Pressemeldung
15.03.2017 - Nr. 049

Katholischer Kinder- und Jugendbuchpreis der Deutschen Bischofskonferenz: „Gips oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte“

Die niederländische Autorin Anna Woltz und die deutsche Übersetzerin Andrea Kluitmann erhalten den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis der Deutschen Bischofskonferenz für das im Carlsen Verlag erschienene Buch „Gips oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte“. Die Jury unter Vorsitz von Weihbischof Robert Brahm (Trier) hat das diesjährige Preisbuch aus 241 Titeln ausgewählt, die von 64 Verlagen eingereicht wurden. Das Preisgeld in Höhe von 5.000 Euro wird zwischen der Autorin (4.000 Euro) und der Übersetzerin (1.000 Euro) aufgeteilt.

„Wir alle kennen Verletzungen, die wir am liebsten eingipsen würden. Wir sehnen uns nach Heilung und einer Rüstung, wenn wir uns schwach fühlen und Brüche in unserer Welt auftauchen. Mit der kleinen Felicia hat Anna Woltz ein starkes und mutiges Mädchen geschaffen, das an diesem einen Tag im Krankenhaus nicht nur ihre eigene Welt repariert, sondern auch für die Menschen, denen sie begegnet, zur Heilsbringerin wird,“ so Weihbischof Robert Brahm.

Die Preisverleihung des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises durch den Vorsitzenden der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Gebhard Fürst (Rottenburg-Stuttgart), findet in diesem Jahr anlässlich des 70-jährigen Bestehens der STUBE, Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur der Erzdiözese Wien, während eines Festaktes am 11. Mai 2017 im Erzbischöflichen Palais in Wien statt, bei dem auch der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz, Kardinal Christoph Schönborn, anwesend sein wird. Die STUBE steht seit Jahren in engem Austausch mit dem Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis und stellt traditionell ein Jurymitglied.
Der Jury des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises gehören neben dem Juryvorsitzenden, Weihbischof Robert Brahm (Trier), Ute Auweiler (Bergisch Gladbach), Prof. Dr. Norbert Brieden (Wuppertal), Gabriele Cramer (Münster), Cornelia Klöter (Leipzig), Bettina Kraemer (Bonn), Prof. Dr. Georg Langenhorst (Augsburg), Dr. Heidi Lexe (Wien), Dr. Klara Asako Sarholz (Bottrop) und Anna Winkler-Benders (Frankfurt) an.

Jurybegründung
Ein Tag an dem die Welt im Schnee versinkt und stehen zu bleiben scheint – draußen. Drinnen hingegen klaffen Wunden; jene, die offenliegen, aber auch jene, die tief innen bluten, ohne dass jemand von ihnen weiß. Anna Woltz nutzt für ihren Kinderroman die klassische Einheit von Ort und Zeit und verlegt jenen Tag im Leben der zwölfjährigen Felicia, von dem sie erzählt, in ein Krankenhaus. Heute ist die Welt hier, heißt es über den in sich geschlossenen Raum, der ein Ort des Unheil-Seins gleichermaßen wie des Heil-Werdens ist.

Hierher geraten Felicia und ihre neunjährige Schwester Bente, weil ihr Vater die Möglichkeiten winterlicher Fahrradtransporte überschätzt und mit dem glätteuntauglichen Fortbewegungsgerät samt Schlitten und Bente auf dem Gepäckträger ausrutscht. In der Wundversorgung jedoch zeigt sich, dass in Felicias Familie weit mehr in die Brüche gegangen ist als ein Zombiefinger, dem nun eine Kuppe fehlt. Die Fingerkuppe kann wieder angenäht werden; aber wie ist das mit Felicias Familie – kann auch die wieder hergestellt werden? Ist man überhaupt noch eine Familie, wenn die Eltern geschieden sind?

Nur kurze Zeit vorher haben Felicias Eltern ihren Kindern mitgeteilt, dass man einander immer verbunden sein, in Zukunft aber getrennte Wege gehen werde. Daraufhin hat Felicia ihre Eltern per E-Mail informiert, ab jetzt Fitz genannt werden zu wollen. In ihrer Erzählhaltung macht sie kein Hehl aus ihrer Wut, aber auch aus ihrer Enttäuschung und Ratlosigkeit. Eloquent steigt sie in die Schilderung der Ereignisse ein und erzählt unmittelbar aus ihrer Situation heraus. Anna Woltz stattet Fitz als Ich-Erzählerin dafür mit den sprachlichen Mitteln des Präsens ebenso wie mit trockenem Humor aus.

Sie positioniert sie zu Beginn des Romans als scheinbare Unheilbringerin – denn Fitz hat sich ihren Kommentar zur familiären Situation angriffslustig mit Permanentmarker ins Gesicht geschrieben. Ins Krankenhaus darf sie überhaupt nur mit, weil die Nachbarin ihr eine Tigermaske ausgeliehen hat. Während Bente im Krankenhaus als Patientin aufgenommen wird, agiert der Vater leicht panisch und die in ihren nagelneuen Joggingschuhen antrabende Mutter regelt die Dinge außerordentlich souverän. Der wilde Tiger Fitz jedoch streift durch das Krankenhaus und findet gerade hier, an einem Ort zahlreicher anonymisierter Schicksale, auf verschlungenen Wegen neu zu sich selbst.

Anna Woltz inszeniert Rituale des Übergangs und befreit dabei einzelne Biografien aus der Anonymität: Sie lässt Fitz gemeinsam mit dem unwiderstehlichen Adam sowie der schrägen Primula kleine Dummheiten zelebrieren und große Wahrheiten wie nebenbei erkennen. Denn das Gefühl des Zurückgesetzt- und Angenommen-Seins, das in unterschiedliche Varianten aufgefächert wird, birgt gerade für kindliche Leserinnen und Leser großes (emotionales) Identifikationspotential. Dabei werden einzelne Motive und Symbole in sprachlich und situativ immer neuen Variationen aufgegriffen – wie auch der titelgebende Gips. Denn Brüche müssen in Gips gelegt werden; dieser Gips wird hart und schließt sich wie ein Panzer um Wunden; er dient der Selbststärkung gleichermaßen wie der Befriedung der darunterliegenden Irritationen. Brüche heilen und auch wenn der Knochen nicht mehr seinem Ausgangszustand entspricht, ist er dennoch wieder tragfähig: Ich fühle mich neu. Als hätte ich nicht nur einen neuen Namen, sondern auch ein neues Stück Gehirn. Und ein neues Stück Herz, stellt Fitz gegen Ende des Romans fest. Zum Gefühl des Neubeginns gehört für Fitz die Erfahrung, dass Idealbilder von Familie zersplittern, aber auch neue Konstellationen heilbringend sein können. Vor Gott sind 1.000 Jahre wie ein Tag und für Fitz verdichtet sich in diesem Tag ein Wegstück des Erwachsenwerdens, das schmerzvoll, aber auch unendlich beglückend ist.

Zur Autorin
Anna Woltz wurde am 29. Dezember 1981 in London geboren und wuchs in Den Haag auf. Im Alter von 15 Jahren schrieb sie in der niederländischen Tageszeitung „de Volkskrant“ eine regelmäßige Kolumne über ihr Leben in der Schule. 2002 veröffentlichte Anna Woltz ihr erstes Kinderbuch. Seit ihrem Studium der Geschichte in Leiden ist sie als Schriftstellerin und Journalistin tätig.  Die Werke von Anna Woltz wurden mit zahlreichen Auszeichnungen prämiert. So erhielt zuletzt „Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess“ (2013) einen Vlag en Wimpel der Griffeljury, „Hundert Stunden Nacht“ (2014) gewann den Nienke van Hichtum-Preis und „Gips oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte“ (2016) wurde mit dem Gouden Griffel 2016 ausgezeichnet.

Zur Übersetzerin
Andrea Kluitmann wurde 1966 geboren und studierte Germanistik und Niederlandistik in Bochum und Amsterdam. Sie arbeitet als freie Übersetzerin aus dem Niederländischen und übersetzte Werke unter anderem von Hella Haasse und Gerbrand Bakker. Ihre Übersetzung von Do van Ransts Jugendroman „Wir retten Leben, sagt mein Vater“ wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.


Hinweise:

Zum Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis der Deutschen Bischofskonferenz ist die Arbeitshilfe Nr. 293 „Preisbuch 2017 und empfohlene Bücher“ mit ausführlichen Rezensionen aller Titel sowie ein Preisträgerplakat 2017 im Format DIN A1 erschienen. Beides kann in der Rubrik Veröffentlichungen bestellt oder als pdf-Datei heruntergeladen werden. Hier geht es direkt zur Broschüre und zum Plakat.

Informationen zur Jury und zur Geschichte des Preises sowie alle Siegertitel inklusive Jurybegründungen seit 1979 finden Sie auf der Seite „Katholischer Kinder- und Jugendbuchpreis“ (Rubrik Initiativen).

Fotos der Titel der Empfehlungsliste 2017 sowie aller Preisbücher seit 1979 sind abrufbereit bei KNA-Bild, www.kna-bild.de, Tel. 0228-26000-0.

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