Max Bollinger

Euer Bruder Franz

Begründung der Jury

Der achthundertste Geburtstag des heiligen Franziskus hat auf dem deutschen Buchmarkt zu einer Flut von Veröffentlichungen geführt. Die Lebensgeschichte des „Kleinen Armen“ von Assisi wurde dabei sehr unterschiedlichen Interpretationen unterworfen. Der Schweizer Autor Max Bolliger gehört nicht zu jenen Vereinfachern, die selbst für das Außergewöhnliche in einem Heiligenleben Erklärungsmodelle aus der Psychologie oder den Gesellschaftswissenschaften bereithalten. Sein Franziskusbuch macht schon im Titel deutlich, welche Absichten den Verfasser leiten: Er will die historische Distanz überbrücken, die den zeitgenössischen Leser vom Poverello trennt. Das geistige Vermächtnis des Heiligen und seine Taten sollen wieder so lebendig werden, dass wir mit innerer Berechtigung von „unserem Bruder Franz“ sprechen können.

Derartige Versuche einer Aktualisierung haben ihre Tücken. Max Bolliger widerstand jedoch der Gefahr, die Franziskus-Vita oberflächlich zu modernisieren. Bei ihm ist Bruder Franz mehr als nur ein „Troubadour Gottes“ und nicht nur ein Heiliger des Umweltschutzes. Die Stärke dieses Buches, das sich an Kinder ab 12 Jahren, aber auch an Erwachsene wendet, liegt in der Sorgfalt, mit der die geschichtliche Überlieferung behandelt wird. Der Autor erweist sich in seinem biographischen Bericht als ein gewissenhafter Chronist; auf einer zweiten Erzählebene fügt er Legenden aus dem Leben des Bruder Franz ein. Die im Druckbild unterschiedenen Texte ergänzen einander zu einem differenzierten Gesamtbild. Die ausgewählten Legenden haben programmatischen Charakter. Sie zielen auf die beispielhaften Züge des Heiligenlebens und machen den Leser unmittelbar vertraut mit dem Gedankengut der franziskanischen Armutsbewegung. Was die narrative Theologie fordert, hier ist es auf glückliche Art eingelöst: Bolligers Franziskusbuch redet in Bildern und denkt in Gestalten. So überspringt es den zeitlichen Abstand, der zwischen uns Heutigen und Franziskus liegt, ohne diesen Abstand zu leugnen.

Max Bolliger greift in seinen Nacherzählungen auf die Fülle der franziskanischen Quellenschriften zurück. Er hat die Originaltexte zwar sprachlich gestrafft, ihre religiöse Botschaft aber unverändert belassen. Das Buch zeichnet den Weg der Umkehr und der Buße nach, den der heilige Franziskus auf sich nahm. Der Leser nimmt teil an der Gotteserfahrung des Heiligen, in der sich die Demut gegenüber allen Geschöpfen aus der liebenden Verehrung des Schöpfers herleitet. Es wäre sicherlich einseitig, würde man das Leben des Poverello nur unter dem Blickwinkel der evangelischen Armut sehen. Die radikale Nachfolge Jesu führt ihn zu einer „geheimnisvollen Gleichzeitigkeit“ (Joseph Bernhart) mit Jesus. Franziskus war ein Mensch, der Grenzen überschritt - auch darauf verweist diese Biographie, die die unausschöpfbare Heiligen-Vita weitergibt. So ist es nur folgerichtig, dass Bolliger neben den „Bruder Immerfroh“ den weinenden Franziskus stellt. Indem das Buch mit dem Testament des „Kleinen Armen“ schließt, enthüllt es ein Stück der Lebenstragik des Franziskus, die sich aus dem Konflikt zwischen der religiösen Unbedingtheit des Heiligen und den Erfordernissen einer Ordensgemeinschaft ergab.

Bolliger hat mit seiner Biographie des Franziskus ein künstlerisch geschlossenes und sachlich anspruchsvolles Buch vorgelegt, das neue Maßstäbe in der religiösen Kinder- und Jugendliteratur setzt.

Alle Rechte vorbehalten © 2017 Deutsche Bischofskonferenz

Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz | DBK.de | pressestelle(at)dbk.de | Kaiserstrasse 161 | 53113 Bonn | Telefon: 0228 103-214 | Fax: 0228 103-254