Pressemeldung
17.02.2016 - Nr. 028

Predigt von Kardinal Karl Lehmann, verlesen in der Eucharistiefeier zur Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz

Anlass: Gottesdienst im Blick auf den Studientag „Kultur der Aufnahme und der Solidarität – Die Herausforderung durch Flüchtlinge und Migranten“


Wenn wir nach Kriterien suchen für das Thema, dem wir uns im heutigen Studientag „Kultur der Aufnahme und der Solidarität – Die Herausforderung durch Flüchtlinge und Migranten“ widmen, dann sind wir uns bewusst, dass wir heute ein zugleich uraltes und dabei sehr modernes Phänomen vor uns haben, nämlich globale Migrationswanderungen. Ich habe mir erlaubt, für heute eine alttestamentliche Lesung auszuwählen, die uns vielleicht hilft, im Lichte des biblischen Glaubens dieses Phänomen besser zu erfassen und beurteilen zu können.

Zunächst geht es um einen auch uns heute vertrauten Begriff, nämlich den des Fremden. Es ist erstaunlich, in welcher Weise auch schon in früher Zeit Differenzierungen im Verständnis des Fremden vorgenommen werden. Man unterscheidet zunächst zwischen dem Ausländer, der sich zeitweilig in Israel aufhält, und dem Fremden, der dauerndes Wohnrecht besitzt. Ausländer sind nicht völlig schutz- und rechtlos gewesen. Man hat ihnen wohl Gastfreundschaft gewährt (vgl. Gen 9). Solche Ausländer finden sich unter Söldnern und Beamten, Handwerkern, See- und Kaufleuten, Binnenhändlern (vgl. z. B. Hos 12,8; Zef 1,11). Der ansässige Fremde, gelegentlich auch als Schutzbürger bezeichnet, hat schon deutliche Rechte, z. B. das Recht der Nachlese bei der Ernte, die Ruhe am Sabbat, das Recht auf eine faire Verhandlung vor Gericht, er steht vor allem unter dem Schutz Gottes (vgl. Lev 19,34). Im religiösen Bereich muss er sich an die gleichen Vorschriften wie die Einheimischen halten (vgl. Ex 12,49; Lev 16,29). Er ist ein Zwischenglied zwischen Einheimischen und Ausländern. Aber er ist kein Sklave. Ähnliche Regelungen finden sich für Witwen, Waisen oder Arme.

Lange Zeit gab es wohl keine Abschottung gegenüber Fremden; für das Alte Israel können wir keine Fremdenfeindlichkeit beobachten. Dies ändert sich, als Israel unter Fremdherrschaft leidet. Später trifft man diese Distanz zum Fremden an, wenn Israel um seine Identität besorgt ist. Das Buch Rut (vgl. 2,10) zeigt uns dies sehr deutlich. Es gibt hier eine ausgesprochene Feindseligkeit. Sie wird am meisten durchbrochen, wenn sich Mann und Frau begegnen. Aber neben der Aufgeschlossenheit gibt es auch hier eine andere Haltung gegenüber fremden Frauen.

Sie galten öfter auch als Betrügerin oder Verführerin (vgl. Spr 6,24; 7,5; 23,27; 27,13). Mischehen mit Ausländern wurden vor allem in der Diaspora verboten. Ich sehe davon ab, weiterhin Differenzierungen anzubringen und weitere Arten von Fremden zu unterscheiden, wie z. B. den Halbbürger, den Sippenfremden usw.

Es gibt viele Aussagen, besonders im Buch Genesis, aus denen wir erkennen können, dass Israel moralisch nicht besser ist als alle Welt (vgl. z. B. das menschliche Generalthema der feindlichen Brüder: Kain und Abel, Esau und Jakob, Joseph und seine Brüder). Aber die Lesung, die wir aus Lev 19 gehört haben, zeigt uns nun doch eine andere Perspektive: „Du sollst in deinem Herzen keinen Hass gegen deinen Bruder tragen. Du kannst deinen Mitbürger (Stammesgenossen) zurechtweisen, aber du wirst seinetwegen keine Schuld auf dich legen. Räche dich nicht und trage deinen Volksgenossen nichts nach, sondern liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Ich bin der Herr.“ (19,17 f) In Vers 34 wird dies noch deutlicher ausgesprochen: „Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.“

Das Gebot der Nächstenliebe richtet sich ja zuerst gegen die wirklich Nächsten in der Familie, bei den Stammesgenossen, bei allen aus derselben Sippe. Sehr deutlich wird immer wieder diese neue Haltung damit begründet, dass die Israeliten in Ägypten durch die Huld Gottes Schutz gefunden haben. Aber jetzt stößt das Gebot der Nächstenliebe zu einer Geltung vor, die in dieser Form – wenigstens bisher – in Israels Umwelt noch keine Parallele fand und wohl erst im Neuen Testament zentrale Bedeutung gewinnt. Vor allem die Aussage, dass man den Nächsten „lieben soll wie sich selbst“, eben auch grundsätzlich unterschiedslos den Fremden, kann einen immer wieder überraschen. Man hat immer wieder, auch von jüdischer Seite gefragt, ob man das hebräische Wort dafür richtig übersetzt („kamoka“) und ob man nicht, wie vor allem Martin Buber meint „als gelte es dir selber“, und Leo Baeck, der vorschlägt: „Du sollst deinen Nächsten lieben, er ist wie du“, übertragen solle. Aus guten Gründen bleiben wir mit vielen Fachleuten bei unserer gewohnten Übersetzung. Es geht ja um das Verhältnis von Nächstenliebe und der Selbstliebe. Die Selbstliebe, auf die wir uns ja immer verstehen, dient als „Umschreibung für das Maß der Liebe“ (J. Fichtner). Hier wird eine Brüderlichkeit/Geschwisterlichkeit mit Nahen und Fernen begründet. In den Sprüchen und der ganzen Weisheitsliteratur wird in der Alltagspraxis über die Verwirklichung dieses einzigartigen Gebotes gerungen (vgl. z. B. Spr 17; 18). Die Weisheit rät, auch mit dem besten Freund und nächsten Nachbarn behutsam umzugehen: „Mach dich rar im Haus deines Nächsten, sonst wird er dich satt und verabscheut dich.“ (Spr 25,17).

Wir gehen mit diesen Texten, die auch sonst im Alten Testament zu finden sind, (vgl. z. B. Dtn 10,18 f: „Er liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung – auch ihr sollt den Fremden lieben, denn ihr seid Fremde in Ägypten gewesen.“), aber hier nun ganz besonders zugespitzt sind, viel zu harmlos und auch unreflektiert um. Gerade wenn man erfährt, dass diese Texte in der Umwelt jener Zeit keine Parallelen haben, sieht man die ungeheure Bedeutung dieser Aussagen.

Dabei muss man allerdings etwas in die Kulturgeschichte wechseln: Nicht nur in der damaligen Zeit, sondern bis heute ist der Fremde, der vom Aussehen über die Gewohnheiten bis zur Sprache unverständlich ist und manchmal abschreckt, für die, die ihm begegnen, etwas zum Fürchten. So wird der Fremde sehr leicht auch zum Feind. Darum ist die Begegnung mit dem Fremden, den man nicht kennt und dessen Absichten oft nicht erkennbar sind, mit der Erfahrung des Fremden als Feind mitgeprägt. Er ist letztlich ein Gegner, für den es im menschlichen Leben keinen Platz geben sollte, der aber tatsächlich existiert. Die Abneigung und Angst kann bis zum Willen gesteigert werden, den Fremden als Feind zu vernichten. Dies gilt nicht nur für das öffentliche Leben, sondern auch für den persönlichen Bereich. Dies ist ein Verhaltensmuster, das man in sehr vielen Kulturen der Menschheit vorfindet. Es ist fast selbstverständlich und äußerst wirksam, wenn Hass geschürt wird und die Triebe durchbrennen.

Vor diesem Hintergrund, der ja auch in der Ethnologie vielfach – gewiss noch differenzierter – erforscht wird, zeigt sich voll die Bedeutung der geradezu kopernikanischen Wendung, die hier bereits im Alten Testament vollzogen wird, wenn es heißt, dass man den Fremden nicht nur nicht unterdrücken darf, betrügen dürfte (z. B. mit Maß und Gewicht beim Verkauf), sondern dass man ihn „lieben soll wie sich selbst“. Dies ist eine unübersehbare Wende in der Kulturgeschichte und ist ein wesentlicher Grund, warum alle Anhänger der biblischen Religion, zumal das Christentum, vor einem unaufgebbaren ethisch-religiösen Erbe steht, das man ohne Selbstzerstörung nicht preisgeben darf.

Dies sieht man ganz besonders im Neuen Testament. Darum habe ich als Evangelium als Kommentar zu den alttestamentlichen Aussagen die Jesusworte aus dem 5. Kapitel des Matthäus-Evangeliums (5,43–48) ausgewählt: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet.“ (5,43 f). Jesus hat dieses kleine Wort, dass man den Anderen, ja gerade auch den Fremden lieben soll wie sich selbst, in ganz besonderer Weise sich zu eigen gemacht (Mk 12,31; Mt 19,19; 22,39; Lk 10,27). Es strahlt aber aus in wohl alle Schichten des Neuen Testaments (vgl. Röm 13,9; Gal 5,14; Jak 2,8).

Bevor wir uns mit den vielen Problemen der heutigen Globalisierungswanderungen, die ich eingangs erwähnt habe, und den vielen Differenzierungen beschäftigen, sollten wir uns als Kirche, auch als Kirche unseres Landes, nochmals bewusst werden, auf welchem Boden wir stehen. Amen.

Lesung: Lev 19,1–3. 33–34. 37
Evangelium:
Mt 5,43–48

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