LITERATURSTADT MÜNCHEN

Lesungen bekannter Autoren zu „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“

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LIT.fest münchen 2015, vom 13. April bis 11. Mai

Im Rahmen des Kunstprojektes der Deutschen Bischofskonferenz zum 50-jährigen Jubiläum des Konzilsendes ist die bayerische Landeshauptstadt München Veranstaltungsort des LIT.fest münchen 2015. In Freising, der Bischofsstadt des heiligen Korbinian, und in München, dem heutigen Sitz des Erzbischofs, lesen Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus ihren Werken, die Resonanzen auf die großen Gefühle der Menschen von heute artikulieren: Freude und Hoffnung, Trauer und Angst.

 

Gott als unbekannte Größe - Interview mit Martin Walser

Das Interview führte Mareille Landau beim „Freitagsgipfel“ am 24. April 2015 im Literaturhaus München.

Der Schriftsteller Martin Walser im Literaturhaus München. © DBK/Landau
seitliche Portätaufnahme - neben ihm auf dem Tische steht ein Glas Wasser und es liegen dort auch zwei Bücher.

Herr Walser, das Kunstprojekt der Deutschen Bischofskonferenz steht unter dem Titel „Freude, Hoffnung, Trauer, Angst“. Das ist gleich ein ganzes Gefühlsprogramm. Ich fände es schön, wenn wir diese Begriffe etwas mit Leben füllen könnten. Fangen wir mit dem Heiteren an: Wann verspüren Sie Freude?
Es tut mir Leid, aber das notiert in mir nichts. Das ist ein touristischer Begriff für eine Welt, in der ich nichts zu tun habe. Ich kann erst nachträglich sagen, dass etwas schön oder angenehm war, dass es mich gefreut hat. Aber so lange etwas ist, komme ich nicht dazu zu konstatieren, dass ich mich über etwas freue. Ich müsste lügen, wenn Sie mich jetzt fragen, wann ich zum letzten Mal Freude erlebt habe. Gut, vielleicht liegt es an meiner Demenz, aber ich hätte schon früher Schwierigkeiten gehabt. Auf dieses Wort reagiere ich indifferent, weil ich das Gefühl habe, meine Empfindungen manipulieren zu müssen, um Ihnen eine Antwort geben zu können. Und das tue ich ungern.

Wie sieht es mit Hoffnung aus? Ist das etwas Anderes?
Hoffnung ist etwas ganz Anderes. Hoffnung ist das einzige Antidot gegen Schwere oder Gravitation, gegen Anziehungskraft nach unten. Hoffnung in allen Tonarten, in allen Zurechnungsgraden, in jedem Zusammenhang, Tag und Nacht.

Auf was hoffen Sie?
Lassen Sie mich überlegen. Ein konkretes Beispiel: Ich war krank dieses Frühjahr. Ich hatte eine Grippe mit ungeheuren Husten-Orgien. Tag und Nacht konnte ich keinen Schnaufer tun ohne Hustenreiz. Da habe ich gedacht: Wenn ich je wieder liegen werde, einschnaufen, ausatmen, ohne Hustenreiz, dann bin ich der glücklichste Mensch der Welt. Das war meine Hoffnung (lacht).

Herr Walser, was erfüllt Sie mit Trauer?
Trauer ist schwieriger. Trauer ist fast wie Freude. Wieder so ein Plakatwort. Ich bin jedes Mal überfordert, wenn ich in einer Situation merke, dass von mir Trauer erwartet wird. Ich könnte dann natürlich sagen, dass ich traurig bin. Aber ich glaube, wenn ich wirklich traurig bin, kann ich es nicht mehr sagen. Ich könnte manche Stummheitsperiode in mir als Trauer notieren, aber ich verschone mich mit solchen zu weit gehenden Wörtern.

Bringen wir diesen Begriff einmal in einen religiösen Rahmen. Glauben Sie, dass der Glaube Trauer lindern kann?
Da der Glaube sowieso alles kann, kann er natürlich auch das (schmunzelt). Trauer ist nichts Fundamentales. Sie liegt auf der touristischen Ebene, an der Oberfläche des Bewusstseins.  Dort wo die Verhaltensweisen gesellschaftlich erwartbar sind. Ich wüsste nicht, wie der Glaube Trauer lindern kann. Wie soll er das machen? Wenn ich trauere, ist das ein Zustand, zu dem der Glaube keinen Zutritt mehr hat. Nehmen wir Günter Grass, der gerade gestorben ist. Das hat mich sehr gereckt, auch wenn man es erwarten konnte. Übertrieben gesagt: Es hat mich betroffen. Aber an was hätte ich denn da glauben sollen? Auf ein Wiedersehen im Jenseits?

Wie sieht es mit Angst aus? Ist das auch ein Plakatmotiv?
Nein, die ist so nah wie Hoffnung.

Was macht Ihnen Angst?
Zu viel. Ich habe selbst da Angst, wo es gar nicht nötig wäre. Ich bin angstbesetzt. Das kommt von meiner Mutter. Sie war eine vollkommen angstbesetzte Frau. Obwohl sie eine, wie sie selbst gesagt hätte, vollkommene Katholiken war. Glaubensstark, mit mittelalterlicher Ungebrochenheit – aber vollkommen angstbesetzt. Das hat sie auf ihre Kinder übertragen. Das Wort Angst ist meistens zu groß, aber bei dem was man auch damit meinen kann, bin ich von Anfang an besetzt gewesen. Die lächerlichste Illustration dieses Wortes – ich mache mich auch gerne mal lächerlich – ist meine stete Angst, dass mir das Geld, das ich verdiene, nicht reichen wird. Ich habe immer Angst in irgendeinem plakativen Elend zu landen. Ich sage jetzt nicht unter einer Brücke, es gibt für mich Schlimmeres. Jedenfalls habe ich Angst vor der Ungesichertheit. Und das kommt von meiner Mutter, die immer Angst hatte, dass das Geld nicht reicht. Und es hat ja auch meistens nicht gereicht.

Hat sich das Gefühl von Angst im Laufe der Jahre verändert?
Ja, es muss sich wohl irgendwann verändert haben. Am Anfang hatte ich das Gefühl, ich könnte alles machen, alles riskieren, mir würde nie etwas passieren. Ganz so war es natürlich nicht, aber was ich alles probiert habe, muss schon ziemlich angstarm gewesen sein. Die Bedeutung von Angst ist in mir aber zunehmend gewachsen. Sie wissen, es gibt ganze Philosophien darüber, die ich mit Interesse gelesen habe. Der philosophische Umgang mit Angst hat mich aber nie wirklich erreicht. Für mich ist Angst, das was es wirklich ist. Enge. Meine linke Seite hat Angst. Aber da ich nicht mehr so lange lebe, muss ich nicht mehr so lange Angst haben. (schmunzelt).

Hat denn Angst für Sie auch etwas mit Leere zu tun?
Wie kommen Sie darauf? Das finde ich nicht schlecht. Das habe ich erst jetzt für mich entdeckt. Das ist meine neueste Negativkombination: Angst und Leere. Denn es ist schlimm, wenn man nachts nichts mehr hat, an das man denken kann. Das wirkt sich aufs Atmen aus ... Aber darüber möchte ich bitteschön mit Ihnen bei Tageslicht nicht sprechen.

Dann müssen wir uns irgendwann noch einmal nach Sonnenuntergang wieder sehen. Inwiefern passt Gott denn in dieses Pendant aus Angst und Leere?
Wer?

Gott.
Ach, Gott. (lacht).

Jaja, jetzt geht es wieder auf die religiöse Schiene.
Jaja, ich bin ganz dafür.

Sie haben einmal gesagt: „Lasst die Leere zu, in ihr ist Gott daheim.“
Ich erinnere mich nicht, aber wenn Sie es sagen, muss ich das ja mal geschrieben haben. Aber da bin ich heute dagegen. Leere ist ein Wort aus einer anderen Sprache als Gott. Das sind zwei Sprachen, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben dürfen, ohne dass Missverständnis produziert wird. Das ist eine Instrumentalisierung der Begriffe Angst, Leere, Gott. Als solche kommt diese Kombination nicht vor. Gott ist eine andere Art von Wörtern, als Angst und Leere. Gott gehört zu den Wörtern, die wir für etwas haben, das wir nicht haben. Leere hingegen ist etwas sehr Konkretes, fast Messbares.

Gut, versuchen wir es anders. Sie sprachen in Bezug auf Gott auch einmal von einem Phantomschmerz. Was meinen Sie damit?
Auch da muss ich mittlerweile sagen, dass mir diese zwei Wörter zu nah sind. Ich verstehe schon, was „man“ da gemeint haben kann: Dass einem etwas fehlt. Und dann nennt man es „Gott“. Da das gleichzeitig aber auch für fehlende Beine gilt, ist es mir zu beliebig. Denn die Abwesenheit Gottes ist universaler.

Fehlt Ihnen Gott denn?
In dieser Frage bin ich nicht unverdorben. Das liegt an einem Evangelischen: Karl Barth hat für mich Gott, als unbekannte Größe geprägt. Die Vorstellung, dass man diesen Gedankengang, oder Gefühlsvorgang, Existenzvorgang an keiner Stelle aufhalten kann, hat mir enorm imponiert. Es ist ein ewig laufender Vorgang: Gott, nicht Gott. Glaube, Unglaube. Gott, der Bekannte, der Unbekannte. Das Wichtigste daran ist, dass man diesen Vorgang an keiner Stelle stoppen und sagen kann: Gott ist das oder das ist er nicht. Karl Barth hat ein wunderbares Bild dafür gefunden. Es sei so, als würde man einen Vogel im Flug fotografieren. Mann hat dann nicht den Vogel im Flug, sondern einen stehenden Vogel. Gott gibt es niemals ohne infinitesimale Bewegung.

Termine

13. April 2015, 18.00 Uhr
Eröffnung LIT.fest münchen 2015 mit Hanns-Josef Ortheil

Ort: Katholische Akademie in Bayern, Mandlstraße 23, 80802 München

Montagsgespräche, jeweils um 18.00 Uhr
In Kooperation mit dem Deutschen Museum /Verkehrsmuseum und mit der Jungen Akademie der Katholischen Akademie in Bayern
20. April 2015: Thomas Hürlimann
27. April 2015: Andreas Maier

Orte: Verkehrsmuseum, Am Bavariapark 5 (Theresienhöhe 15 für Navigationssysteme), 80339 München

Dienstagslesungen, jeweils um 20.00 Uhr
14. April 2015: SAID
Ort: St. Paul, St.-Pauls-Platz 11, 80336 München
21. April 2015: Thomas Hürlimann
Ort: Kardinal-Döpfner-Haus, Domberg 27, 85354 Freising
28. April 2015: Petra Morsbach
Ort: Priesterseminar München, Georgenstraße 14, 80799 München
5. Mai 2015: Sibylle Lewitscharoff
Ort: Große Aula der Ludwig-Maximilians-Universität, Geschwister-Scholl-Platz 1, 80539 München

24. April 2015, 20.00 Uhr
Freitagsgipfel mit Martin Walser
Im Anschluss: Gespräch mit Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz
Ort: Literaturhaus München, Salvatorplatz 1, 80333 München

Donnerstagslectures, jeweils um 20.00 Uhr
23. April 2015: Navid Kermani
Ort: Kardinal-Döpfner-Haus, Domberg 27, 85354 Freising
30. April 2015: Arnold Stadler
Ort: St. Michael Zentrum / Forum der Jesuiten, Maxburgstraße 1, 80333 München
7. Mai 2015: Christoph Ransmayr
Ort: Sendesaal 1 des Bayerischen Rundfunks, Rundfunkplatz 1, 80300 München

11. Mai 2015, 18.00 Uhr
Finissage mit Reiner Kunze und Wolfgang Frühwald
Ort: Katholische Akademie in Bayern, Mandlstraße 23, 80802 München


Hinweis:
Der Eintritt zu allen Lesungen ist nach vorheriger Anmeldung auf der Homepage des Festivals unter www.litfest-muenchen.de frei.

Hintergrund

Dass die Kirche in der heutigen Welt auch durch Kunst kommunizieren muss, will sie eine möglichst große Zahl von Menschen, gläubige oder der Kirche fernstehende, erreichen, brachten schon die Konzilsväter in der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes (GS) zum Ausdruck:
„Von Beginn ihrer Geschichte an hat [die Kirche] gelernt, die Botschaft Christi in der Vorstellungswelt und Sprache der verschiedenen Völker auszusagen und darüber hinaus diese Botschaft mit Hilfe der Weisheit der Philosophen zu verdeutlichen, um so das Evangelium sowohl dem Verständnis aller als auch berechtigten Ansprüchen der Gebildeten angemessen zu verkünden.“ (Art. 44)

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Im Rahmen des Kunstprojektes zum Konzilsjubiläum ist auch die bayerische Landeshauptstadt München einer der Veranstaltungsorte. In der Bischofsstadt des heiligen Korbinian, der selbst als Missionar das Wort Gottes verbreitete, sind Schriftstellerinnen und Schriftsteller eingeladen, Werke aus ihrem Schaffen vorzutragen. Diese werden sich mit den großen Gefühlen des Menschen – Freude und Hoffnung, Trauer und Angst –, die auch namensgebend für die Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils waren, beschäftigen.

Durch diesen Projektteil wird die zentrale theologische Aussage, dass der Mensch ein Hörer des Wortes ist, neu übersetzt. Hierfür sind verschiedene interdisziplinäre Lesungen geplant. In Museen, Theatern und Kirchen sollen diese Lesungen und anschließende Gespräche zwischen Literat und Gesprächspartner gleichzeitig Bekenntnis zum Leben in der heutigen Welt als auch eine Rückkopplung zur großen Tradition des Erzählens sein, das angeregt ist durch Geschichte und Gegenwart der Religion. In der intensiven Auseinandersetzung mit der Religion soll gezeigt werden, dass Literatur mehr ist als „die palliative Heimat für unsere Sehnsucht“, wie es der Schriftsteller Wilhelm Genazino formulierte.


Literatur und die Beschäftigung mit ihr ist immer auch Möglichkeit, „[…] auf die verschiedenen Sprachen unserer Zeit zu hören, sie zu unterscheiden, zu deuten und im Licht des Gotteswortes zu beurteilen, damit die geoffenbarte Wahrheit immer tiefer erfasst, besser verstanden und passender verkündet werden kann“ (GS, Art. 44). Denn „[a]ll das, was einem im Leben an Wesentlichem zustößt, all das, was einen im Innersten berührt, vermag keine Sprache mit größerer Genauigkeit auszudrücken als die Sprache der Poesie“ (Philippe Jacottet).

Das Literaturprojekt möchte für die Auseinandersetzung mit der Sprache, in der sich die wesentlichen Gefühle und Erlebnisse des Menschen so genau widerspiegeln, Resonanzräume bieten, um so auch den Auftrag, den die Konzilsväter an die nachfolgenden Generationen gerichtet haben, die geoffenbarte Wahrheit immer genauer zu verstehen und besser zu verkünden, zu vergegenwärtigen.

Kurator

Prof. Dr. Erich Garhammer, Universität Würzburg

Weiterführende Informationen

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