Willi Fährmann

Der lange Weg des Lukas B.

Begründung der Jury

Aus einem masurischen Dorf bricht Ende der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts der Zimmermann Friedrich Bienemann mit seiner Mannschaft von Gesellen und Lehrlingen nach Amerika auf: nicht aus Abenteuerlust, sondern um die Schulden seines entlaufenen Sohnes zu decken. Dieser Sohn Karl wollte nicht Zimmermann werden. Er zeigte vielmehr künstlerisches Talent, hatte Freude am Schnitzen und Malen. Er zerbricht allerdings an der Missachtung seines Talents und verkommt innerlich und äußerlich. Den Enkel Lukas will der Großvater durch eine sorgfältige Erziehung vom Weg des Vaters fernhalten. Der Vierzehnjährige möchte jedoch über seinen Vater mehr erfahren als nur Andeutungen und versteckte Vorwürfe. Deshalb drängt er darauf, nach Amerika mitzufahren, denn er hat herausgefunden, dass sein Vater dorthin entwichen ist. Schon auf dem Schiff findet er Spuren von ihm, Bilder, halbvollendetes Schnitzwerk und mehr erfundene als wahrscheinliche Geschichten aus seinem Leben. Aber er begegnet dem Vater nicht, denn Karl Bienemann entzieht sich den Seinen. Als Lukas nach Hause zurückkehrt, hat er zwar keinen Vater gefunden, jedoch seine eigene Identität erlangt und erreicht, dass diese auch vom Großvater respektiert wird.
Die umfangreiche Erzählung birgt mehr als dieses überzeitliche Identitäts- und Generationenproblem. Sie ist ein Abenteuerroman voll interessanter Ereignisse, angesiedelt an der Wende zum industriellen Zeitalter: Hinreise nach Amerika auf dem Zwischendeck des letzten Danziger Seglers und Rückkehr mit dem Dampfschiff; die Situation der Südstaaten der USA nach der Sklavenbefreiung; die Konkurrenz der Dampfsäge für die traditionelle Zimmermannsarbeit. Da sind zudem die sorgfältig nachgezeichneten Wege der ostpreußischen Amerikafahrer, weiterhin der junge Lehrer, der als verfolgter Revolutionär und Demokrat aus Xanten in den äußersten Osten flieht und in Mathilde, der rothaarigen Bienemantochter, eine Gefährtin im Streben nach Emanzipation findet. Es wird bedächtig erzählt, ohne zu langweilen. Der Autor nimmt sich Zeit. Er verlangt von seinen Lesern konzentrierte Aufmerksamkeit – und dies in einer Zeit, deren Literatur zur Knappheit und Flüchtigkeit tendiert. Sachinformationen über das Zimmermannshandwerk und die Segelschifffahrt geben ein unverwechselbares Kolorit.
Hier wird christliche Lebenshaltung auf eine Weise in die Fülle der Erzählung integriert, ist so sehr das "Normale", dass dies dem heutigen Leser bereits wieder zum Erlebnis wird. Die Kirche ist im heimatlichen masurischen Dorf ein selbstverständlicher Teil des Gemeinschaftslebens. In der amerikanischen Diaspora werden das Katholischsein und der Kirchgang treu durchgehalten, allerdings auch die fremde Religiosität in ihrer Eigenart akzeptiert. Die sakramentalen Vollzüge, die zu den Wendepunkten des Lebens gehören, sind folgerichtig eingebracht. Zimmermann Lenski vertritt ein Stück Laienspiritualität, die über das bloß Rituelle hinausgeht. Was an Rechtschaffenheit gegenüber der Mannschaft oder an Parteinahme für die Sklaven von Bienemann praktiziert wird, ist auf dem Boden der Zehn Gebote gewachsen. Und sein Umdenken in der Beurteilung des "verlorenen Sohnes", das Ablegen der angemaßten "Gottvater-Rolle", darf als ein Stück christlicher Umkehr gedeutet werden. Die Kraft der Verzeihung zeigt sich als Frucht eines von christlicher Praxis getragenen Lebens. Die Art schließlich, wie Großvater und Enkel einander akzeptieren, ist Ausdruck christlicher Hoffnung. Auf solche Weise durchbricht dieser „Abenteuerroman", den junge Menschen von etwa 13 Jahren an ebenso wie viele Erwachsene mit Spannung lesen werden, gängige Klischees.

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