Pressemeldung
18.02.2016 - Nr. 030

Predigt von Bischof Dr. Gebhard Fürst in der Eucharistiefeier zur Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz

Liebe Mitbrüder im bischöflichen Dienst!
Liebe Schwestern und Brüder!

„Ad portam quae vocatur speciosa“: „An der Pforte, welche genannt wird, die Schöne“. Der Bauherr der Kirche von Schöntal, Abt Benedikt Knittel, ließ diese Überschrift draußen über dem großen Portal „seiner“ Kirche St. Joseph in Stein meißeln. Jede und jeder, der die hohe Treppe emporgestiegen ist und nun durch das große Portal das Innere betritt, soll wissen: Dies ist ein besonderer Ort. Das Tor mit der Inschrift befindet sich an der Stelle, die alle passieren müssen, die dieses Gotteshaus, die Kirche, betreten.

Sie alle, liebe Brüder, liebe Schwestern, liebe Schülerinnen und Schüler, haben diese Tür, dieses Portal heute durchschritten und wurden so gleichsam hineingezogen in die Szene, die wir heute in der Lesung aus der Apostelgeschichte (Apg 3,1–10) gehört haben. Das Bild am Eingang der Kirche ist auf der ersten und letzten Seite des Liedheftes zu sehen. Besonders auch den Schülerinnen und Schülern möchte ich es erschließen.

Im dritten Kapitel der Apostelgeschichte ist auch von einer „schönen Pforte“ die Rede. Der Verfasser der Apostelgeschichte spricht vom Tor des Tempels, das das „Schöne“ genannt wird.

Tagein, tagaus sitzt dort – am „Nadelöhr“ des Tempels ein stadtbekannter „vom Mutterleib an gelähmter“ Bettler. Er hat eine doppelte Last zu tragen: Zum einen waren Behinderte in der antiken Gesellschaft Ausgegrenzte, Menschen, die man nicht anblickte, die unter den normal Sterblichen nichts verloren hatten. Und zum anderen war er aufgrund seines Handicaps auch von der Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen. Ein doppelter Grund zum Wegsehen für die gutsituierten Gerechten. Das Tor zum Tempel und somit die Hoffnung auf Heil – auf Gottes Nähe – bleiben für ihn außer Reichweite. In dem ihm aufgebürdeten Abstand allerdings darf er draußen sitzen und darauf warten, dass ihm wenigstens diejenigen, die in den Tempel gehen, barmherzig sind und ein paar Almosen in die Spendenmütze werfen.

Sicherlich saß der gelähmte Mensch damals dort, wie die bettelnden Menschen heute, die an den Straßen und vor den Kirchen die Hand aufhalten. Wir sehen sie mit gelähmtem Gesichtsausdruck, gebücktem Körper, ermatteten Augen. Ihre Hoffnung ist erloschen. – Der gelähmte Mensch auf den Stiegen zum Tempel: dieser gelähmte Mensch ist wie ein Bild für Menschen heute, auf die niemand schaut, die wie Verlorene sind. Er erfährt überraschender Weise aber durch zwei Menschen besondere Aufmerksamkeit: „Sieh uns an!“ rufen sie.

„Blick uns an“, sagt Petrus, der mit Johannes dabei ist, den Tempel zum Gebet aufzusuchen. So mag der gelähmte Mensch die beiden in der Erwartung einer Spende angeblickt haben. Petrus aber gibt kein Almosen. Er erwidert den Blick vielmehr mit den Worten: „Gold und Silber habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi steh auf und geh umher!“ Am eigenen Leib darf der gelähmte Mensch auf den Stufen des Tempels nun den heilsamen, heilenden, aufrichtenden Geist Jesu Christi erfahren. Und – so wird in der Apostelgeschichte weiter berichtet – da fasst Petrus ihn an der Hand und richtet ihn auf. Sogleich – heißt es weiter – sogleich kam Kraft in seine Füße und Gelenke; er sprang auf, konnte stehen und ging umher. (vgl. Apg 3,7) Er kann stehen und geht umher. ... Wiederbelebt durch das Feuer und die Kraft des Geistes, den der Auferstandene Jesus Christus seinen Anhängern an Pfingsten gesandt hat und der nun durch Petrus und Johannes heilend wirkt.

Kurz vor der Begegnung der beiden Apostel mit dem Lahmen beschreibt das zweite Kapitel der Apostelgeschichte das Pfingstereignis, die Ausgießung des Heiligen Geistes, die Geburtsstunde der Kirche. Unmittelbar nach dem Pfingstereignis, heilen Petrus und Johannes ganz erfüllt von den feurigen Zungen vom Himmel, vom Heiligen Geist, als erste Tat nach der Geistsendung den lahmen Menschen auf den Stufen des Tempels. Heute bei uns auf den Stufen der Treppe, die hereinführt in unsere Kirche.

Petrus nimmt den lahmen Menschen bei der Hand. Er richtet ihn auf. Er begegnet ihm heilsam.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Schülerinnen, liebe Schüler, eine heilende Kirche ist die erste Frucht des heiligen Geistes, der in ihr dort und jetzt – heute – lebendig ist, wo Menschen wirken in der Kraft und aus dem Feuer dieses Geistes.

Liebe Schwestern und Brüder, ist dieses Bild, diese heilsame Begegnung, die sich im Geist Jesu ereignet, nicht ein ausdruckstarkes Bild von Kirche und für Kirche, wofür sie steht und wofür sie stehen sollte?

Diese Begegnung, das Bild, zeigt: Der Geist ist uns gegeben, nicht, dass wir nur ungerührt Almosen verteilen, sondern dass wir in Jesu Christi Namen, in seinem Geist Menschen – arme, schwache, gestrandete, verirrte Menschen, die darniederliegen und verloren scheinen.

Experten, die Wirtschaftsunternehmen heute beraten, sagen: „In Organisationen herrscht in der Regel ein Mangel an Bildern, über das, was in ihnen und durch sie vor sich geht, und ein Mangel an Zeit, sich über solche Bilder auszutauschen.“ (K. Weick).

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Schülerinnen und Schüler, ist diese Szene: Petrus und Johannes erwecken in der Begegnung mit dem gelähmten Menschen zum selbstmächtigen Leben nicht ein solches Bild? Ist diese Szene, dieses Bild nicht ein Bild, das zeigt, was vor sich geht oder vor sich gehen soll in der Kirche, die erfüllt ist vom Geist Jesu Christi? Und sollten wir uns nicht mehr Zeit nehmen, solche Bilder zu schauen und uns darüber auszutauschen? Sie meditieren, dass wir in den Heiligen Geist hineinfinden?

Die Pastoral, die Seelsorge, die sich begeistern lässt von diesem Bild, ereignet sich in der helfenden und liebenden Hinwendung zum Anderen.

Die Szene in der heutigen Lesung aus der Apostelgeschichte, die wir hier an der schönen Pforte der Kirche Schöntal dargestellt, abgebildet sehen, macht deutlich: Wo eine Kirche aus solchen Bildern lebt, stiftet sie solch heilsame Szenen in menschlichen Begegnungen aus dem Geist Jesu Christi. Da lebt wie Papst Franziskus in seinem Brief zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit schreibt: „das pulsierende Herz des Evangeliums“.

Amen.

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