Pressemeldung
09.01.2003 - Nr. 0

Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen

Am 12. Januar startet die Deutsche Bischofskonferenz die Initiative "Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen". Im Folgenden das Statement des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, beim heutigen Pressegespräch in Mainz


Statement im Wortlaut:
Die Deutsche Bischofskonferenz startet in diesen Tagen ihre neue Initiative "Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen". Wir wollen damit die Aufmerksamkeit von Kirchengemeinden und Öffentlichkeit stärker auf die Situation jener Christen lenken, deren Recht auf Religionsfreiheit eingeschränkt und missachtet wird. Ich danke Ihnen, dass Sie den Weg zu dem heutigen Pressegespräch gefunden haben, bei dem diese Initiative vorgestellt werden soll.
I.
Mancher wird vielleicht fragen: "Bedrängung und Verfolgung von Christen" - ist das in der gegenwärtigen Zeit überhaupt ein so gewichtiges und drängendes Problem, dass die Kirche in Deutschland ihm künftig jährlich eine Aktion widmen sollte? Mit dem Wort "Christenverfolgung" verbinden sich ja bei vielen eher Erinnerungen an die Geschichte: an die Steinigung des Stephanus, über die die Apostelgeschichte berichtet; an die Verfolgung unter römischen Kaisern, bevor das Christentum zur offiziell anerkannten Religion des Imperiums wurde; dann aber auch an das 20. Jahrhundert, in dem eine große Zahl von Christen unter Nationalsozialisten und Kommunisten Unrecht und nicht selten sogar den Tod erdulden musste. Aber heute, nach dem Zusammenbruch der totalitären Systeme - sieht die Situation mittlerweile nicht wesentlich anders aus? Der Journalist Jan Ross von der Wochenzeitung "Die Zeit" hat vor einiger Zeit eine Antwort auf diese Frage versucht und dabei festgestellt, dass es in unserem westlichen Kulturkreis eine verzerrte Wahrnehmung gibt. "Das Christentum", so schreibt Ross, "ist die meistverfolgte Religion auf der Welt; wofür sich freilich bei uns kaum einer interessiert, weil es dem abendländischen Selbsthaßklischee widerspricht!" Das ist ein außerordentlich hartes Diktum, und man mag es für überzogen halten. Aber dieses Wort leuchtet doch eine gewisse Tendenz der hiesigen Gesellschaft aus: die Neigung, angesichts der Schuldgeschichte des Christentums und der christlich geprägten Staaten, angesichts der Intoleranz und Unterdrückung, der sich Christen schuldig gemacht haben, die heutigen christlichen Opfer von Hass und Gewalt auszublenden.
II.
Blickt man auf die Fakten, so kommt man jedenfalls um die Feststellung nicht herum, dass es an vielen Orten gefährlich ist und mit einem hohen Preis verbunden sein kann, sich zum Christentum zu bekennen und als Christ zu leben.
Nach wie vor gibt es eine Reihe spätkommunistischer Staaten, in denen der christliche Glaube (wie auch andere Religionen) als Form eines falschen oder überholten Bewusstseins angesehen wird und als Hinderungsgrund für eine wirkliche Befreiung gilt. Gläubige werden dort gesellschaftlich diskriminiert, oft in ihren bürgerlichen Rechten beschnitten, manchmal sogar offen verfolgt. Die Kirche, die sich dem totalitären Staats- und Gesellschaftsverständnis widersetzt, wird in ihrer Freiheit so weit wie möglich eingeschränkt. Die Zeit systematischer Behinderung und manches Mal auch Verfolgung der Kirche durch militant-atheistische Systeme ist noch keineswegs vorüber; man denke nur an die bedrückende Situation in China, Nordkorea oder Vietnam.
Angewachsen ist in den letzten Jahren die Bedrohung von Kirchen und Christen in manchen islamisch geprägten Ländern. Hier macht sich vor allem ein erstarkender religiös motivierter Fundamentalismus bemerkbar, der aus dem Wahrheitsanspruch der eigenen Religion einen alleinigen und absoluten Geltungsanspruch in Gesellschaft und Staat ableitet. Islamische Fundamentalismen haben in einigen Ländern auf staatlicher Ebene großen Einfluss gewonnen, sodass Christen oftmals durch gesetzliche Diskriminierung zu Bürgern niederen Ranges abgestuft und an der Ausübung ihres Rechtes auf Religionsfreiheit gehindert werden. So spitzte sich während der Herrschaft des Taliban-Regimes in Afghanistan die Lage der vereinzelt im Land lebenden Christen dramatisch zu, aber auch Hindus wurden in ihrer Religionsfreiheit beeinträchtigt. Auch im Sudan oder im Iran droht gemäß den Strafgesetzbüchern, die auf der Scharia basieren, Muslimen, die zum Christentum konvertieren, die Todesstrafe. Nicht-muslimischen Gemeinden wird die Ausübung ihrer Religion schwer, wenn nicht gar unmöglich gemacht. In Saudi-Arabien existiert überhaupt keine Religionsfreiheit. Die sunnitische Ausprägung des Islam ist Staatsreligion, andere Religionen dürfen öffentlich nicht praktiziert werden. Konversion zu einer anderen Religion wird mit der Todesstrafe geahndet.
Die blutigen Streitigkeiten um den Austragungsort des letztjährigen Miss-World-Wettbewerbs haben die Aufmerksamkeit einmal mehr auch auf Nigeria gelenkt. Gerade dieses Beispiel zeigt, dass religiöse Auseinandersetzungen vielfach in einen breiteren Konfliktzusammenhang eingebunden sind, der soziale, kulturelle und ethnische Wurzeln hat. Das religiöse Bekenntnis wird dann oftmals als Ausdruck der ethnisch-kulturellen Andersartigkeit einer Minderheit wahrgenommen und zieht so Aggressionen aus der Mehrheitsgesellschaft auf sich. Vor allem gilt dies, wenn die Mehrheit ihre sozialen Belange durch die Minorität gefährdet sieht oder deren Glauben als Hindernis für die weltanschauliche Einigung der Gesellschaft betrachtet. Ein solches Muster lässt sich auch in Nigeria nachweisen. So haben in den zentralen und nördlichen Landesteilen die Angehörigen der Stämme mit muslimischer Religionszugehörigkeit seit Jahrhunderten eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Vormachtstellung inne. Andersgläubige wurden und werden dort als "Fremde" betrachtet, denen der Landerwerb und der Bau von Kirchen und Schulen massiv erschwert wird. Diese für Christen ohnehin kritische Lage verschärfte sich dann noch weiter durch die Einführung der Scharia in verschiedenen Bundesstaaten Nigerias. Obwohl das Aufbegehren der christlichen Bevölkerungsteile gegen die Islamisierung des Staates friedlichen Charakter behielt, kam es zu Übergriffen muslimischer Extremisten. Mehrere Hundert Tote und schwere Verwüstungen von kirchlichen Einrichtungen waren die Folge.
Bei einer Bestandsaufnahme dürfen auch jene Länder nicht übersehen werden, in denen das religiöse Bekenntnis zwar grundsätzlich geachtet wird, Christen jedoch, die sich mutig für die Menschenrechte einsetzen und mit der "Option für die Armen" Ernst machen, an Leib und Leben bedroht werden. Manchmal geht diese Gewalt von Regierungen aus, öfter aber von privaten Gruppen, die den Verlust ihrer Privilegien fürchten. Diese Art von Christen- und Kirchenverfolgung ist vor allem aus Lateinamerika bekannt, wo die Kirche sich in der Folge des II. Vatikanischen Konzils konsequent aus den Verstrickungen mit der Macht gelöst hat und dafür unter Bischöfen und Priestern, genauso aber auch unter engagierten Laien einen hohen Blutzoll entrichtet hat. Um nur ein aktuelles Beispiel herauszugreifen: In Kolumbien stehen Kirche und Gläubige wegen des Bemühens um Frieden unter dem Druck sowohl der rechten Paramilitärs als auch der linken Guerilla und der Drogenkartelle. Die Ermordung von Erzbischof Duarte und die Entführung von Bischof Jimenez - beides Ereignisse aus dem letzten Jahr - belegen den Ernst der Lage und zeigen, was es mancherorts kosten kann, als Christ zu leben.
Am Fall Kolumbien ist zudem eine andere Tendenz ablesbar, die sich nach dem Niedergang des Kommunismus und dem Ende der bipolaren Welt massiv verstärkt hat: die Entstaatlichung von Gewalt. An vielen Orten der Welt kann von einem Gewaltmonopol der staatlichen Autoritäten keine Rede mehr sein. Warlords, Banditen und weltanschaulich oder religiös motivierte Gruppen bestimmen nach eigenem Gutdünken über das Wohl und Wehe der Menschen. Auch der internationale Terrorismus gehört in diesen Zusammenhang: Die regional und teilweise sogar weltweit operierenden Netzwerke sind der vielleicht dramatischste Ausdruck der Privatisierung von Gewalt. Diese neuere Entwicklung hat auch starke Bedeutung für die Situation der Christen in manchen Weltregionen. War das 20. Jahrhundert bis zum Fall des Eisernen Vorhangs ein Zeitalter, in dem Repression gegen die Gläubigen von Seiten totalitärer Staaten verübt wurde, so geht die Gefährdung mittlerweile vielfach von frei flottierenden, keiner staatlichen Einflussnahme ausgesetzten Gruppen aus. Die erst vor wenigen Wochen in Pakistan verübten Mordanschläge auf die Besucher christlicher Kirchen sind hierfür ein ebenso markanter wie grausamer Beleg.
An diesem Beispiel wird aber noch eine andere Tendenz deutlich. Vor allem in muslimisch geprägten Gesellschaften werden Christen immer mehr als Angehörige einer als aggressiv und imperialistisch gedeuteten westlichen Welt verstanden. Der Hass gegen den Westen - vor allem gegen die Politik der USA - entlädt sich dann manches Mal in Gewalttaten gegen christliche Minderheiten. Man muss deshalb befürchten, dass ein möglicher Krieg im Irak (auch wenn er eigentlich überhaupt nicht in das Schema des clash of civilizations passt) zu einer neuerlichen und verschärften Gefährdung für Christen in muslimischen Staaten führen würde.
III.
Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen dürfte verständlich sein, warum die Bischofskonferenz bemüht ist, das Augenmerk der deutschen Gesellschaft, vor allem aber in der Kirche selbst stärker auf die Lage bedrängter und verfolgter Christen zu lenken. Unsere Initiative, die in allen deutschen Bistümern durchgeführt werden soll, umfasst drei Elemente:
Erstens: Die Bischofskonferenz hat ein Fürbittgebet vorgelegt, das allen Pfarrern zur Verwendung in den Gottesdiensten am 2. Weihnachtstag - dem Fest des Hl. Stephanus, des ersten christlichen Märtyrers - empfohlen wird. Dieses gemeinsame Gebet wurde erstmals am 26. Dezember des eben zu Ende gegangenen Jahres begangen. Künftig soll es jährlich in die Liturgie des Stephanus-Tages Eingang finden.
Zweitens: Jeweils Mitte Januar wird die Bischofskonferenz - anhand wechselnder Themen- oder Länderschwerpunkte - Informationen zur Lage verfolgter oder diskriminierter Christen bereit stellen. Die erste Informationsbroschüre befasst sich mit den Problemen und Lebensumständen der Kirche in Vietnam. Sie beschreibt die systematische Einschränkung und Behinderung christlicher Religionsausübung, wie sie dort auch heute noch praktiziert wird. Deutlich gemacht wird aber auch etwas von der Glaubensstärke und dem Glaubensmut der christlichen Minderheit, die für Christen in unseren Breiten etwas Faszinierendes und Bewundernswertes und - so hoffen wir - auch etwas Motivierendes hat. Die Informationsschrift soll am kommenden Wochenende in allen katholischen Pfarreien verbreitet werden.
Besonders darf ich in diesem Zusammenhang dem Werk Kirche in Not / Ostpriesterhilfe für die wertvolle Zuarbeit danken. Es hat schon früher, besonders in den Jahren des Kalten Krieges, stets die wache Erinnerung an die verfolgte Kirche gepflegt. - Herr Pfarrer Dr. Anton Van.Lo Huynh, der Sprecher der katholischen Auslandsseelsorge der Vietnamesen in Deutschland, wird gleich noch näher auf die Situation in Vietnam eingehen.
Drittens: Teil unserer Initiative ist schließlich auch eine vierteljährlich wechselnde Gebetsmeinung, die unter dem Stichwort "Verfolgte Christen" auf der Internet-Homepage der Deutschen Bischofskonferenz zu finden ist. Dort werden jeweils aktuelle Fälle - konkrete Personen, denen Unrecht geschieht oder die gefährdet sind - in den Blickpunkt gerückt.
Ab Mitte Januar steht Pfarrer Van Ly aus Vietnam, dessen Schicksal auch in unserer Broschüre aufgegriffen wird, im Mittelpunkt dieser Gebetsmeinung. Pfarrer Van Ly verbrachte 10 Jahre in Isolationshaft. Nach seiner Freilassung 1992 wurde ihm jeglicher seelsorgliche Dienst und die Feier der Hl. Messe verboten. Ungebrochen sucht er heute, stets gegängelt von den staatlichen Behörden, sein Christ- und Priestersein in sozialen Aktivitäten zu verwirklichen.
IV.
Aus diesen kurzen Darlegungen dürfte deutlich geworden sein, dass die neue Initiative der Bischofskonferenz nicht in erster Linie und unmittelbar aktionsorientiert ist. Das heißt: Es geht uns nicht zuerst um Unterschriftenkampagnen, politische Interventionen oder konkrete Hilfsmaßnahmen zugunsten bedrohter Christen. All dies ist notwendig, und all dies geschieht auch. Viele kirchliche Einrichtungen, vor allem die Hilfswerke und die Deutsche Kommission Justitia et Pax, leisten hier einen wichtigen Dienst. Ausdrücklich möchte ich auch das Wirken säkularer Menschenrechtsorganisationen, wie Amnesty International oder die Internationale Gesellschaft zur Förderung der Menschenrechte, nicht unerwähnt lassen.
Selbstverständlich hoffen die Bischöfe, dass all diese Aktivitäten durch unsere Initiative neuen Schub bekommen und intensiviert werden. Das unmittelbare Ziel, das wir verfolgen, ist indes ein anderes. Um es in drei Stichworten zu sagen: Wir wollen Öffentlichkeit herstellen, wir wollen Bewusstsein und Wahrnehmung verändern, und wir wollen schließlich einen Impuls für das Glaubensleben in unseren Gemeinden geben.
Dieser letzte Gesichtspunkt hat sein besonderes Gewicht. Wenn Christen in unseren Breiten aufgerufen sind, die Nähe zu den verfolgten Brüdern und Schwestern zu suchen, dann geht es nämlich nicht um eine schlichte Gruppensolidarität, die am Ende gar gegen eine universale Solidarität, wie sie das Christentum doch gerade lehrt, ausgespielt werden könnte. Die Zuwendung zu allen Bedrängten und Gedemütigten, gleich welcher Religion, ist den Christen bleibende Verpflichtung. Sie wird durch die Solidarität zu den Mit-Gläubigen weder aufgehoben noch eingeschränkt. Der Grund, warum sich Christen gleichwohl immer wieder besonders dem Schicksal derer zuneigen, denen um Jesu willen nachgestellt wird, liegt denn auch auf einer anderen Ebene. Schon die frühen Christen haben ihre Verfolgungssituation theologisch interpretiert: als Moment ihrer Nachfolge Jesu. Dieser selbst musste ja die Ablehnung seiner Botschaft erfahren, er wurde verfolgt und schließlich hingerichtet. Denn seine Verkündigung von der Nähe des Reiches Gottes erlaubte keine Indifferenz. Sie zeigte eine heilgeschichtliche Krisensituation an, in der jeder zur Entscheidung gerufen war. So schieden sich an Jesus die Geister. Und darum erfährt auch die Kirche immer wieder, dass sie in der Nachfolge Jesu zum Stein des Anstoßes werden kann, wenn sie Menschen mit dieser Entscheidungssituation konfrontiert. Genauso wie Jesus bleibt es der Kirche manches Mal nicht erspart, scharfe Ablehnung und Hass auf sich ziehen, und eben darin setzt sich in ihr das Geschick Jesu fort.
Als Kirche in einem Land, in dem Christen seit dem Ende der SED-Diktatur überall in gesicherter Freiheit leben, stehen wir in der Gefahr, diese Dimension des Christ-Seins aus dem Blick zu verlieren. Gerade hier setzt unsere Initiative an. Sie will den hiesigen Gläubigen helfen, sich von ihren bedrängten Brüdern und Schwestern über die Dramatik des Christlichen belehren zu lassen. Von ihnen können wir in besonderer Weise erfahren, was es heißt, als Christ zu leben, und auch, wer derjenige ist, dem Christen nachfolgen. Schließlich gelangen wir so in die Mitte des christlichen Glaubens, wie er sich in den Seligpreisungen bezeugt: "Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihnen gehört das Himmelreich" (Mt 5,10).

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