Soziale Verantwortung

Die Tradition der Katholischen Soziallehre in Deutschland

Die Katholische Soziallehre und die christlich-soziale Bewegung haben in Deutschland eine lange Tradition. Ihnen geht es um eine vernünftige Ordnung des gesellschaftlichen Zusammenlebens und um soziale Gerechtigkeit.

Geschichte und wichtige Vertreter

Die Katholische Soziallehre und die christlich-soziale Bewegung wurden von Geistlichen und Laien gleichermaßen geprägt. Bahnbrechend in seinen sozialpolitischen Ideen und Forderungen zur Lösung der „sozialen Frage“ war der Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811–1877), dessen Vorstellungen unmittelbar auf das Programm des sozialen und politischen Katholizismus wirkten. Um das soziale Schicksal der Handwerksgesellen hat sich Adolph Kolping (1813–1865) verdient gemacht. Seine Sorge galt vor allem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die heute in zahlreichen Initiativen des Kolpingwerkes weiterlebt.

Über die deutsche Zentrumspartei haben die Katholiken wesentlich auf die Sozialgesetzgebung im Kaiserreich wie auch in der Weimarer Republik eingewirkt. In der katholischen Arbeiterbewegung erschloss sich seit dem 19. Jahrhundert den katholischen Laien ein weites Feld sozialer Verantwortung.

Die katholische Soziallehre gewann durch ihre Hauptvertreter in Deutschland ein eigenes Profil. Heinrich Pesch SJ (1854–1926) gilt als Begründer des christlichen „Solidarismus“, der zwischen „Liberalismus“ und „Sozialismus“ die Konzeption einer eigenständigen Gesellschaftsauffassung entwarf.

Der Priester und Sozialpolitiker Franz Hitze (1851–1921) übte scharfe Kritik am Industriekapitalismus und war Mitbegründer des „Volksvereins für das katholische Deutschland“ (1890–1933), einer Massenorganisation, die das soziale Gewissen der deutschen Katholiken weckte und deren gesellschaftliche Integration sich zum Ziel setzte. Der Priester und langjährige Reichsarbeitsminister Heinrich Brauns (1868–1939) führte 1927 die Arbeitslosenversicherung in Deutschland ein.

Oswald von Nell-Breuning © KNA-Bild

Die beiden Jesuiten Oswald von Nell-Breuning (1890–1991) und Gustav Gundlach (1892–1963) haben das soziale Denken im deutschen Katholizismus der frühen und mittleren Bundesrepublik entscheidend geprägt. Auf Gundlach geht die Formulierung des Subsidiaritätsprinzips in der Enzyklika „Quadragesimo Anno“ (1931) zurück. Dieses Prinzip besagt, dass sich kleinere Einheiten wie die Gemeinde oder die Stadt bei (finanziellen) Problemen zuerst selbst helfen müssen. Erst wenn sie damit überfordert sind, springt eine übergeordnete Ebene wie das Bundesland oder der Staat ein.
Kardinal Joseph Höffner (1906–1987) war ein hoch angesehener Vertreter der Christlichen Sozialwissenschaft, dessen Verdienst nicht zuletzt darin bestand, die katholische Soziallehre in einer Epoche geistiger und gesellschaftlicher Umbrüche auf Kurs gehalten zu haben.

Nach 1945

Die Jahre 1933–1945 bedeuteten für den sozialen und politischen Katholizismus in Deutschland nicht nur einen tiefen Einschnitt, sondern vielfach auch den Abbruch und die Zerstörung einer langen Traditionslinie. Der Neu- und Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg stand im Zeichen veränderter gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen. Nach dem Unrechtssystem des Nationalsozialismus galt es, sich auf die unantastbare Würde des Menschen und die christlichen Grundwerte als Fundament des Gemeinwesens zurückzubesinnen. Ausdruck einer wertbestimmten Verfassung ist das Grundgesetz von 1949. Der deutsche Sozialstaat wurde mit wesentlicher Beteiligung von politisch und sozial engagierten Christen aufgebaut. Hier gelang es, ein naturrechtlich fundiertes Menschenrechtsverständnis und eine an den Prinzipien der Solidarität und Subsidiarität orientierte Gesellschaftsauffassung in die politische Wirklichkeit umzusetzen. Die sozialistische Diktatur, die sich nach 1945 im östlichen Teil Deutschlands etablierte, hat dort eine freiheitliche Entwicklung verhindert.

Die Aktivitäten des Laienkatholizismus wurden in dem 1952 gegründeten Zentralkomitee der deutschen Katholiken gebündelt. Vom Zentralkomitee sind eine Vielzahl sozial- und gesellschaftspolitischer Anregungen und Initiativen ausgegangen. Die Deutsche Bischofskonferenz gründete zur Wahrnehmung der sozialen Fragen am 12. Februar 1963 die Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle mit Sitz in Mönchengladbach. Sie gilt bis heute als gewichtige Stimme der katholischen Sozialverkündigung mit internationalem Ruf.

Auch die deutsche Gesellschaft ist heute von tiefreichenden Säkularisierungs-, Pluralisierungs- und Individualisierungsprozessen geprägt. In einem Land, in dem rund 25 Millionen Katholiken und etwa ebenso viele evangelische Christen leben, stellt dies eine Herausforderung für die beiden großen Kirchen dar. In jüngerer Zeit haben die evangelische und katholische Kirche zu gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Grundfragen gemeinsam Stellung genommen, so zur Geltung der Grundwerte, zum Schutz des Lebens, zur Verantwortung für den Sonntag, zur Überwindung der Arbeitslosigkeit, zur Eigentumsproblematik in den neuen Bundesländern, zur Migration und zur Integration der Ausländer.

www.zdk.de
www.ksz.de

Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen: Das Soziale neu denken

Für eine langfristig angelegte Reformpolitik
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Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen: Mehr Beteiligungsgerechtigkeit
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Wirtschaftsordnung und Wirtschaftsethik. Richtlinien der Katholischen Soziallehre
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