GRENZSTADT KONSTANZ

Straßentheater-Projekt des Konstanzer Stadttheaters

Bodenseeufer in Konstanz © DBK/Landau

Von 2014 bis 2018 feiert die Stadt Konstanz 600 Jahre Konstanzer Konzil. Für 2015 ist als zentrales Jahresthema ein „Jahr der Gerechtigkeit“ angesetzt. Hier knüpft die Idee an, im Rahmen des Gesamtthemas „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“, den einführenden Worten der Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, einen eigenen Veranstaltungsschwerpunkt im öffentlichen Raum zu setzen. Ziel ist ein Brückenschlag von der Konstanzer Stadtkirche zur Bevölkerung, vom Theater in den städtischen Raum, von möglicherweise verdrängten gesellschaftspolitischen Themen in die allgemeine Wahrnehmung – und das alles über die Kontinente hinweg.

Zwischen Märchen und Korruption

Künstlergruppen aus Malawi und Kuba bringen im Juni Themen ihrer Lebenswelt auf die Bühne des Konstanzer Straßentheaters

Bunt flatternd ragen sie drei Meter hoch in die historische Stadtkulisse von Konstanz. Wie Fabelwesen stolzieren die Stelzenläufer zwischen der Zuschauertraube umher und bilden für Cafébesucher wie Laufpublikum einen visuellen Magnet.

Aus Kuba ist die Theatergruppe „Estudio Teatral Vivarta“ angereist und verleiht der Stadt am Bodensee in diesen Tagen einen Hauch von Märchenkulisse. Punktuell und vergänglich taucht die sechsköpfige Gruppe irgendwo in der Innenstadt auf, am Hafen, auf dem Marktplatz, lockt die Zuschauer für 20 bis 30 Minuten hinein in eine Traumwelt und verschwindet wieder aus dem Stadtbild.

Doch der Eindruck von der Faszination einer fremden Welt bleibt. Die Botschaft der grotesk anmutenden Kurzzeitkulisse: „Das Stück ist ein Lied für die ganze Menschheit“, sagt Regisseurin Antonia Fernández. „Für alle, die ihr kleines Leben leben und die meiste Zeit nicht darüber nachdenken, dass wir alle den Keim von Schönheit, Harmonie und Glück in uns tragen.“

Auf sechs Plätzen sind an den Juni-Wochenenden in Konstanz mehrmals täglich kurze Aufführungen des Straßentheaters zu sehen, die sich mit existenziellen Themen der Gegenwart der Künstler auseinandersetzen. Auf spielerisch-szenische Weise tragen sie ihre fremden Lebenswelten in die Stadt hinein und laden dazu ein, eigene Haltungen zu hinterfragen und sich neu zu positionieren. Daher der Titel des Festivals „Mind your Position“.

Die Künstlergruppen kommen aus Malawi und Kuba und könnten unterschiedlicher kaum sein. Bei der afrikanischen Gruppe „Nanzikambe Arts“ gibt es keine bunten Farben und flatternden Stoffe. In ihren schwarzen Jeans und T-Shirts setzt die dreiköpfige Künstlerkombo auf das gesprochene Wort. Allein aus Pappmaché gebastelte Tierköpfe dienen als Requisiten ihrer in schlichter Ästhetik beeindruckenden Aufführung nach Motiven des Orwell-Klassikers „Animal Farm“.

„All animals are equal, but some animals are more equal“, schallt es über den Platz vor der Hafenhalle. „Wir sind alle menschliche Wesen, doch wir haben nicht die gleichen Voraussetzungen“, erklärt Schauspielerin Catherine Phiri. „In Malawi unterstützen die Politiker dieses Ungleichgewicht, indem sie sich nicht für das Wohlergeben des Volkes einsetzen, sondern nur in die eigene Tasche wirtschaften.“ In ihrer politischen Satire nimmt die afrikanische Künstlergruppe die Realität ihres Landes mit auf und bringt ein Stück über Korruption, Demokratie und die Macht des Volkes auf die Bühne aus Asphalt.

Zum Projekt

Auf sechs Plätzen in Konstanz – sei es etwa auf dem Münsterplatz oder auf dem Platz vor der Hafenhalle – sind an den Juni-Wochenenden (4. bis 27. Juni 2015) Straßentheater-Aufführungen zu sehen, die sich mit existenziellen Themen der Gegenwart der Künstler auseinandersetzen. Auf spielerisch-szenische Weise tragen sie ihre für uns fremden Lebenswelten nach Konstanz und laden vielleicht auch dazu ein, eigene Haltungen zu hinterfragen und sich neu zu positionieren. So trägt das Festival den Slogan: „Mind your Position!“

Die Theatergruppen Teatro de la Luna (Havanna, Kuba), El Estudio Teatral Vivarta (Havanna, Kuba) und Nanzikambe Arts (Blantyre, Malawi) sind eingeladen, mit ihren Produktionen unterschiedliche Plätze der Stadt Konstanz zu bespielen.

© Luz Sosa

„Ich möchte ein Spring Breaker sein“ (Teatro de la Luna)

In Lateinamerika kennt jeder die Geschichte der kleinen Küchenschabe,  „La Cucarachita Martina“. Beim Autor Rogelio Orizondo werden die Abenteuer der kleinen Küchenschabe zur sozialkritischen Parabel auf die Beziehungen Kubas und Nordamerikas, in der die bekannten Trickfilmfiguren Betty Boop, Popeye und Mickey Mouse auftreten, um auf unterhaltsame und musikalische Weise Kritik an Kapitalismus und Konsumismus zu üben.

© Estudio Teatral Vivarta

„Indras Traum – Geschichte eines Mannes, der fliegen wollte“ (Estudio Teatral Vivarta)

Ein Mensch schlüpft aus dem Ei. Schnell beginnt er all das zu tun, was Menschen so tun: zu spielen, zu singen, andere Menschen zu treffen, zu lieben, zu kämpfen – und zu sterben. Im Moment seines Todes geschieht etwas Unvorhergesehenes: Zwei Flügel wachsen auf seinem Rücken. In „Indras Traum“ erzählt Regisseurin Antonia Fernández in Bildern die Geschichte des ältesten Menschheitstraums: dem Fliegen. 

© Nanzikambe Arts

„Waiting – Anytime from now“ (Nanzikambe Arts)

Das Theater des Absurden überschreitet spielend die Grenze von Logik und Sinn. Angewandt auf einen malawischen Kontext bietet es sich zur Erfahrbarmachung menschlich-existentieller Grundsituationen an, wie beispielsweise dem Warten, wie Samuel Beckett es in  „Warten auf Godot“ zum zentralen Prinzip macht. Wladimir und Estragon stellen sich der Banalität und der Leere ihres Daseins, in dem ihr Verhalten und ihre Handlungen ritualhaft werden. Von ihrer Sprache im Stich gelassen, wird ihr Denken zunehmend desorganisierter und fragmentarischer, ihre Erinnerungen unzuverlässig – so stolpern die beiden auf ihrer Sinnsuche voran.

„Chivungweru“ (Nanzikambe Arts)

Malawi durchlief in den letzten Jahren innenpolitische und wirtschaftliche Krisen. In einer an  „Animal Farm“ angelehnten politischen Satire werden wichtige Veränderungen im Land aufgenommen, auch symbolische, wie der Wandel von Flagge und Nationalhymne. Ein Strassentheaterstück über Korruption, Demokratie und die Macht des Volkes in Malawi im Speziellen und Afrika im Allgemeinen. Ein Stück über die Stimmen der Stimmlosen.

Das Stadttheater Konstanz © Ilja Mess

Diese Zusammenarbeit baut die kulturelle Brücke weiter, welche das Theater Konstanz seit einigen Jahren durch seine Theaterpartnerschaften nach Afrika (Togo und Malawi) schlägt. Neben den kulturellen Austausch zwischen Lateinamerika, Afrika und Europa tritt als weiterer Fokus das Wahrnehmen der „Zeichen der Zeit“, wie es das Zweite Vatikanische Konzil ausdrückte. Die Inszenierungen bieten dafür eine Hilfestellung. Sie übersetzen mit künstlerischen Mitteln die Konzilsaussage: „Heute ganz besonders sind wir dringend verpflichtet, uns zum Nächsten schlechthin eines jeden Menschen zu machen und ihm, wo immer er uns begegnet, tatkräftig zu helfen …“ (Pastoralkonstitution Gaudium et Spes, Art. 27). Diesem Anspruch muss sich die Kirche, aber auch die Gesellschaft immer wieder von Neuem stellen. Die künstlerische Begleitung ist nur ein Mittel, diese Anfragen ernst zu nehmen.

Kurator

Prof. Dr. Christoph Nix, Intendant des Theaters Konstanz

Weiterführende Informationen

Alle Rechte vorbehalten © 2017 Deutsche Bischofskonferenz

Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz | DBK.de | pressestelle(at)dbk.de | Kaiserstrasse 161 | 53113 Bonn | Telefon: 0228 103-214 | Fax: 0228 103-254