Pressemeldung
11.10.2000 - Nr. 0

Das neue Bischofswort "Gerechter Friede"

Zusammenfassung

Vor knapp zwanzig Jahren haben sich die deutschen Bischöfe mit dem Wort "Gerechtigkeit schafft Frieden" (1983) an die Öffentlichkeit gewandt. Die Friedensproblematik war damals in Deutschland Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen. Kontrovers diskutiert wurde die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenwaffen, die sogenannte "Nachrüstung", ebenso wie die Legitimität atomarer Rüstung überhaupt. Die Bischöfe waren damals angefragt, vor allem zu diesen speziellen Fragestellungen eine ethische Stellungnahme abzugeben. Waren die Drohungen mit dem Einsatz von Atomwaffen und die entsprechenden militärischen Planungen als Element einer Politik der Kriegsverhütung noch ethisch verantwortbar? Die damalige Position, dass die Strategie der nuklearen Abschreckung nur befristet und verbunden mit der Pflicht, mit aller Anstrengung nach Alternativen zur Androhung von Massenvernichtung zu suchen, ethisch tolerierbar ist, hat nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Denn nach wie vor verfügen die Großmächte über umfangreiche Atomwaffenarsenale, und es ist nach 1989 teilweise schwieriger geworden, die Kontrolle über diese Bestände sicherzustellen sowie die Weiterverbreitung militärisch nutzbarer Nukleartechnologie zu verhindern. Dennoch ist dieses weiterhin bedrängende Problem vom Zentrum an den Rand gerückt. Die gesamte Friedensproblematik wurde durch den Gang der Geschichte in eine veränderte Perspektive gestellt, die neue Herausforderungen mit sich bringt.
Die Konfrontation der Blöcke konnte überwunden werden und damit die Teilung Deutschlands und Europas. Doch die erforderliche politische und wirtschaftlich soziale Neuordnung wurde vielerorts von gewaltigen Erschütterungen begleitet. Die Vorgänge im ehemaligen Jugoslawien zeigten auf erschreckende Weise, wie Nationalismus und "Ethnozentrismus" der Geschichte erneut ein blutiges Mal aufprägten. Bei vielen der seit 1989 gewalttätig ausgetragenen Konflikte handelt es sich nicht mehr um "klassische" zwischenstaatliche, sondern um innerstaatliche Auseinandersetzungen, die sich mit dem herkömmlichen sicherheitspolitischen Instrumentarium nur bedingt erfassen und bearbeiten lassen.
Diese seit dem Ende des Kalten Krieges deutlich geänderte friedens- und sicherheitspolitische Lage in Europa und der gesamten Welt ist für die Bischofskonferenz Anlass gewesen, sich erneut in grundsätzlicher Weise mit den Fragen des Friedens auseinander zu setzen. Der Titel des neuen Wortes "Gerechter Friede" will zum Ausdruck bringen, dass es ganz wesentlich darum geht, sich der Friedensfrage nicht erst dann zu stellen, wenn Auseinandersetzungen bereits mit Waffengewalt geführt werden. Es gilt vielmehr, frühzeitig alles zu tun, um Gewaltsituationen erst gar nicht entstehen zu lassen.
Das bischöfliche Wort besteht aus drei großen Teilen. Zunächst vergewissert es sich anhand der Bibel - des Alten und Neuen Testaments - der theologischen Grundposition zur Frage der Gewalt und ihrer Überwindung. Im zweiten Teil werden die gegenwärtigen Friedensgefährdungen in den Blick genommen und die Hauptlinien einer Politik eines "gerechten Friedens" skizziert. Der abschließende dritte Teil fragt nach dem Auftrag der Kirche. Da diese sich als ganze als "Sakrament des Friedens" verstehen lässt, will der Text verdeutlichen, wie sie immer mehr eine Kirche werden kann, die aus dem Frieden Jesu Christi lebt und ein überzeugendes Zeugnis für diesen Frieden ablegt.
I. Teil: Gewaltfreiheit in einer Welt der Gewalt. Die biblische Botschaft vom Frieden
Die kirchliche Lehrverkündigung hat sich im vergangenen Jahrhundert mit wachsender Intensität dem Friedensthema zugewendet und deutlich gemacht, dass es kein Randthema ist. Schon in der Bibel hat die Auseinandersetzung mit der Gewaltproblematik eine zentrale Bedeutung. Dies herauszuarbeiten, ist das Anliegen des ersten Hauptteiles des Bischofswortes. Er zeigt, wie eng die Offenbarung Gottes in der Geschichte und sein Handeln in dieser Welt verknüpft sind mit der Aufdeckung der Ursachen menschlicher Gewalttätigkeit und der Suche nach Möglichkeiten, ihrer Herr zu werden. Nicht nur durch die Zeitspanne zwischen der Ursünde im Paradies und dem Kreuz Jesu Christi, sondern auch durch die Geschichte der christlichen Kirche zieht sich eine breite Blutspur der Gewalt. Doch wird die Kette der Gewaltanwendung immer wieder durchbrochen von Mahnreden, Friedensvisionen und Verheißungen, im Alten Testament vor allem seitens der Propheten. Von Anfang an lautete die Kernfrage, wie unter den Bedingungen einer von Gewalt bedrohten und beherrschten Welt Gottes Heil konkrete Gestalt gewinnen kann.
Die Bibel bietet hierauf nicht nur eine einzige Antwort. Da sie stets in die konkrete Geschichte der Menschen hineinspricht, liefert sie auch keine überzeitlich gültige und unveränderbare friedensethische Systematik. Vielmehr will sie "helfen, die menschliche Wirklichkeit im Licht der göttlichen Verheißungen zu sehen, mit brennenden Herzen und doch zugleich nüchtern." (Nr. 8) Im Zentrum christlichen Heilsgeschehens steht das Kreuz, das deutlich macht, was die Gewalt anzurichten vermag, das aber auch offenbart, dass Gottes Heilsweg nicht der der Gewalt ist.
II. Teil: Elemente innerstaatlicher und internationaler Friedensfähigkeit
Der zweite Hauptteil des Bischofswortes entfaltet in sozialethischer Analyse das Leitbild des gerechten Friedens und will es in den Prozess der öffentlichen Meinungs- und Willensbildung einbringen. Die biblische Perspektive, von der es heißt, dass der Glaube die Vernunft über sich selbst hinausführt, ohne sie von sich wegzuführen, wird in diesem Teil in ethisch-politischer Hinsicht konkretisiert. Zwar möchten die Bischöfe keine detaillierten politischen Programme und Friedensstrategien vorlegen. Doch geht es um den Versuch, "innerhalb der herrschenden Ordnung Vorgriffe auf den messianischen Frieden zu wagen und auf diese Weise die Welt vernünftiger und menschlicher zu gestalten. Christen können dieses Wagnis eingehen, gestützt auf und gestärkt durch die Erfahrungen, die der Glaube als unbedingtes Vertrauen auf die Kraft der göttlichen Liebe ihnen ermöglicht." (Nr. 56).
In sieben Abschnitten entfaltet dieser zweite Hauptteil das Leitbild des gerechten Friedens. Es werden dabei Felder aktueller und künftig möglicher Konflikte benannt, und es wird nach Wegen gesucht, wie sich gewaltträchtigen Konflikten bereits im Ansatz entgegenwirken lässt. Denn unter den veränderten weltpolitischen Bedingungen erweist sich für die Bischöfe "die Suche nach Wegen gewaltvermeidender und gewaltvermindernder Konfliktbearbeitung als vorrangige Verpflichtung." (Nr. 66). Dem gemäß wird einer Politik der Gewaltfreiheit und Gewaltvorbeugung deutlich der Vorzug gegenüber Lösungen unter Einsatz von Gewalt eingeräumt, denn es gilt "insbesondere den durch kein anderes irdisches Gut überbietbaren Wert des menschlichen Lebens zu wahren". (Nr. 67)
Die Bischöfe gehen aus von der christlich verstandenen Personwürde, die allen Menschen zu eigen ist, und sehen deswegen in der Ausrichtung auf ein internationales Gemeinwohl die entscheidende Herausforderung der Friedenspolitik. Gerechtigkeit und Solidarität werden als Leitprinzipien auf der Suche nach einem gerechten Frieden entfaltet.
Die Zunahme innerstaatlicher Konflikte macht es erforderlich, die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse innerhalb von Staaten in friedenspolitischer Hinsicht zu beleuchten und die Ursachen ethnisch, religiös oder ideologisch gedeuteter Konflikte in den Blick zu nehmen. Dabei zeigt sich, dass es in vielen Entwicklungsländern an Erfahrung mit Rechtsstaatlichkeit und Demokratie fehlt und die Bevölkerung nur unzureichend am politischen Prozess beteiligt ist. "Reformen werden jedoch", so die Bischöfe, "nur dann zu tragfähigen Ergebnissen führen, wenn auch in den wirtschaftlichen und sozialen Fragen Fortschritte erzielt werden. Menschenrechte und Demokratie, wirtschaftliche und soziale Entwicklung und der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen stehen also in einem engen Zusammenhang. Für eine Friedenspolitik, die vom Gedanken der Gewaltprävention und der Austrocknung von Gewaltverhältnissen bestimmt ist, sind sie von herausragender Bedeutung." (Nr. 71)
Betont wird in dem Dokument auch die Bedeutung der internationalen Zusammenarbeit. Ein primär an Einzelinteressen von Nationalstaaten orientiertes außenpolitisches Denken sei ungeeignet, die gegenwärtigen Sicherheits- und Friedensprobleme zu bewältigen. Gefordert wird dagegen eine allseitige Politik der Kooperation, die internationalen Organisationen zur Friedenssicherung mehr Vertrauen entgegenbringt, die Wirksamkeit ihrer friedenspolitischen Arbeit erhöht und nationale Interessen zugunsten eines Weltgemeinwohls zurückzustellen bereit ist.
Breiten Raum widmet das Dokument der Suche nach einem angemessenen Umgang mit belasteter Vergangenheit. Die Bischöfe betonen: "Ein Krieg beginnt nie erst, wenn geschossen wird; er endet nicht, wenn die Waffen schweigen. Wie er längst vor dem ersten Schuss in den Köpfen und Herzen von Menschen begonnen hat, so braucht es lange Zeit, bis der Friede in den Köpfen und Herzen einkehrt." (Nr. 108) Hervorgehoben wird die Bedeutung des Anerkennens von Schuld, von Vergebungsbereitschaft und Versöhnung, damit Gesellschaften und Völker nach einer Zeit gewaltsamer Auseinandersetzungen wieder Frieden finden können. Von größter Wichtigkeit ist ein sensibler Umgang mit belasteter Vergangenheit, der vor allem die Opfer in ihrer Würde ernst nimmt und sich darum bemüht, ihnen wenigstens ein Stück weit Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Besondere Aufmerksamkeit gilt ferner den Möglichkeiten, im Rahmen der Zivilgesellschaft Beiträge für eine gelingende Konfliktnachsorge zu erbringen.
Bedeutung und Grenzen militärischer Mittel' werden im letzten Kapitel des zweiten Hauptteils behandelt. Schon dadurch soll verdeutlicht werden, dass der Rückgriff auf solche Instrumente allenfalls am Ende jedweder Bemühungen um eine Konfliktbewältigung stehen kann, vor allem die Chancen der Gewaltprävention dadurch nicht beeinträchtigt werden dürfen. Neben Fragen der Abrüstung und Rüstungskontrolle geht es in diesem Abschnitt um die friedenspolitische Bedeutung und die veränderte Rolle der Bundeswehr. Eingegangen wird dabei auch auf die kontrovers diskutierten Fragen sogenannter humanitärer Interventionen, für die strenge ethische Kriterien gelten müssen.
III. Teil: Aufgaben der Kirche
Der dritte Hauptteil gilt Fragen der Pastoral und reflektiert das breite Spektrum von 'Aufgaben der Kirche'. Die Bischöfe möchten nicht nur die Verantwortungsbereiche von Politik und Gesellschaft ansprechen, sondern auch die Kirche selbst in den Blick nehmen: "Sie hat von ihrem Herrn den Auftrag, mitten in der Welt des ächzend-stöhnenden gewaltbewehrten Friedens einen größeren, 'messianischen' Friedens zu leben, der nicht auf Gewalt, sondern auf Vertrauen baut und so alle, welche den wahren Frieden suchen, faszinieren kann. Es ist noch wichtiger für sie, Sakrament des Friedens zu sein, als etwas für den Frieden zu tun". (Nr. 162)
Von der christlichen Botschaft her lässt sich die Kirche als Sakrament des von Gott verheißenen Friedens verstehen, den sie als gegenwärtig wirksam zu bezeugen hat. Sie tut das mitten in einer noch immer gewaltdurchwirkten Welt, von deren Sündhaftigkeit auch die Kirche selbst nicht unberührt bleibt. Der dritte Teil beschreibt daher ihr Mühen um den Frieden, benennt Fehler, Versäumnisse und Schuld im Lauf ihrer Geschichte und zeigt Möglichkeiten und Felder eigenen Friedenshandelns heute auf. Die Kirche selbst sieht sich in die Pflicht genommen, für ein Mehr an messianischem Frieden in einer gewaltdurchwirkten Welt tätig einzutreten. In vier Kapiteln werden 'Der gerechte Friede als Leitbild der Kirche' sowie 'Die Einheit der Sendung und die vielen Dienste' entfaltet, 'Bewährungsfelder kirchlichen Handelns für den Frieden' und die 'Kulturelle und spirituelle Dimensionen des Dienstes am gerechten Frieden' aufgezeigt.
Was die deutschen Bischöfe im ihrem Dokument 'Gerechter Friede' für nötig erachten, ist nicht weniger als ein tiefgreifender Bewusstseinswandel im Geist der Gewaltlosigkeit, der in Kirche, Gesellschaft und Politik fruchtbar werden soll.

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