Pressemeldung
12.11.2017 - Nr. 189

Grußwort des Erzbischofs von Köln, Kardinal Rainer Maria Woelki, bei der vierten Tagung der 12. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Bonn

Kardinal Woelki mit Irmgard Schwaetzer, der Präses der Synode, und dem Ratsvorsitzenden der EKD, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (v. li.). © DBK/Kopp

Sehr geehrte Präses der Synode, liebe Frau Dr. Schwaetzer! Sehr geehrter, lieber Vorsitzender des Rates der EKD! Verehrte Synodale! Sehr geehrten Damen und Herren!

Sagt Ihnen der Name „Chidher“ (1) etwas? Er bezeichnet eine im arabischen Raum beheimatete, mythische Gestalt, der es zu eigen ist, nicht zu altern und folglich unsterblich zu sein. Deshalb kann Chidher Entwicklungen überblicken, die menschliche Lebensspannen weit übersteigen. Der deutsche Dichter Friedrich Rückert hat diesen Stoff 1839 zu einer Ballade verarbeitet. Darin findet Chidher an einem Ort zunächst eine Stadt vor, lange Zeit später eine Weide, dann ein Meer, einen Wald und schließlich wieder eine Stadt. Jeder Mensch, mit dem er während seiner Besuche spricht, schwört Stein und Bein, alles sei immer so gewesen wie jetzt und werde auch ewig so bleiben. Der Refrain, der diese Szenen miteinander verbindet, lautet: „Und aber nach fünfhundert Jahren kam ich desselbigen Wegs gefahren“.

„Und aber nach fünfhundert Jahren“: Ich brauche wohl nicht zu erklären, liebe Schwestern und Brüder, warum mir gerade diese Ballade in den Sinn gekommen ist, als ich die ehrenvolle Einladung erhielt, 500 Jahre nach dem Beginn der Reformation ein Grußwort bei Ihrer Synode zu sprechen. Das Reformationsgedenken stellt ja ein positives Gegenbild zu der Geschichtsvergessenheit dar, die unbedacht davon ausgeht, dass der schöne Augenblick auf ewig verweilen wird. Was würde wohl Martin Luther denken, käme er heute des Wegs gefahren? Würde er die Kirche der Reformation noch wiedererkennen? Und was würde Martin Luther tun und sagen in einer Gesellschaft, die den gnädigen Gott und dessen Erlösung, um die er so hart gerungen hat, nicht mehr zu brauchen glaubt? In diesem Sinne ist Ihre Besinnung auf die Anfänge des Protestantismus zugleich ein Blick nach vorne:

Bilanzierung der Vergangenheit und Entwurf der Zukunft schließen einander nicht aus, sondern müssen Hand in Hand gehen. So verstehe ich auch Ihr diesjähriges Leitmotiv, dessen Genese ich freilich nicht kenne. Aber ich liege sicherlich nicht falsch, wenn ich die „Zukunft auf gutem Grund“ mit Jesu Gleichnis vom Sämann in Verbindung bringe. Dieser geht aufs Feld, um zu säen – indes mit wechselndem Erfolg: Ein Teil der Körner fällt auf den Weg, wo ihn die Vögel fressen, ein anderer Teil auf felsigen Boden, wo er alsbald verdorrt, wieder ein anderer Teil in die Dornen, wo er erstickt wird. Nur der letzte Teil der Saat fällt auf guten Boden und bringt Frucht: dreißigfach, ja sechzigfach und hundertfach. Christus selbst erklärt in diesem Fall sein Gleichnis: Der Sämann sät das Wort, aber nicht überall trägt es nachhaltig Frucht. Einen Teil nimmt der Satan weg, ein weiterer geht in Bedrängnissen oder Verfolgungen zugrunde, ein anderer erstickt unter den Sorgen der Welt, dem trügerischen Reichtum und der Gier. Nur bei denen, die das Wort hören und dauerhaft aufnehmen, fällt es auf guten Boden und bringt Frucht: dreißigfach, ja sechzigfach und hundertfach.

Und nun, liebe Synodale, schauen wir uns doch einmal um in unserem Land und in unseren Gemeinden! „Zukunft auf gutem Grund“: Was hat dieses Motto mit unserer postmodernen Realität zu tun? Nach steinigem Boden und Dornen müssen wir nicht lange suchen, aber wie viel guten Grund und Boden erleben Sie denn in Ihren Landeskirchen? Machen Sie wirklich andere Erfahrungen als wir in unseren Bistümern? Ich glaube kaum. Es ist eine ungeliebte ökumenische Gemeinsamkeit, dass Gottes Wort in unserer Zeit seltener Frucht bringt und häufiger weggenommen wird, zugrunde geht und erstickt. Hand aufs Herz: Taugt Ihr Leitmotiv unter diesen Umständen zu mehr als zum sprichwörtlichen „Pfeifen im Walde“?

Bevor ich diese Frage selbst beantworte, möchte ich einen Perspektivwechsel vornehmen. Sie haben sich einen Kardinal eingeladen, und eine von dessen vornehmsten Aufgaben ist es bekanntlich, den Papst zu wählen. So will ich auf Christi Verheißung an Simon Petrus zu sprechen kommen – nicht um ausgerechnet bei Ihnen die Werbetrommel für das Petrusamt zu rühren, sondern weil auch darin von einem „guten Grund“ die Rede ist. „Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16,17–18). Die kurze, eher unspektakuläre Wendung „nicht Fleisch und Blut“ ist es, an der ich mich hier festhalte. Das vorausgehende Messiasbekenntnis des Petrus beruht nicht auf menschlichem, sondern auf göttlichem Werk. Das kommt bei genauerem Hinsehen auch in dem Felsentitel zum Ausdruck: Meiner festen Überzeugung nach ist damit nicht nur die allgemeine Metapher von der Beständigkeit des Felsenbodens gemeint, wie Jesus sie am Ende der Bergpredigt verwendet. „Der Fels“ ist vielmehr nichts weniger als ein Gottesname! Überall da kommt er – buchstäblich! – zum Tragen, wo Israel vom Untergang bedroht wird, wo die „Mächte der Unterwelt“ es zu überwältigen drohen. In solchen Bedrängnissen macht das Volk immer wieder neu die Erfahrung, dass Gott es „auf guten Grund“ stellt, auf soliden Felsen, ja, dass Er für Israel selbst dieser rettende, unerschütterliche Fels ist. „Herr, du mein Fels, meine Burg, mein Retter, mein Gott, meine Feste, in der ich mich berge, mein Schild und sicheres Heil, meine Zuflucht. Ich rufe: Der Herr sei gepriesen!, und ich werde vor meinen Feinden gerettet“, jubelt der Psalmist. So entsteht förmlich ein Gottesname, wie das Buch Deuteronomium lapidar festhält: „Preist die Größe unseres Gottes! Er heißt: der Fels ...“ (32,3–4). Aus solchen Worten kann man auch dann Hoffnung schöpfen, wenn man nicht daran glaubt, dass Gottes Schutzfunktion in Petrus und dessen Nachfolgern sozusagen hypostasiert ist. Man muss eigentlich nur daran festhalten, dass der gute Grund, auf dem unsere Zukunft aufruht, nicht menschliches Werk ist, nicht Fleisch und Blut, sondern Gottes Gnade allein. Das glauben katholische Christen ebenso wie evangelische, und nicht erst seit der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre!

Darum können wir das Reformationsgedenken ja auch gemeinsam begehen: Weil die Evangelische Kirche in Deutschland nicht Spaltung und Zwietracht zelebriert, sondern ein Fest Christi und seiner Gnade feiert, zu dem wir uns herzlich gerne haben einladen lassen. Und so erweist sich Ihr Motto eben nicht als Pfeifen im Walde, nicht als realitätsferne Durchhalteparole, sondern als Zeugnis dafür, dass Christus uns auch und gerade im finstern Tal an der Hand nimmt, begleitet und trägt. Unsere Zukunft steht auf gutem Grund, auch wenn uns Krisen nicht erspart bleiben. Denn wie schrieb doch der Apostel Paulus den Korinthern: „… einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus“ (1 Kor 3,11).

Ich wünsche Ihnen und Ihren Beratungen den Segen des allmächtigen und gnädigen Gottes!


Fußnote:
(1) Das „Ch“ am Anfang des Namens wird wegen dessen arabischer Herkunft guttural ausgesprochen (wie im deutschen „Ach“).

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