Else Breen

Warte nicht auf einen Engel

Begründung der Jury

Es ist eine Überraschung, in einem zeitgenössischen Mädchenbuch von literarischem Gewicht neben den realistisch und überzeugend geschilderten alterstypischen Problemen mit Familie und Umwelt an zentraler Stelle eine fundamental religiöse Aussage vorzufinden. Die norwegische Autorin hat dafür die Form rückschauender Aufarbeitung gewählt, in der die fünfzehnjährige Mia sich des langsamen Sterbens ihrer krebskranken Mutter erinnert. Sie erfährt zunächst als unfreiwillige Zeugin eines Gesprächs zwischen den Eltern von der Krankheit der Mutter, die vorerst mit sich selbst ins reine kommen will und deshalb ihren Zustand vor den Kindern verbirgt. Mia versucht, vor Familie und Freundeskreis dieses Wissen für sich zu behalten, und gerät dadurch selbst in eine Krise. Eine erste entscheidende Hilfe findet sie bei ihrem Religionslehrer mit dem beziehungsreichen Engel-Namen Michael. Doch dieser ist auch kein unangefochtener Christ und verweist sie an ihren Vater, bevor er sich selbst vom Feld theologischen Theoretisierens abwendet und eine existentielle Bewährung seiner Glaubenshaltung als Entwicklungshelfer in Südamerika sucht. Die religiöse Lebenssicht der Mutter wird zunächst nur in ihrem Verhalten sichtbar, etwa darin, wie sie den Außenseiter Leo ohne Vorbehalte akzeptiert. Ihre innere Wandlung angesichts des bevorstehenden Todes schlägt sich nieder in knappen religiösen Notizen, die Mia erst nach dem Tod der Mutter vorfindet. Dieser fragmentarisch formulierte Nachlass umfasst die gesamte Aussage des Buches. Er zeigt, wie sich ihre Vorstellung von Gott „sub specie aeternitatis", angesichts des Todes als einer neuen Dimension des Lebens, nach und nach vertieft: „Gott ist Frieden. Diese Worte sind zu mir zurückgekehrt, aber nun weiß ich, dass Frieden nicht das gleiche bedeutet wie wolken-freier Himmel, gute Gesundheit und ein harmonisches Innenleben! Frieden heißt, sich mit dem Leben im Guten wie im Bösen aussöhnen und Gott in dem erkennen, was immer mit uns geschieht." Diese Niederschriften füllen das Schweigen aus, das sich in der Gesellschaft breitmacht und das auch zwischen Mutter und Tochter stand. So vollzieht sich, unterstützt durch diese Texte, auch bei Mia ein Reifungsprozess, und sie umschreiben zugleich die Basis, auf der die anderen nach dem Tod der Mutter ihr Leben weiterführen können, nicht wie solche, die keine Hoffnung haben. Nach der langen Durststrecke, in der religiöse Themen in der erzählenden Kinder- und Jugendliteratur nahezu völlig ausfielen, zeigt sich hier ein neuer Anfang, und es entspricht wohl weitgehend dem Empfinden gegenwärtiger Jugend, dass religiöse Erfahrung hier als existentielle Grundentscheidung erscheint und nicht eingebettet in traditionelle Formen. Für die Aussage wurde eine literarische Form gefunden, in der religiöse, ja christliche Lebenshaltung angesichts der häufig verdrängten Erfahrung des Todes auf junge Leser von etwa 13 Jahren an nachdrücklich wirken kann.

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