Anne-Laure Bondoux, Maja von Vogel für die Übersetzung

Die Zeit der Wunder

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: Es sind zuallererst die politischen Ideale, die Koumaïl mit Frankreich verbindet – dem Land, aus dem er angeblich stammt. So erzählt es zumindest Gloria, die ihn als Baby im Kaukasus aus einem verunglückten Zug gerettet hat. Beleg dafür sind ein Pass und die Geschichte seiner Herkunft, die Gloria ihm immer und immer wieder erzählen muss. Eigentlich, so sagt sie, sei er ein kleiner Franzose mit dem Namen Blaise Fortune, den seine sterbende Mutter ihr, der fremden Frau, anvertraut hat. Um den Wirren der kaukasischen Kriege zu entkommen, tritt Gloria mit ihm die gefährliche Flucht Richtung Frankreich an, wo seine Familie zu Hause ist und ein Leben in Freiheit auf ihn wartet.

Koumaïls älteste Erinnerung reicht zurück ins Jahr 1992, als er und Gloria gemeinsam mit anderen Flüchtlingen im „Großen Haus“ leben. Doch schon bald treibt sie die Angst vor den Milizen wieder auf die Straße. Not und Elend sind überall, das Leben der Menschen ist im unübersichtlichen Frontverlauf nicht viel wert. Immer wieder müssen sie Abschied nehmen von Orten, an denen das Leben fast normal scheint, vor allem aber von Menschen, die sie lieb gewonnen haben. Jedes Mal, wenn Koumaïl der Verzweiflung nahe ist, ist Gloria da. Unerschütterlich, liebevoll, nie nachlassend in ihrem Einfallsreichtum, der ihnen ein ums andere Mal das Überleben sichert. Hoffung gibt ihm auch eine der wenigen Habseligkeiten, die Koumaïl an seine angebliche Herkunft binden – der Atlas, in dem er sich immer wieder neu verorten kann: „Ich habe Seite 16 in meinem grünen Atlas aufgeschlagen und träume vor mich hin: Paris, Nizza … der Atlantische Ozean und der Mont Blanc.“

Sie schaffen es gemeinsam bis zur ungarischen Grenze. Dort trennt sich Gloria heimlich von Koumaïl, der alleine in Frankreich ankommt. Erst als er schon lange erwachsen ist und längst in Frankreich Fuß gefasst hat, erfährt er die ganze Wahrheit. Er erfährt sie von Gloria, die er kurz vor ihrem Tod in Tiflis wiederfindet. Noch einmal erzählt sie ihm die Geschichte seiner Herkunft, aber diesmal erzählt sie sie anders. Fassungslos hört Koumaïl, dass Gloria seine wirkliche Mutter ist und schuldhaft in den Terroranschlag verwickelt war, der damals das Zugunglück herbeiführte. Dort fand sie französische Pässe …

Fatima, ein Mädchen aus jenen unterschiedlichen Schicksalsgemeinschaften, zu deren Teil Koumaïl im Laufe der Geschichte wird, erklärt ihm dessen Bedeutung: allumfassend. Und genau darin liegt der Zauber der von Bondoux in den Mittelpunkt ihres Erzählens gesetzten Figur: Koumaïl selbst ist gleichermaßen das Geheimnis und das Wunder dieser Geschichte, die in reduzierten poetischen Bildern Leiden schildert und doch nie als letztgültig stehen lässt.

Ein großartig geschriebener Roman, der das Prinzip Hoffnung der Menschenverachtung und Verzweiflung entgegensetzt und damit den Charakter eines Hymnus erhält. So wie die literarische Balance zwischen dem real erlebten Leid und dem Traum von einer besseren Zukunft gehalten wird, verklingt auch dort, wo Unheil und Schuld Koumaïls Geschichte prägen, nie der Hochgesang von der Herrlichkeit eines Lebens, das auf Liebe gründet. In ergreifender Sprache erzählt der Roman von entsetzlichen Geschehnissen, aber auch von der Kraft der Liebe und der Kraft der Hoffung – den einzig wirksamen Heilmitteln gegen die Verzweiflung. Der hervorragenden Übersetzung von Maja von Vogel ist es zu verdanken, dass die literarische Qualität des Originaltextes auch für die deutschsprachigen Leser über zeugend zum Ausdruck kommt.

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