Pressemeldung
23.09.2008 - Nr. 47

Statement des Vorsitzenden der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Ludwig Schick (Bamberg), beim Pressegespräch zur Initiative "Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen" am 23. September 2008 in Fulda

Es gilt das gesprochene Wort!

Die Deutsche Bischofskonferenz hat im Jahr 2003 die Initiative »Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen« ins Leben gerufen. Sie will damit die Aufmerksamkeit von Kirchengemeinden und Öffentlichkeit stärker auf die Situation jener Christen lenken, deren Menschenrechte eingeschränkt und missachtet werden. Zu diesem Zweck wird jährlich eine Broschüre veröffentlicht, die vor allem auch in den Gemeinden zugänglich gemacht werden soll. Sie widmet sich jeweils einer Schwerpunktregion. In diesem Jahr befassen wir uns mit der Situation in China.
I.
Lassen Sie mich zunächst in aller Kürze einige grundsätzliche Bemerkungen zum Thema »Christenverfolgung« machen. Mit diesem Wort verbinden sich bei vielen ja eher Erinnerungen an die Geschichte: an die Steinigung des Stephanus, über die die Apostelgeschichte berichtet, an die Verfolgung unter römischen Kaisern, bevor das Christentum zur offiziell anerkannten Religion des Imperiums wurde; dann aber auch an das 20. Jahrhundert, in dem eine große Zahl von Christen unter Nationalsozialisten und Kommunisten Unrecht erdulden und nicht selten sogar den Tod erleiden musste. Wer sich aktuelle Meldungen aus der letzten Zeit vor Augen hält, kommt jedoch nicht um die Feststellung herum, dass es auch in unseren Tagen an vielen Orten gefährlich ist und mit einem hohen Preis verbunden sein kann, sich zum Christentum und seinen Werten zu bekennen. Man denke an die Lage der christlichen Iraker; viele haben ihr Land in den letzten Jahren verlassen müssen. Ebenso ist auf die jüngsten antichristlichen Ausschreitungen in einigen Gegenden Indiens hinzuweisen. Die Aktualität von Christenverfolgung wird oft übersehen, manchmal auch verdrängt.
In einer etwas schematischen Bestandsaufnahme möchte ich zunächst auf jene Länder hinweisen, in denen das religiöse Bekenntnis zwar grundsätzlich geachtet wird, Christen jedoch, die sich mutig für die Menschenrechte einsetzen und mit der »Option für die Armen« Ernst machen, an Leib und Leben bedroht werden. Manchmal geht diese Gewalt von Regierungen aus, öfter aber von privaten Gruppen, die den Verlust ihrer Privilegien fürchten. Diese Art von Christen- und Kirchenverfolgung ist vor allem aus Lateinamerika bekannt, wo die Kirche sich in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils konsequent aus den Verstrickungen mit der Macht gelöst hat und dafür unter Bischöfen und Priestern, genauso aber auch unter engagierten Laien einen hohen Blutzoll entrichtet hat. Unsere Arbeitshilfe zu Lateinamerika im Jahr 2005 war diesen Situationen gewidmet.
Angewachsen ist in den letzten Jahren vor allem die Bedrohung von Kirchen und Christen in manchen islamisch geprägten Ländern. Hier macht sich ein erstarkender religiöser Fundamentalismus bemerkbar, der aus dem Wahrheitsanspruch der eigenen Religion einen alleinigen und absoluten Geltungsanspruch in Gesellschaft und Staat ableitet. Islamische Fundamentalismen haben in einigen Ländern auf staatlicher Ebene großen Einfluss gewonnen, sodass Christen oftmals durch gesetzliche Diskriminierung zu Bürgern niederen Ranges abgestuft und an der Ausübung ihres Rechtes auf Religionsfreiheit gehindert werden. Ich verweise auf Länder wie den (Nord-)Sudan oder den Iran, wo gemäß den Strafgesetzbüchern, die auf dem islamischen Recht, der Scharia, basieren, Muslimen, die zum Christentum konvertieren, sogar die Todesstrafe droht. Nicht-muslimischen Bürgern wird die Ausübung ihrer Religion sehr schwer, wenn nicht gar unmöglich gemacht. Mit der Diskriminierung und Bedrohung von Christen unter fundamentalistischem Vorzeichen haben wir uns in der Broschüre des letzten Jahres befasst. Vier Länder des Nahen Ostens standen dabei im Zentrum.
Schließlich gibt es nach wie vor eine Reihe spätkommunistischer Staaten, in denen der christliche Glaube (wie auch andere Religionen) als Form eines falschen oder überholten Bewusstseins angesehen wird, als Hindernis für eine wirkliche Befreiung der Menschen oder als Gefahr für die staatlich verordnete Ideologie. Gläubige werden dort gesellschaftlich diskriminiert, oft in ihren bürgerlichen Rechten beschnitten, manchmal sogar offen verfolgt. Die Kirche, die sich dem totalitären Staats- und Gesellschaftsverständnis widersetzt, wird in ihrer Freiheit so weit wie möglich eingeschränkt. Ich denke an die nach wie vor bedrückende Situation in Nord-Korea, aber auch an Vietnam, das wir im ersten Jahr der Initiative »Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen« zum Informationsschwerpunkt gemacht hatten.
II.
In diesen Zusammenhang gehört auch das Thema der Broschüre, die wir Ihnen heute vorstellen: die Lage der Christen in China. Auch wenn sich deren Situation in den letzten 25 Jahren verbessert hat: Die Kirche in China ist nicht frei. Die so genannte Untergrundkirche lebt in der Illegalität und darf offiziell gar nicht existieren. Aber auch der staatlich anerkannte, offizielle Teil der Kirche steht trotz gewisser Freiheiten unter ständiger Kontrolle. - Dazu wird Pater Weber vom China-Zentrum in St. Augustin gleich Näheres ausführen.
Die Olympischen Spiele in diesem Sommer haben den Blick in besonderer Weise auf China gerichtet. China hat sich der Welt mit seinen Errungenschaften und Leistungen in beeindruckender Weise präsentieren können und deutlich gemacht, dass die Volksrepublik künftig einer der großen Akteure auf der Weltbühne sein wird. Auf der anderen Seite haben die Auseinandersetzungen der letzten Monate - hier ist nur das Stichwort Tibet zu nennen - klar vor Augen geführt, dass die Frage der Menschenrechte ein noch ungelöstes Problem darstellt. Dies gilt nicht zuletzt auch für die Religionsfreiheit.
Bei allen Fortschritten durchlebt die chinesische Gesellschaft derzeit eine Sinnkrise, die durch den Verlust der ideologischen Führungskompetenz der Kommunistischen Partei entstanden ist. Unter der Intelligenz, aber auch in anderen Segmenten der Gesellschaft wird nach einem tragfähigen Ersatz für die verbrauchten marxistisch-kommunistischen Ideen gesucht. Die christlichen Kirchen, wie auch die anderen Religionsgemeinschaften, profitieren von diesen weltanschaulichen Suchbewegungen. Seit mehreren Jahren verzeichnen sie ein mehr oder weniger starkes Wachstum, wobei die katholische Kirche sich wegen der internen Spaltung zwischen offizieller und so genannter Untergrundkirche manches Mal schwerer tut als andere. Ganz sicher wird eine zentrale Aufgabe des Christentums darin bestehen, den Menschen in China inmitten einer schwer einschätzbaren politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung ein nicht-materialistisches Menschenbild zugänglich zu machen. So werden nicht nur die Grundlagen für die Evangelisierung, sondern auch für eine künftige Demokratie gelegt.
Die Kirche in China ist nach wie vor auf unsere Solidarität angewiesen. Für Gläubige heißt das zunächst einmal, dass wir unsere Mitchristen in das Gebet einschließen. Zu unserer Solidarität gehört darüber hinaus materielle Unterstützung, die durch unsere Hilfswerke, Diözesen und Orden geleistet wird. Schließlich sind wir auch verpflichtet, die Situation der Christen in China einer größeren Öffentlichkeit hierzulande bewusst zu machen. Die vorliegende Broschüre ist Ausdruck dieser Solidarität.
Wegen der großen Herausforderungen, vor denen die Kirche in China in den nächsten Jahren steht, haben sich die Deutsche Bischofskonferenz und insbesondere deren Kommission Weltkirche in den Jahren 2007 und 2008 ausführlich mit der Zukunft des Christentums im bevölkerungsreichsten Land der Erde befasst. Auf Vorschlag von Papst Benedikt XVI. haben die Kirchengemeinden am 24. Mai, dem liturgischen Gedenktag der Allerseligsten Jungfrau Maria - Hilfe der Christen, in diesem Jahre erstmals der chinesischen Christen gedacht. Auch beim 97. Deutschen Katholikentag in Osnabrück ist in besonderer Weise für die Kirche in China gebetet worden. Darüber hinaus planen die deutschen Bischöfe, die kirchlichen Kontakte nach China auszuweiten und zu intensivieren.
III.
Ich möchte abschließend noch einmal das Ziel benennen, das wir mit unserer Initiative »Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen« verfolgen: Wir wollen Öffentlichkeit herstellen, wir wollen Bewusstsein und Wahrnehmung verändern, und wir wollen schließlich einen Impuls für das Glaubensleben in unseren Gemeinden geben.
Ich stelle klar: Die Zuwendung zu allen Bedrängten und Gedemütigten, gleich welcher Religion, ist den Christen bleibende Verpflichtung. Aber als Kirche in einem Land, in dem Christen überall in gesicherter Freiheit leben, sind wir auch verpflichtet, den eigenen Glaubensbrüdern und -schwestern, die um des Glaubens willen bedrängt werden, zur Seite zu stehen. Wenn wir zu dieser Solidarität nicht fähig wären, würden wir den eigenen Glauben verraten und auch unsere allgemeine, universale Solidarität wäre schal. Vielleicht können wir ja auch von den um des Glaubens willen Verfolgten und Bedrängten in besonderer Weise erfahren, was es heißt, als Christ zu leben, und auch, wer derjenige ist, dem Christen nachfolgen. In der Bergpredigt, einem Herzstück des christlichen Glaubens, heißt es: »Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihnen gehört das Himmelreich« (Mt 5,10).


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