Europastadt Görlitz-Zgorzelec

„ViaThea“-Festival vom 2. bis 4. Juli 2015 – Straßentheater aus Afrika und Mittelamerika

© DBK/Kolfenbach

An den Grenzen zu den östlich gelegenen Nachbarstaaten Deutschlands wird grenzüberschreitendes gesellschaftliches Zusammenleben nach der friedlichen Revolution von 1989/90 immer noch neu erlernt. Die rechtlich-strukturellen Veränderungsprozesse (Schengen-Abkommen, wirtschaftliche Zusammenarbeit, Verkehrsinfrastruktur) drohen jedoch, das eigentliche Kernproblem der Verständigung im Grenzraum hin zu einem Zusammenwachsen zu überdecken: Noch heute stehen die Menschen im Grenzraum oft mit dem Rücken zueinander und richten ihre Perspektiven an den Metropolen der jeweiligen Nationalstaaten aus.

Live-Comic als Kritik am Kapitalismus

Künstlergruppen aus Kuba bringen Facetten ihrer Lebenswelt auf die Bühne des Görlitzer Straßentheaters

Kubanische Klänge mischen sich abwechselnd mit amerikanischer Pop-Musik und schallen über den verschachtelten Platz vor der Peterskirche in Görlitz. Vor einer kleinen Bühne mit Live-Musikern tanzen Schauspieler in stilisierten Mickey Mouse und Popeye-Kostümen über das Kopfsteinpflaster. Die skurril anmutende Schauspielertruppe „Teatro de la Luna“ kommt aus Kuba und ist mit ihrem Stück „Ich möchte ein Spring Breaker sein“ Teil des internationalen Straßentheaterfestivals in Görlitz.

Schon seit 1995 verwandelt das Festival die deutsch-polnische Grenzstadt drei Tage im Jahr in eine riesige Freilichtbühne. Die internationalen Künstler bieten den Zuschauern ein buntes Programm: Masken- und Figurentheater, Stelzenlauf, Tanztheater, Artistik, Paraden, Cirque Nouveau und Physical Theatre. In diesem Jahr waren auch zwei Gruppen aus Kuba und eine aus Malawi auf Einladung der Deutschen Bischofskonferenz zu Gast.

„Teatro de la Luna“ bringen mit ihrem bunten Stück in Comic-Ästhetik eine sozialkritische Parabel auf die Beziehungen zwischen Kuba und Nordamerika aufs Pflaster. Die in Lateinamerika landläufig bekannte Geschichte der kleinen Küchenschabe „La Cucarachita Martina“ wird bei den kubanischen Künstlern zu einem Live-Comic, in dem die bekannten Trickfilmfiguren Betty Boop, Popeye und Mickey Mouse auftreten. Auf unterhaltsame und musikalische Weise üben sie Kritik an Kapitalismus und Konsumismus.

„In unserer Geschichte geht es um die Wahlfreiheit des Individuums, das sich wünscht an einem anderen Ort leben oder sich frei für den Menschen entscheiden zu können, mit dem es zusammen leben will“, sagt Regisseur Raúl Martín Rios.

Die Geschichte spielt gleichzeitig zwischen Miami und Kuba und beziehe sich natürlich auch auf die aktuelle Situation der Annäherung zwischen den beiden Staaten. „Philosophisch, politisch wie gesellschaftlich steht für uns in diesem Stück das Thema Freiheit im Mittelpunkt“, sagt Rios. Zehn Fußminuten weiter verzaubern die Stelzenläufer der ebenfalls kubanischen Kombo „Estudio Teatral Vivarta“ das Freilichtpublikum auf dem Görlitzer Marienplatz. Bunt flatternd ragen sie drei Meter hoch in die Renaissancebauten und Barockfassaden und verzaubern das Publikum, das sich in einer riesigen Menschentraube rund um die sechsköpfige Gruppe gesellt hat.

„Das Stück ist ein Lied für die ganze Menschheit“, sagt Regisseurin Antonia Fernández. „Für alle, die ihr kleines Leben leben und die meiste Zeit nicht darüber nachdenken, dass wir alle den Keim von Schönheit, Harmonie und Glück in uns tragen.“ Und genau diese Poesie übertragen die Tänzer in lebendige und vergängliche Bilder. Etwa wenn sich Fernández selbst – ganz in einen silbern Anzug gekleidet – aus einem Ei aus Drahtgeflecht schält, kindlich naive Tanzsprünge vollführt, um sich später mit einem der Stelzenläufer ein Engarde-Gefecht mit Regenschirm zu liefern. Wohl ein Bild für den Kampf gegen das eigene Ich.

Zum Projekt

Die Europastadt Görlitz-Zgorzelec ist dabei wie fast keine andere in Deutschland Schauplatz migrantischer Phänomene der letzten Jahrhunderte bis in die Gegenwart: als mittelalterliche Pulsader auf Pilgerweg und Via Regia, als Umschlagplatz von Warenströmen aus ganz Europa bis hin zum Orient, als Treffpunkt internationaler Händler und Reisender, als Start- und Endpunkt von Reisen durch die ganze Welt, als Zwischenstation auf der Flucht wegen Umsiedlungen oder Vertreibungen von Deutschen, Polen und Juden, als nach 1990 von vielen Menschen verlassener Ort der Transformationsverluste, als Ankunftsort Asylsuchender. Und als Ort auf der Suche nach einer neuen urban-regionalen Identität.

Die Darstellenden Künste können in diesem Findungsprozess zwischen innerer Stabilität und nachhaltiger Öffnung für externe Einflüsse eine wichtige Rolle spielen. Sie bieten die Möglichkeit zur spielerischen Eröffnung gesellschaftlicher Dialoge und des Herunterbrechens großer Probleme in handhabbare, begreifbare Dimensionen.

Straßentheater hat als künstlerisches Mittel in diesem Kommunikations- und Findungsprozess eine Tradition in der Region und strahlt überregional aus. Bereits 1982, also während des seit 1981 zur Zerschlagung der Solidarność in der Volksrepublik Polen ausgerufenen Kriegsrechtes, wurde in Jelenia Góra (Polen) das Internationale Straßentheaterfestival gegründet. Seit 1994 findet auch in Görlitz Straßentheater statt und konnte als Festival „ViaThea“ im Jahr 2014 sein 20-jähriges Jubiläum feiern. Inzwischen zählt das „ViaThea“zu einer festen Größe im Kalender der Europäischen Straßentheaterfestivals. Träger des Festivals ist das Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau.

Die aus Afrika und Mittelamerika stammenden Straßentheaterbeiträge im Rahmen des „Kunstprojekts zum Konzilsjubiläum 2015“ werden in den 2015er Jahrgang des „ViaThea“-Festivals eingebunden, das vom 2. bis 4. Juli 2015 stattfindet. Am 5. Juli 2015 treten die Gruppen zudem im Rahmen einer Veranstaltung der Katholischen Bildungsstätte Bischof-Benno-Haus in Schmochtitz auf.

Die Aufführungen werden umrahmt von einem theaterpädagogischen Workshop- und Begleitprogramm; außerdem wird eine breit angelegte Dokumentation erstellt.

Ansprechpartner

Philipp Bormann, Persönlicher Referent des Generalintendanten
Disponent Christiane Hoffmann, Projektmitarbeiterin Marketing und Öffentlichkeitsarbeit

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Das Projekt läuft in Zusammenarbeit mit dem Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau:
www.g-h-t.de/
www.viathea.de/

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