowohl institutionell abgesichert sein als auch von allen Gesellschaftsmitgliedern internalisiert werden, um wirksam zu sein. Gleichwohl müsse jeder, der Pluralismus grundsätzlich akzeptiere   und sei es nur als Anerkennung des Faktischen  , mit gesellschaftlichen Konflikten rechnen. Um damit umzugehen, brauche es bestimmte Kompetenzen bzw. „Werte zweiter Ordnung“. Dazu zählten Toleranz, Frustrationsresistenz und eine grundlegende Bereitschaft, den Anderen anzuerkennen, auch wenn man seine Position ablehne. Außerdem sei eine Haltung nötig, die dem Anderen zutraue und im Diskurs eventuell auch zumute anzugeben, warum er seine Werte für solche hält.

Die Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung gehöre wesentlich zu den Werthaltungen der pluralistischen Gesellschaft. Im Anschluss diskutierten die Teilnehmer über Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Dieser sei gerade dann gefährdet, wenn einzelne Gruppen Fremdenhass schürten und im Diskurs über gesellschaftliche Werte und Normen eine starre Demarkationslinie zwischen der christlich geprägten Aufnahmegesellschaft und den größtenteils muslimischen Zuwanderern zögen. Vor diesem Hintergrund stünden Christen vor der Aufgabe, den Wert der offenen und pluralen Gesellschaft immer wieder aufs Neue zu plausibilisieren. Für einen solchen Diskurs, der auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens zu führen sei, könnten Anregungen durch die Deutsche Bischofskonferenz hilfreich sein. Ebenfalls sei es hilfreich, Räume und Gelegenheiten zu schaffen, um sich mit „Werten zweiter Ordnung“ zu beschäftigen.

Interreligiöse und interkulturelle Bildung als Beitrag zum gelingenden Miteinander

Im Austausch mit Prof. Dr. Clauß Sajak (Universität Münster) und Regina Laudage-Kleeberg (Leiterin der Abteilung Kinder, Jugend und Junge Erwachsene im Bischöflichen Generalvikariat in Essen) wurde die Bedeutung interreligiöser und interkultureller Kompetenz für gelingende Integration in den Blick genommen. Gerade junge Menschen profitierten davon, wenn sie in ihrer eigenen religiösen Identität bestärkt würden und gleichzeitig einen wertschätzenden Umgang mit religiöser und kultureller Diversität erlernten. Daher sei eine flächendeckende Vermittlung dieser Kompetenzen anzustreben. Bisherige Erfahrungen kirchlicher Bildungseinrichtungen zeigten, dass sich gerade religiös geprägte Flüchtlingskinder in konfessionellen Schulen gut aufgehoben fühlten. Daran anknüpfend diskutierten die Teilnehmer der Arbeitsgruppe Chancen der interkulturellen und interreligiösen Öffnung kirchlicher Einrichtungen. Gerade Christen seien in der Lage, eine Brücke zwischen mehrheitlich muslimischen Flüchtlingen und einer weitgehend religionsfernen säkularisierten Gesellschaft zu bauen. Dies könne langfristig dazu beitragen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Gleichzeitig sei es wichtig, das christliche Profil der Bildungseinrichtungen zu wahren und weiterzuentwickeln.

   

Eine Lehrerin übt mit einer Frau in einem Klassenzimmer intensiv deutsch. Zu dem Deutschkurs für Frauen in einer ehemaligen Schule in Mainz Weisenau gehört auch ein Erzählcafe. © KNA


Hilfe zur Selbsthilfe – Empowerment von Flüchtlingen

Gemeinsam mit Prof. Dr. Leo Penta (Leiter des Deutschen Instituts für Community Organizing, DICO) und Mamad Mohamad (Geschäftsführer des Landesnetzwerks Migrantenorganisationen in Sachsen-Anhalt, LAMSA) tauschten sich die Teilnehmer darüber aus, wie sich das eigenverantwortliche Engagement von Zuwanderern und Bürgern fördern lässt. Dazu wurde das Konzept des „Empowerment“ vorgestellt, das in der Sozialen Arbeit und der Psychologie einen Ansatz beschreibt, der Menschen zur Entdeckung eigener Talente ermutigt und sie bei der Aneignung von Selbstbestimmung und Lebensautonomie unterstützt. Die Referenten unterstrichen, dass es Ressourcen anstelle von Defiziten zu betonen gelte. Empowerment könne jedoch nur dann erfolgreich sein, wenn die Gesellschaft Möglichkeiten zur Teilhabe schaffe: im Bildungssystem, auf dem Arbeitsmarkt, in der Nachbarschaft und der Gemeinde. Strukturelle und institutionelle Diskriminierung von Zuwanderern sei abzubauen. Die Kirche finde in Migrantenselbstorganisationen, Frauenverbänden und weiteren Akteuren der Zivilgesellschaft geeignete Kooperationspartner, um Empowerment weiter zu fördern.

Teilhabe vor Ort – der Faktor Wohnraum

Ludwig Gareis (Geschäftsführender Vorstand des Katholischen Wohnungsbau- und Siedlungswerkes der Diözese Regensburg GmbH) und Andreas Konen (Abteilungsleiter Migration der Malteser Werke gGmbH) machten deutlich, dass sowohl die Bereitstellung von Unterkünften als auch die Gestaltung von Wohnquartieren entscheidend für gelingende Integration seien. Je nach Zielgruppe (Einzelpersonen, Familien, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge) müsse man spezifische Bedürfnisse berücksichtigen, z. B. die Bereitstellung von Infrastruktur und professioneller Begleitung.

Im anschließenden Austausch ging es um das Engagement der Kirche im Bereich des sozialen Wohnungsbaus. Um Zeichen gelebter Solidarität zu setzen, sei es wichtig, Angebote für Flüchtlinge und bedürftige Einheimische zu schaffen. Mit den katholischen Siedlungswerken könne die Kirche auf geeignete Instrumente zur Realisierung zukunftsweisender sozialraumorientierter Wohnprojekte zurückgreifen. Entsprechende Best-Practice-Beispiele sollten genutzt werden, um Lösungswege aufzuzeigen. Voraussetzung sei, dass die (Erz-)Bistümer weiterhin mit der nötigen Offenheit und Kreativität prüften, welche Grundstücke und Gebäude von (Erz-)Bistümern, Kirchengemeinden und Ordensgemeinschaften zur Verfügung gestellt werden könnten, um Baugrund zu schaffen. Zudem solle sich die Kirche auch auf politischer Ebene für die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum einsetzen. Es wurde auch darauf hingewiesen, dass ehrenamtliche Helfer vielerorts kirchliche Räumlichkeiten mietfrei nutzen könnten, um Unterstützung für Flüchtlinge anzubieten und einen Raum für Begegnung zu schaffen; diese bewährte Praxis gelte es fortzusetzen und auszubauen.

  

Erzbischof Heße begrüßt die Teilnehmer des zweiten Katholischen Flüchtlingsgipfels.
© Katholische Stadtkirche Frankfurt


Chancen auf dem Arbeitsmarkt – Handlungsfeld berufliche Qualifizierung

Im Austausch mit Heribert Kron (Diözesansekretär i. R. aus dem Bistum Mainz der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung e. V.) und Reinald Wolff (Vorsitzender des Bundes Katholischer Unternehmer der Diözesangruppe Rottenburg-Stuttgart) wurden Fragen der Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt besprochen. Als Herausforderungen wurden lange Wartezeiten im Asylverfahren, Sprachdefizite und mangelnde bzw. nicht anerkannte Berufsqualifikationen benannt. Einige kirchliche Einrichtungen seien gewillt und in der Lage, Praktika und Ausbildungsangebote für Flüchtlinge anzubieten, auch wenn diese nicht immer in tradierte Ausbildungsmuster passen würden. Gerade für Flüchtlinge im ausbildungsfähigen Alter (16 bis 18 Jahre) fehlten entsprechende Bildungsangebote.

Im Verlauf der Diskussion wurden die Netzwerkstrukturen der Kirche thematisiert, die dazu beitragen könnten, Angebot (Ausbildungsmöglichkeiten) und Nachfrage (interessierte Flüchtlinge) zusammenzubringen. Insbesondere katholische Unternehmer, gut vernetzte Persönlichkeiten des kirchlichen Lebens und ehrenamtliche Flüchtlingshelfer könnten zur Vermittlung beitragen und eine gute Begleitung während der Ausbildung gewährleisten. Die Verbreitung von Best-Practice-Beispielen sei hilfreich, um flächendeckend auf funktionierende Modelle aufmerksam zu machen. Darüber hinaus wurde über die Unterteilung in Personen mit und ohne Bleibeperspektive diskutiert, die zu unterschiedlichen Ansprüchen auf Bildungsangebote führt.

Seelsorge und Gemeindeentwicklung im Angesicht der Zuwanderung

Dr. Hubertus Schönemann (Leiter der Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral, KAMP) berichtete, dass die Gründung zahlreicher ehrenamtlicher Initiativen und neue Seelsorgeangebote für Flüchtlinge vielerorts Impulse zur Gemeindeentwicklung gesetzt haben. Die verfasste Kirche und ihre Caritas seien dadurch näher zusammengerückt. Festzustellen sei, dass sich in der Flüchtlingsarbeit viele Freiwillige engagierten, die einen kirchlichen Hintergrund haben, aber nicht zur sonntäglichen Gottesdienstgemeinde gehörten. Jenseits der Frage nach Konfession oder Rechtsstatus bildeten diese Engagierten zusammen mit den Flüchtlingen „Gemeinden“. Diese Entwicklung sollte als Chance begriffen werden, „jenen Gott ..., der in ihren Häusern, auf ihren Straßen und auf ihren Plätzen wohnt“, zu entdecken (Evangelii gaudium, 71). Im Austausch zeigte sich, dass das kirchliche Engagement in der Flüchtlingshilfe auch in Bundesländern mit geringem Katholikenanteil stark ausgeprägt sei und dort von der Politik und anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren besonders geschätzt werde. Katholiken in der Diaspora würden – neben der praktischen Hilfe für Flüchtlinge – auch einen wichtigen Beitrag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und gegen Fremdenfeindlichkeit leisten. Um Ängsten und Vorbehalten gegenüber Flüchtlingen in den Kirchengemeinden zu begegnen, wurde empfohlen weitere Begegnungsangebote mit Flüchtlingen zu initiieren. Auch solle das umfassende kirchliche Engagement für verschiedene Gruppen von unterstützungsbedürftigen Menschen in Deutschland – etwa Arme, Menschen mit Behinderung oder alte Menschen – stärker bekanntgemacht werden.

Fazit

Der zweite Katholische Flüchtlingsgipfel schärfte das Bewusstsein dafür, dass die kirchliche Flüchtlingshilfe auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens lebendig ist und sich durch die Vielfalt ihrer Akteure und Kompetenzen auszeichnet. Anknüpfend an die aktuelle Debatte um Fragen der Integration ging es in besonderer Weise um die Förderung gesellschaftlicher Teilhabe und die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Der zweite Katholische Flüchtlingsgipfel ermöglichte den Austausch von Ideen, auf welche Weise kirchliche Einrichtungen diesen Prozess unterstützen können. Zudem wurden Handlungsperspektiven für eine bedarfsgerechte Weiterentwicklung der kirchlichen Flüchtlingshilfe aufgezeigt. Aufgrund der positiven Resonanz der Teilnehmer ist für 2017 ein dritter Katholischer Flüchtlingsgipfel geplant.

   

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