Pressemeldung
08.10.2003 - Nr. PRD 058 - Anlage

Statement des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann (Mainz) bei der Preisverleihung des Katholischen Medienpreises am 8. Oktober 2003 in München (Landesmedienanstalt)

Es gilt das gesprochene Wort!
Meine sehr verehrten Damen und Herren, sehr geehrte, liebe Preisträgerinnen, lieber Preisträger!

Auf einem Medienmarkt, der von ökonomischen Prinzipien beherrscht wird, ist die Frage nach dem Wie oft wichtiger als die nach dem Was. Nicht was zu berichten ist, sondern wie es gleichsam verpackt wird, spielt eine wesentliche Rolle. Der Kampf um die Aufmerksamkeit des Rezipienten hat sich zu einer regelrechten Schlacht entwickelt. Der Philosoph Georg Frankh (Wien) hat in seinem bemerkenswerten Buch "Ökonomie der Aufmerksamkeit" die Aufmerksamkeit als eine neue Währung unserer Gesellschaft bezeichnet. Angesichts der begrenzt verfügbaren Zeit und der Überfülle der Medienangebote ist Aufmerksamkeit ein knappes Gut geworden, und die Medien setzen auf immer ausgefeiltere Marketingstrategien, um sich dieses Einkommen in der Währung "Aufmerksamkeit" zu sichern. Im philosophischen Denken mehren sich auch sonst Studien zur Aufmerksamkeit und zur "Sensation" in des Wortes doppelter Bedeutung.

Der Kampf um die Aufmerksamkeit führt dazu, dass immer mehr Reize notwendig sind, um den Rezipienten zu bewegen, diese Aufmerksamkeit zu investieren. Sensationen scheinen hierbei das probate Mittel zu sein: Konflikt, Kampf und Katastrophen ließen sich schon immer gut verkaufen.

Wir haben gerade am Beispiel des Irak-Krieges ausgiebig studieren können, wie schwierig es sein kann, in einer Situation des verschärften Wettbewerbs der Medien einen verantwortungsvollen Journalismus zu betreiben. Gegenüber dem ersten Golfkrieg, der schon ein "Medienkrieg" war, hat sich hier nochmals eine Steigerung ergeben. Die in den Medien verbreiteten Bilder wurden so stark von einem militärstrategischen Kalkül gesteuert, dass die Journalisten nicht nur Gefahr liefen, als PR-Rädchen in die Militärmaschinerie eingebaut zu werden, sondern auch - wie wir erfahren mussten - vielfach Opfer dieser besonderen Nähe wurden. Die so genannten "eingebetteten Korrespondenten" auf den voranstürmenden Panzern konnten sich dem Druck, die vorgefertigten Bilder einer Siegeszug-Inszenierung zu übermitteln, zum Teil kaum entziehen. Mit der Verschärfung der Kriegssituation wurden die Fragen nach den Grenzen einer verantwortbaren Berichterstattung aufgeworfen, als beispielsweise Bilder von gefangenen amerikanischen Soldaten oder später auch die getöteten Söhne des irakischen Diktators einem weltweiten Millionenpublikum vorgeführt wurden.

Die Darstellung von Menschen in Situationen von Krieg und Katastrophen ist immer eine heikle Gratwanderung. Dagegen scheint es völlig unverdächtig, wenn Menschen dort in den Medien vorkommen, wo es um Unterhaltung geht. Wir erleben im Fernsehen derzeit eine regelrechte neue Massenbewegung: Zehntausende von Menschen bewerben sich bei Casting-Verfahren, um mit ihren Gesangskünsten oder Unterhaltungstalenten Medienstar zu werden. Diese Tendenz zum "Echtmenschenfernsehen" analysierte Andrea Kaiser unlängst in der ZEIT: "Die Zuschauer" - so schrieb sie - "halten Einzug in ihr Medium, und zwar auf anderen Wegen, als sich die Visionäre des Bürgerfernsehens und die Gründer der 'Offenen Kanäle' zum Start des Privatfernsehens ebhofft hatten." Und dieses Phänomen ist keineswegs auf das Fernsehen beschränkt. Die Sendungen sind Teil einer großen - bei dem aus England übernommenen "Superstar"-Format sogar weltweiten - Vermarktungsmaschinerie.

Im Prinzip ist hier die harmlosere Variante der "Big Brother"- Konzeption gefunden worden. Die Diskussionen um eine Verletzung der Menschenwürde, die diese Container-Show noch provozierte, sind bei den Talentshows ausgeblieben. Aber die Medienbegleitung durch vorbereitende und nachbereitende Sendungen, Fanmagazine und die Boulevardpresse ist fast ebenso lückenlos wie die Kameraüberwachung im Container, sodass auch hier zu fragen wäre, in welchem Maße Menschen zu Objekten degradiert werden. Und auch die Botschaft ist zu hinterfragen: Wird hier nicht den jungen Menschen die Illusion vorgegaukelt, man könne oftmals geradezu mit nichts an Talent und Fleiß etwas im Leben erreichen. Bei allem Spaß, den diese Sendungen sicherlich bringen, der längst fälligen Diskussion in unserer Gesellschaft über unser Verhältnis zur Leistung sind solche Formate nicht förderlich.

Was sucht der Mensch, der sich in das Medium begibt? Eine "Veredelung des eigenen Lebens", meint der Produzent Nico Hofmann. Aber derartige Programme, die nicht als tragfähiges Bild der Lebenswirklichkeit, sondern als eine kühl kalkulierte Inszenierung illusionärer Erwartungen an das, was Glück im Leben ausmacht, anzusehen sind, können unsere Wahrnehmung dessen, was im Leben wirklich wichtig ist, nachhaltig verändern. Wenn wir von den Medien verlangen, dass sie die Welt spiegeln und im Dienst der Wahrheit stehen sollen, folgt daraus, dass sie auch die Wahrnehmung der Wirklichkeit immer wieder neu justieren müssen. Hier kommt den Journalisten, die sich dem Dienst an der Wahrheit verpflichtet fühlen, eine große Aufgabe zu. Sie müssen angesichts herrschender Trends, die die Wahrnehmung verschieben, auch subversiv arbeiten und sozusagen das ausleuchten, was in den herrschenden Trends unbelichtet bleibt. Ich bin mir bewusst, dass dies angesichts der vielfältigen Zwänge und Vorgaben, denen sich gerade junge Journalisten ausgesetzt sehen, oftmals sehr schwer ist. Anpassung ist der einfachste Weg. Aber wir brauchen gerade auch die, die diesem "Druck der Quote" standhalten. Wir brauchen mehr Journalisten, die das schreiben, worauf es ankommt, statt zu sehr das, was ankommt.

Das bedeutet in Bezug auf das erwähnte Medienphänomen vor allem, dass es notwendig ist, den Blick auf die zu richten, die nicht "Superstar"-Erwartungen entsprechen können, die Leidenden, die Ausgegrenzten, die Gescheiterten. Und auf die Menschen, die ihr Handeln nicht an der Vermehrung des eigenen Wohlstands und Ruhmes ausrichten, sondern andere Hoffnungen und Erwartungen an ein gelungenes Leben haben als die Erfüllung in einem Augenblick medialer Glorifizierung. Hier gilt es Lebensmodelle zu vermitteln, die von anderen Wertorientierungen bestimmt sind. Es geht nicht darum, Designer des eigenen Lebens in Ruhm und Luxus zu werden, sondern darum, das Leben in seiner ganzen Fülle, d.h. auch unter Einschluss von Krankheit, Leid und Scheitern, zu erfahren und anzunehmen. Ich habe kürzlich einem Kommentar in dieser Richtung die Überschrift "Lob der Normalität" gegeben.

Meine Damen und Herren, die journalistischen Leistungen, die wir heute auszeichnen, haben dies alles - so meine ich - in überzeugender Weise vorgeführt. Ich will an dieser Stelle nicht den Urteilsbegründungen der Jury vorgreifen, aber ich erlaube mir den Hinweis, dass diese Beiträge zeigen, wie notwendig es ist, immer wieder in die Medien auch das hereinzuholen, was aus dem Feld der herrschenden Aufmerksamkeit oft verschwunden ist, was aber gerade deshalb besondere Beachtung verdient. Dabei ist ausschlaggebend, wie sich die Beiträge den Menschen, die sie zum Thema machen, nähern. Es ist vielleicht kein Zufall, dass es in beiden Fällen Autorinnen sind, die die so oft vergessenen journalistischen Tugenden der Diskretheit und der Einfühlung so beispielhaft verfolgen. Hier werden keine Menschen aus einem marktstrategischen Kalkül heraus in das mediale Scheinwerferlicht gezerrt, sondern es erfolgt eine Annäherung an den Menschen, die immer den Respekt vor der Würde des Anderen behält und die Distanz wahrt, wo es angebracht ist. Es geht nicht darum, mittelmäßig begabte Menschen zu "Superstars" hochzustilisieren, sondern Menschen in ihrer wahren Größe darzustellen; Menschen, die nicht versuchen, etwas anderes zu sein, sondern mit dem Leben umgehen, das Gott ihnen geschenkt hat, "stille Helden", Menschen, mit einer beispielhaften Lebenspraxis.

In diesem Sinn verleihen wir heute erstmals den Katholischen Medienpreis, von dem ich mir wünsche, dass er mit diesem Anspruch Aufmerksamkeit erregt.

Bonn/Mainz/München, 8. Oktober 2003

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