Begriff
Das Wort "Ökumene" kommt aus dem Griechischen und meint ursprünglich "die bewohnte Erde". Mit der weiteren Verbreitung des Christentums und der Kirche gewann der Begriff dann eine dezidiert kirchliche Bedeutung im Sinne von "universal, allgemeingültig, autoritativ". Heute wird der Begriff Ökumene in erster Linie durch die Entwicklung und das Selbstverständnis der Ökumenischen Bewegung bestimmt. Es geht um das Bemühen um die weltweite Einheit der Christen, den universalen Dienst der Kirche an der Welt sowie das Bemühen der Christenheit um die Einheit der Menschheit.
Die katholische Kirche versteht unter der Ökumenischen Bewegung "Tätigkeiten und Unternehmungen, die je nach den verschiedenartigen Bedürfnissen der Kirche und nach Möglichkeit der Zeitverhältnisse zur Förderung der Einheit der Christen ins Leben gerufen und auf dieses Ziel ausgerichtet sind" (Dekret über den Ökumenismus "Unitatis redintegratio", 21.11.1964).
Die katholische Kirche führt auf nationaler und internationaler Ebene eine Vielzahl von Dialogen mit den verschiedenen christlichen Kirchen. Ihre Kontakte zu den Weltreligionen bilden einen Teil der ökumenischen Zusammenarbeit, sind aber von der innerchristlichen Ökumene zu unterscheiden.
Ökumene in Deutschland
Das Zweite Vaticanum (1962 - 1965) nannte es eine seiner Hauptaufgaben, "die Einheit aller Christen wiederherstellen zu helfen" und gab eben dies den katholischen Gläubigen als Verpflichtung auf. Das Konzil fand damit in Deutschland offene Türen. Denn aus der gemeinsamen Bedrängnis unter den Nationalsozialisten hatten die Christen der verschiedenen Konfessionen ihre Nähe entdeckt.
Nach zaghaften Ansätzen zum Brückenschlag seit den zwanziger Jahren wuchs in Deutschland seit dem Kriegsende eine ökumenische Bewegung; 1957 gründete der damalige Paderborner Erzbischof Lorenz Jaeger das dortige "Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik". Der Kampf der SED gegen die Kirchen führte auch in der DDR dazu, dass evangelische und katholische Christen eher das Gemeinsame suchten, als das Trennende zu betonen. Kardinal Jaeger war es, der zusammen mit dem deutschen Kurienkardinal Augustin Bea ein vatikanisches "Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen" anregte, das Papst Johannes XXIII. 1960 gründete und das entscheidend zur ökumenischen Ausrichtung des Konzils beitrug.
Die "Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland" (Würzburg 1971-1975), die das Zweite Vaticanum auf die Kirche in Deutschland übertrug, betonte die historische Verantwortung der Katholiken im Land der Reformation, den "Skandal" der Zerrissenheit zu überwinden: "Weil Deutschland eines der Ausgangsländer der Kirchenspaltung ist, sind die gläubigen Christen in Deutschland der gesamten Christenheit besondere Bemühungen um die christliche Einheit schuldig." Zur gleichen Zeit nahm die Pastoralsynode in der DDR (Dresden 1973 - 1975) das Konzilsdekret über den Ökumenismus auf und empfahl den katholischen Gemeinden den Dialog, gemeinsame Aktivitäten und Gottesdienste mit den Christen anderer Konfessionen.
Die beiden ersten Besuche Johannes Pauls II. in der Bundesrepublik 1980 und 1988 gaben der Ökumene in Deutschland entscheidende Impulse. Die Begegnung des Papstes mit Vertretern der Evangelischen Kirche im November 1980 in Mainz hatte zur Folge, dass Bischofskonferenz und EKD zusammen mit dem vatikanischen Einheitssekretariat eine Ökumenische Kommission bildeten. Bereits 1981 veröffentlichte das Gremium ein Gemeinsames Wort zum Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel, dem später Erklärungen über die Feier des Sonntags und zur konfessionsverschiedenen Ehe folgten.
Im Auftrag der Kommission beriet ein Ökumenischer Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen über die gegenseitigen Lehrverurteilungen des 16. Jahrhunderts; nach dessen Vorarbeit kam die Ökumenische Kommission in ihrem Schlussbericht 1985 zu dem Ergebnis, dass die damaligen Verwerfungen der je anderen Konfession den heutigen Partner nicht mehr treffen; damit sei die Voraussetzung geschaffen, schwere Hindernisse für eine engere Gemeinschaft zwischen den getrennten Kirchen auszuräumen und weitere gemeinsame Schritte zur Festigung der ökumenischen Gemeinschaft zu tun.
Beim Pastoralbesuch des Papstes im Frühjahr 1988 durchzog das Thema Ökumene seine Ansprachen wie ein Roter Faden; die inzwischen erreichte Nähe zwischen den Kirchen wurde deutlich beim ökumenischen Gottesdienst, den Johannes Paul II. mit dem damaligen EKD-Ratsvorsitzenden Bischof Kruse, dem bayerischen Landesbischof Hanselmann, dem griechisch-orthodoxen Metropoliten Augoustinos und einem Pastor der Herrnhuter Brüder-Gemeine in Augsburg feierte. Zum Ausdruck kam dabei, dass die Überwindung der Spaltungen der Christenheit nicht eine Sache nur des theologischen Dialogs sein kann, sondern vor allem eine Frucht des gemeinsamen Gebets.
Heute gibt es zwischen allen christlichen Kirchen in Deutschland, die sich zu einer Arbeitsgemeinschaft mit Sitz in Frankfurt zusammengefunden haben, auf allen Ebenen beständige institutionelle und informelle Kontakte, eine Vielzahl von theologischen Dialogen und gemeinsamen Initiativen; die Zusammenarbeit zwischen gleichartigen kirchlichen Einrichtungen, Verbänden und Gruppen ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Katholikentage und evangelische Kirchentage sind nicht mehr vorstellbar ohne deutliche ökumenische Akzente. Die offiziellen Feiern 1996 zum Gedenken an den 450. Todestag des Reformators Martin Luther wurden in ökumenischem Geist gestaltet, die Teilnahme katholischer Amtsträger wie Gläubiger hat nichts Aufsehenerregendes. 2003 wurde der erste Ökumenische Kirchentag in Berlin gefeiert.
Regelmäßige ökumenische Gottesdienste benachbarter Gemeinden, die früher kirchlich kaum voneinander Kenntnis nahmen, gehören zur Normalität. Die Einheitsübersetzung der Bibel (1979) und gemeinsame Gebetstexte und Lieder schaffen für die Liturgie gegenseitige Vertrautheit. Die Gebetswoche für die Einheit der Christen im Januar oder vor Pfingsten, der Weltgebetstag der Frauen im März, der Ökumenische Kreuzweg der Jugend in der Fastenzeit und die Ökumenische Bibelwoche sind für viele Christen fester Bestandteil ihres Glaubensvollzuges.
Aus der Einsicht des Zweiten Vatikanischen Konzils, dass die fehlende Einheit der Kirche Christi auch ein "Ärgernis für die Welt" darstellt, sind seit langem gemeinsame Erklärungen der Bischofskonferenz und der EKD zu wichtigen politischen und gesellschaftlichen Fragen Praxis geworden. Seit 1994 veranstalten beide Kirchen gemeinsam die im Jahre 1991 von der Deutschen Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken initiierte "Woche für das Leben". Es geht darum, das Bewusstsein für den Schutz des Lebens auf allen Ebenen zu stärken. Themen waren bisher u. a. das ungeborene Leben, eine kinderfreundliche Gesellschaft, behinderte Menschen und Suchtgefahren. 2005 bis 2007 steht die "Woche für das Leben" unter dem Leitthema "KinderSegen - Hoffnung für das Leben".