UNESCO-WELTERBE LORSCH – ORT INTERRELIGIÖSER BEGEGNUNG

"Believing History" - Kunst von Studierenden im ehemaligen Kloster

Das Kloster Lorsch im hessischen Kreis Bergstraße zählt seit 1991 zu den deutschen Unesco-Welterbestätten. Seine Ursprünge reichen bis ins 8. Jahrhundert zurück. Als kleines, privates Kloster gegründet, erlebte es in den folgenden Jahrhunderten als Benediktinerkloster eine wechselvolle Geschichte. Nachdem im 13. Jahrhundert kurzzeitig Zisterzienser hier heimisch waren, besiedelten es anschließend die Prämonstratenser bis ins 16. Jahrhundert. Als das Erzstift Mainz 1623 das Areal übernahm, war das Kloster in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges schon weitgehend ausgeplündert.

Jungkünstler bringen Welterbestätte Lorsch zum Sprechen

In der Ausstellung „Believing History“ setzen sich 15 junge Künstler mit der Spannung zwischen Historie und Gegenwart auseinander

Aus dem Wrack des getunten Autos auf dem Klostergelände schallt deutsche Schlagermusik. In der Mitte der Basilika steht ein bunt blinkender Greifautomat, wie man ihn vom Jahrmarkt kennt. Filigrane Stahlskulpturen angelehnt an Outdoorfitnessgeräte zieren den Rasen am Kopf des Klosterfragments. Bis Ende September bringen Jungkünstler das Gelände des ehemaligen Klosters Lorsch im Bistum Mainz neu zum Sprechen. Innerhalb der Ausstellung „Believing History“ bietet es 12 Exponaten internationaler Kunststudenten eine Bühne.

Auf diesem historisch aufgeladenem Gelände biete sich „die Gelegenheit, das Konzil neu zu verstehen“, sagte Kardinal Karl Lehmann, Bischof von Mainz, bei der Ausstellungseröffnung am 14. Juni. Denn den Vätern des Konzils sei es um eine Neubegegnung von Christentum und moderner Welt gegangen. „Die Kunst bietet einen eigenständigen, durch Wissenschaft, Philosophie und Theologie nicht ersetzbaren Beitrag zum Verständnis von Welt und Existenz. Sie kann helfen, die „Zeichen der Zeit“ zu erkennen und richtig zu deuten“, so Kardinal Lehmann.

Kunst könne und wolle allerdings keine verbindlichen Antworten geben auf die Fragen, die in der heutigen Welt gestellt werden. Vielmehr trete sie selbst als Fragende auf. Dabei müsse sich die Kunst „auf jene einlassen, die außerhalb der Kirche Bedeutsames zu sagen haben“, sagte Lehmann. Gerade damit habe das Konzil, an dem er selbst als junger Priester mitgewirkt hat, aufgeräumt: dass Kirche im Gegensatz zur Welt verharrt.

Genau diese Idee setzt das Kunstprojekt „Believing History“ um, und zwar in einem besonderen Ambiente. „Das Kloster Lorsch ist ein kompromisslos gestaltetes Fragment, das zur Fantasie anregt“, erklärt Kurator Florian Matzner. „Es ging darum diese Leerstelle mit Kunstprojekten zu füllen und in einem kritischen Dialog eine Annährung zwischen Kirchlichem und Weltlichem stattfinden zu lassen“. Die Exponate der jungen Künstler unterschiedlicher Nationen und Kulturen stellten Fragen, die unsere Gegenwart betreffen, ohne jedoch Antworten drauf zu geben. Das sei den Besuchern selbst überlassen.

Die Herangehensweise der Künstler ist dabei unterschiedlich. Zwei Studentinnen machten sich auf den Weg durch Italien, um aktives Klosterleben kennen zu lernen, mit dem sie bislang noch nie in Berührung gekommen waren. In ihrer experimentellen Video-Installation, die in der historischen Zehntscheune zu sehen ist, stehen sich zwei Charaktere gegenüber. „Unser Hauptmotiv ist es einander anzuschauen und das so offen wie möglich, alle Vorurteile wegzulassen und sich auf eine fremde Sicht einzulassen“, erklärt Lena Nissen.

Im Kräutergarten hat Künstlerin Tina Dunkel eine begehbare Architekturskulptur geschaffen. Ein schlichter Kubus aus Metallgittern, an denen Kletterpflanzen ranken, die während der Ausstellung immer weiter wachsen. Erst durch den Schatten der Pflanzen werde das im Innern der Skulptur platzierte Video hinter einer Glaswand sichtbar, erklärt Dunkel. „Ich habe mich mit dem Motiv des Paradieses als Gedankenspiel auseinander gesetzt, das uns alle beschäftigt, aber nicht greifbar ist.“ Dies sei ein sich ständig verdichtender Raum, in den jeder Einzelne seine Sehnsüchte projiziert und der in ständiger Entwicklung sei, so wie sich die Pflanzen an den Gitterstäben hinaufranken.

Fion Pellacinis, Student der Hamburger Kunsthochschule, hat einen Apparat in das Kirchenfragment gestellt, mit dem auf Rummelplätzen Plüschtiere geangelt werden können. Im Innern befinden sich allerdings stattdessen handgefertigte kleine Königshallen aus Porzellan, die beim Versuch sie herauszugreifen kaputt gehen. „Lorsch ist ein Ort, an dem so vieles kaputtgegangen ist“, erläutert der Künstler. In seinem Apparat „Chinese Whispers Chinaware“ gehe eben nun auch etwas kaputt. Ein Bild, nicht zuletzt für die Bedrohung archäologischer Stätten durch Massentourismus und Bebauung.

Kunstausstellung „Believing History“

Unter dem Titel „Believing History“ zeigt das Welterbe Areal Kloster Lorsch vom 15. Juni bis 27. September 2015 zwölf Werke von 15 Studierenden deutscher Kunsthochschulen, die zentrale Themen des Zweiten Vatikanischen Konzils mit dem historischen Erbe von Kloster Lorsch verbinden. Die Austellung ist frei zugänglich und kann bei freiem Eintritt besucht werden. Während der Ausstellung wird es ein Begleit- und Vermittlungsprogramm mit Künstlergesprächen, Führungen und einem Ausstellungskatalog geben.


Die Werke im Einzelnen

Stille, 2015 - Anat Evgi, Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart (Klasse Prof. Birgit Brenner)
Museum, Erdgeschoss: Begehbare Glas-Skulptur in Form eines Dodekaeders, auf deren Innenflächen Wolkenbilder projiziert werden.

Frei im Gefängnis, 2015 - Hassan Sheidaei, Hochschule für Künste Bremen (Klasse Prof. Ingo Vetter)
Museum, Obergeschoss: Videofilm

Ohne Titel, 2015 - Katharina Wittmann, Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (Klasse Prof. Clemens v. Wedemeyer)
Museum, Obergeschoss: Videofilm

River runs through it, 2015 - Soya Arakawa, Kunstakademie Düsseldorf (Klasse Prof. Rita McBride)
Mehrere Standorte: Vierteilige, multimediale Arbeit, die sich mit dem althochdeutschen Gedicht „Lorscher Bienensegen“ beschäftigt. In der Königshalle werden zwei Manuskriptseiten aus Pergament gezeigt, eine von Arakawa handwerklich kopierte Seite des echten „Lorscher Bienensegens“ und eine neu geschriebene Version des Gedichts. An anderer Stelle auf dem Gelände verweisen Schilder auf diese neue, bisher unbekannte Version, im Stadtmuseum oder auf der Homepage www.lorsch.org kann man sich eine vertonte Version anhören.

Chinese Whispers Chinaware, 2015 - Fion Pellacini, Hochschule für Bildende Künste Hamburg (Klasse Prof. Andreas Slominski)
Kirchenfragment: Skulptur aus Greifautomat mit Porzellanobjekten gefüllt.

Fenestra, 2015 - Elizabeth Thallauer, Akademie der Bildenden Künste Nürnberg (Klasse Prof. Simone Decker)
Kirchenfragment: Wandskulptur in Form eines Prismas, hinter dem Acrylglas zeichnet sich ein rhythmisches, abstraktes und leuchtendes Farbspiel ab.

Ohne Ende Party, 2015 - Christian Hapke, Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (Klasse Prof. Bogomir Ecker)
Grünfläche: Skulptur aus Autowrack mit Soundinstallation

Gestrukte, 2015 - Anton Bo Matzke, Universität der Künste Berlin (Klasse Prof. Manfred Pernice)
Grünfläche: Filigrane Stahlskulpturen als abstrahierte, dysfunktionale Outdoorfitnessgeräte

Lorscher Sandkasten, 2015 - Alexander Reich, Kunsthochschule Kassel (Klasse Prof. Florian Slotawa)
Grünfläche: Installation in Form eines Tischsandkastens

Menschele Schrein, 2015 - Pola Sperber, Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe (Klasse Prof. John Bock)
Grünfläche: Begehbare Architekturskulptur

Muore un papa se ne fa un altro, 2015 - Alisa Berger, Lena Nissen, Kunsthochschule für Medien Köln (in Zusammenarbeit mit Mischa Kuball, KHM) mit Mira Sattelberger, Katharina Zink, Akademie der Bildenden Künste München (Klasse Prof. Olaf Metzel)
Zehntscheune: Video-Installation

Utopia, lass los, Paradiese fallen nicht vom Himmel, 2015 - Tina Dunkel, Kunstakademie Münster (Klasse Prof. Maik und Dirk Löbbert)
Grünfläche: Begehbare Architekturskulptur


Welterbe Areal Kloster Lorsch

Kloster Lorsch ist bekannt als eine Kulturstätte mit besonderer Prägung. So ist zuletzt in 2013 das Lorscher Arzneibuch, das in der Bamberger Staatsbibliothek aufbewahrt wird, ins Weltdokumentenerbe aufgenommen worden. Anlässlich der 1250-Jahr-Feier im Jahr 2014 wird das Welterbe Areal Lorsch neu eingerichtet: Neben dem eigentlichen Klosterareal mit dem frisch renovierten Torhaus finden sich ein archäologisches Schaudepot (Eröffnung im September 2014) sowie das karolingische Freilichtlabor Lauresheim und weitere Sehenswürdigkeiten.

Darüber hinaus ist die klösterliche Vergangenheit noch heute Anlass zu interreligiösen Begegnungen und Gesprächen. So bestehen gute Kontakte zu weiteren Welterbeklöstern in Armenien oder auch in Korea. Diese offene Situation nimmt das Konzilsprojekt zum Anlass, junge Künstlerinnen und Künstler zu einem Workshop einzuladen. Im Blick sind Kunststudierende aus verschiedenen Kunsthochschulen in Deutschland.

Als einzigartige Stätte der Erinnerungs- und Gedächtniskultur fordert das Kloster die Studierenden heraus, im Rahmen der Zusammenkunft am Ort einen eigenständigen Beitrag zu entwickeln. Anknüpfungspunkte bieten ideell wie real die Neuordnung des Klosterareals, die interreligiösen Begegnungen, aber auch die zahlreichen, insbesondere die jugendlichen Besuchergruppen. Aus diesen vielfältigen Anregungen resultieren neue, ortsbezogene Kunstwerke.

 

Kooperationspartner

Universität der Künste Berlin, Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, Hochschule für Kunst Bremen, Kunstakademie Düsseldorf, Hochschule für Bildende Künste Hamburg, Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, Kunsthochschule Kassel, Kunsthochschule für Medien Köln, Akademie der Bildenden Künste München, Kunstakademie Münster, Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, Akademie der Bildenden Künste Stuttgart

Kuratoren

Prof. Dr. Florian Matzner, Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste, München

Informationen zum Kurator

Sabine Weingartner, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste, München

Informationen zur Kuratorin

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