Tamara Bach

Was vom Sommer übrig ist

Die Kindheit gilt als Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat. Für Louise und Jana ist diese Zeit jedoch vorbei: Jana wird 13 Jahre alt, ihre Eltern aber vergessen ihren Geburtstag. Die 17-jährige Louise hat ein bitteres Schuljahr hinter sich. Für sie stimmt nichts in diesem Sommer. Abgehängt von ihren Klassenkameraden, plant sie ihren Sommer akribisch durch und nimmt, neben der anstehenden Führerscheinprüfung, verschiedene Ferienjobs in Angriff. Doch ihr gut durchdachter Plan, den Job beim Ampelbäcker und das Zeitungsaustragen so einzurichten, dass sie die Fahrstunden schnell abhaken kann, scheitert in der Praxis kläglich. Hinzu kommt, dass sie ihrer Oma versprochen hat, auf deren kurzatmigen Hund Bonnie aufzupassen. Dann trifft Louise auf Jana, die mitten in diesem heißen Sommer auf einem Stromkasten sitzt und einen kleinen, eingeschweißten Schokokuchen isst. Beide Mädchen leben im Schatten eines Kranken-hauses: Louises Eltern arbeiten dort und versuchen, ihre Dienste so einzuteilen, dass immer einer der beiden zu Hause bei der Tochter ist. Die Dienst-zeiten und die daraus resultierende Erschöpfung führen jedoch dazu, dass Louise allein mit meist schlafenden und schweigenden Eltern lebt. Janas Eltern hingegen sprechen sehr wohl. Allerdings vor allem mit Janas Bruder, der in diesem Krankenhaus im Koma liegt – seit jener Sache … Tom ist das Zentrum allen familiären Handelns. Was geschehen ist, ahnt der Leser, wenn Jana erzählt, wie mühsam mittlerweile ein Supermarktbesuch mit all den verhaltenen Fragen und getuschelten Vermutungen hinter den Regalreihen ist.

Als die beiden Mädchen aufeinandertreffen, löst ihre Begegnung eine Lawine von Wünschen und Träumen aus. Sie gönnen sich zum Beispiel einen gemeinsamen und freien Sommertag und lassen ihren Fantasien freien Lauf. „Und dann wünsche ich mir, dass das nie wieder anders wird. Am liebsten soll die Zeit stehenbleiben, und wenn sie dann doch weitergeht, dann soll alles wieder gut sein, dann soll Tom leben und wach sein und auch wollen.“ Aber Tom stirbt und Jana zieht sich ganz in sich zurück.

Das gemeinsam erlebte Glücklichsein jedoch ermöglicht es Louise, Jana aus ihrer Einsamkeit herauszulocken. Die beiden Mädchen sind einander ein Stück Heil im christlichen Sinn und verweisen damit auf eine literarische Übersetzung von religio: Sie schaffen Verbundenheit und Zugehörigkeit und sind einander Trost. Selten wurde das Motiv des Tröstens und getröstet Werdens so ergreifend erzählt.

Die junge deutsche Autorin Tamara Bach lässt die inneren Stimmen der beiden Mädchen wie zwei Melodien klingen, die ineinander greifen und letztlich zu einer Melodie verschmelzen. Das Gefühl des Verlassenseins als tiefgreifende schmerzliche Erfahrung wird überführt in ein Miteinander, das Einsamkeit aufhebt und Leben wieder in Bewegung bringt.

Das Buch überzeugt in seiner sprachlichen Verdichtung und Reduktion auf das Erleben der beiden Mädchen. Die konsequente Einhaltung von zwei Erzählsträngen, der spezifische Rhythmus ihres Sprechens, Einwortsätze und sichtbar gemachte Gedankensprünge verdichten das Erleben von  Louise und Jana auf wenige Momente eines Sommers. Tamara Bach lässt das emotional Unaussprechliche unausgesprochen und ermöglicht damit jene Leerstellen, die dem Leser Raum für eigene Gedanken und Empfindungen lassen. Die beiden Mädchen spüren jene Sehnsucht, die an die Emmaus-Geschichte erinnert: Hoffnung auf Bewegung und Wandel. „Und jetzt gehen wir, bis uns was anderes einfällt. Aber erst mal gehen wir.“

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