Michael Gerard Bauer, Birgitt Kollmann für die Übersetzung

 Running Man

Ein ehemaliger Lehrer, der sich in seinem Zimmer einschließt, um sich vor der Welt zu schützen, ein traumatisierter Mann, der ziellos durch die Straßen der kleinen Siedlung rennt, ein Vater, der im fernen Neuguinea in einen Bergrutsch gerät und ein Gedicht über Seidenraupen.

All dies geht dem vierzehnjährigen Joseph durch den Kopf, als er in der Judaskirche sitzt. Vor ihm liegt in einem Sarg ein Mann, den er in den letzten Monaten wider Erwarten lieb gewonnen hat. Nun ist Tom gestorben, in einem Moment, den er als „ein Blitz von Freude“ erlebt hat.

Josephs Gedanken gehen zurück zu jenem Schulprojekt, mit dem die Geschichte angefangen hatte. Er sollte das Portrait einer lebenden Person zeichnen, und das bedeutet, so hat es sein Kunstlehrer erklärt, sich in einen Menschen so einzufühlen, dass er sein Wesen und nicht nur seine Gestalt darstellen kann.

Dieser Auftrag führt Joseph zu seinem Nachbarn Tom, einem Mann, der seit dreißig Jahren verborgen in seinem Zimmer lebt und von seiner Schwester Carolin liebevoll betreut wird. Gerüchte gibt es über diesen Einsiedler, und sie sind eher bedrohlich. Lehrer sei er gewesen, erzählt man sich, aber bereits nach kurzer Zeit entlassen worden, woraus sich die unentwegte „Klatschtante“ des Wohnviertels einen Fall von Kindesmissbrauch zusammen gereimt hat.

Auch Joseph ist dieser Tom zunächst unheimlich. Er ist abweisend, geradezu unfreundlich und verbringt seine Tage mit der Aufzucht von Seidenraupen, die er liebevoll mit den Blättern eines Maulbeerbaums füttert. Nur hier, bei der Aufzucht dieser Insekten, die außerhalb ihrer Schachteln gar nicht lebensfähig sind, kann Tom noch Leben schützen und bewahren.

Der Kontakt mit Menschen ist ihm seit seinen schrecklichen Erlebnissen im Vietnamkrieg verbaut. Seine Verschlossenheit hat wüste und doch falsche Verdächtigungen erzeugt.

Die Mauer zwischen dem Jungen und dem Mann lässt zunächst auch die Zeichnungen misslingen. Die von Joseph zu Papier gebrachten Gesichtszüge sind kalt und leblos.

Einen einzigen literarischen Text hat Tom von seiner ursprünglich umfangreichen literarischen Bibliothek noch behalten, und der verkörpert die letzte Lebendigkeit, über die er noch verfügt. Es ist das Gedicht „Die Seidenraupen“, das Joseph und Tom die Worte gibt, die beiden bisher gefehlt haben. Dieses Gedicht baut eine Brücke zwischen ihnen und mühsam beginnt der Ältere, dem Jüngeren von seinem Leben zu erzählen. Vergeblich hatte Tom um das Wunder gebetet, wieder leben zu können, ein Wunder, das er an seinen Seidenraupen immer wieder beobachtet hat. Nun geschieht es unerwartet und ganz anders, als Tom es sich vorgestellt hat.

Offenheit und Zuwendung verwandeln seine Härte und Kälte. „Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch“, spricht Gott im Buch des Propheten Ezechiel (38,26), und dieses Wunder, ein „Blitz von Freude“, geschieht an Tom, ausgelöst durch die Begegnung mit einem jungen, sensiblen Menschen.

Der australische Autor hat in seinem Buch „Running Man“ ein seltenes Thema aufgegriffen. Ohne Joseph zu heroisieren, wird dieser doch zum Anlass für das Heilwerden eines vom Leid schwer gezeichneten Erwachsenen. Wirkliche Wunder, so zeigt diese Geschichte, geschehen da, wo Leben neu aufbricht, und das geschieht oft anders als Menschen es sich vorstellen.

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