Pressemeldung
23.09.2008 - Nr. 47

Statement von Pater Anton Weber SVD, Leiter des China-Zentrums in St. Augustin, beim Pressegespräch zur Initiative "Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen" am 23. September 2008 in Fulda

Zur Lage der katholischen Kirche in China

Es gilt das gesprochene Wort!
Mit großem Interesse wird im Westen die Entwicklung des Christentums in China verfolgt. Es ist ein von Bewunderung und Hoffnung, aber auch von Enttäuschung und Sorge begleitetes Interesse. Man hört Berichte über den Aufbruch, der in den christlichen Gemeinden stattfindet, aber auch von Einschränkungen und massiven Kontrollen und Belästigungen.
Die Religion bedarf, um ihren kreativen und animierenden Einfluss in der Gesellschaft ausüben zu können, der freien Ausübung. Tatsache ist, dass die Religion in China seit den 1980er Jahren eine relative Freiheit genießt, auch wird die Religionsfreiheit in der Verfassung gewährleistet. Aber dennoch wird ihr in China nicht oder noch nicht jenes Maß an Freiheit gewährt, die der internationale Menschenrechtsstandard fordert. Im Bereich der Religionsausübung gibt es noch vielfältige Maßnahmen der staatlichen Behörden, die den Raum der Freiheit über das erträgliche Maß beschränken und in einer Weise Kontrolle ausüben, die leicht zu Spannungen und Widerstand führen kann. Es ist bekannt, dass von den Behörden, um Informationen über das Personal und die Aktivitäten der Kirche zu sammeln, Telefongespräche abgehört werden, ja dass versucht wird, Laien und kirchliches Personal durch Bestechung als Informanten zu gewinnen. Priester und Bischöfe müssen regelmäßig an politischen Schulungen teilnehmen, die Ausbildung an den Priesterseminaren wird überwacht. Auch die kirchlichen Medien unterliegen einer strengen Kontrolle. Nichts darf veröffentlicht werden, was nicht vorher auf seine Verträglichkeit mit der Parteilinie untersucht wurde. So durfte der Brief von Papst Benedikt XVI. an die katholische Kirche Chinas im vergangenen Jahr in China nicht publiziert werden. Obwohl von chinesischer Regierungsseite anerkannt wurde, dass der Brief eine gewisse Bereitschaft zum Dialog an den Tag legte, so wurde ihm doch vorgeworfen, in seinem Gesamtverständnis eher eine negative Haltung gegenüber Beijing zu zeigen. Die chinesische Kirche werde aufgewiegelt, ohne Kompromisse auf Seiten des Papstes zu stehen, und sie werde erneut dazu gezwungen, eine Wahl zu treffen zwischen Partei und Kirche, urteilte Ye Xiaowen, der Leiter des Nationalen Büros für Religiöse Angelegenheiten.
Seit dem 1. März 2005 gibt es die »Vorschriften für religiöse Angelegenheiten« mit allgemeiner Geltung für alle Religionen. Mit diesen Vorschriften wird die in der Verfassung gewährte Religionsfreiheit in ihrer praktischen Ausführung im kirchlichen Leben bis in seine Einzelheiten geregelt. Auf diese Weise wird ein doppelter Zweck verfolgt: Einerseits ist die Ausübung religiöser Betätigungen vor Übergriffen durch korrupte Beamte geschützt, anderseits haben die Behörden nun aber auch eine offizielle Handhabe, um bei allen Religionen gegen »nicht registrierte« Gruppen und Individuen legal vorzugehen. Es handelt sich bei letzteren um solche, die sich der strengen Kontrolle und Bevormundung durch staatliche Organe nicht unterwerfen wollen. Sie gelten als »illegal« und werden teilweise geduldet, oftmals aber auch mit unterschiedlicher Härte unterdrückt. Es kommt immer wieder vor, dass ihre Versammlungsorte als illegale Bauten zerstört, die Organisatoren und verantwortlichen Leiter mit Geldstrafen belegt oder unter Einsatz von Gewalt von den Sicherheitsbehörden verhaftet, zu Gefängnisstrafen verurteilt oder kurzfristig unter Hausarrest gestellt werden. Auf katholischer Seite handelt es sich dabei dann meist um Anhänger der so genannten Untergrundkirche. Die katholische Kirche im »Untergrund« hat sich von Anfang an offen der staatlichen Forderung widersetzt, sich von Rom zu trennen. Ihre Mitglieder verweigern es auch, sich der »Patriotischen Vereinigung der chinesischen katholischen Kirche« anzuschließen, die auf Druck der Regierung gegründet wurde und den Einfluss des Staates auf die Kirche sicherstellen soll. Sie betrachten einen Beitritt zur Patriotischen Vereinigung, die die Unabhängigkeit der chinesischen Kirche in ihren Statuten feststellt, als Verrat an der Universalkirche. Bei der offiziellen Kirche handelt es sich um jene Gruppe, die sich, um ihre pastorale Arbeit weiterführen zu können, zu Kompromissen bereit gezeigt hat, und deren Führer (Bischöfe und Priester) dem Druck von Seiten der Regierung nachgebend sich zum Teil der Patriotischen Vereinigung angeschlossen haben. Sie genießt den Schutz der Verfassung für alle »normalen« religiösen Tätigkeiten - so der Text der Verfassung, unterliegt aber auch allen Vorschriften, welche in Sachen Religionsausübung erlassen worden sind. Ihre Mitglieder sind auf das Wohlwollen der Behörden angewiesen, um im Rahmen der begrenzen Freiheit sinnvoll arbeiten zu können. Diesen Freiheitsraum nützen sie voll aus und leisten vielfach gute Arbeit im Sinne der pastoralen Betreuung der Gläubigen und der Glaubensverbreitung. Die Untergrundkirche bleibt der Regierung ein Dorn im Auge, sie darf nicht existieren. So wird in offiziellen Statistiken zur Religionszugehörigkeit die Zahl der Angehörigen der Untergrundkirche, die tatsächlich ebenso groß ist wie die der Angehörigen der offiziellen Kirche, immer ausgelassen. - Das interne Verhältnis zwischen offizieller Kirche und Untergrundkirche ist unterschiedlich, in manchen Regionen ist die Grenze fließend. Heute empfinden sich die chinesischen Katholiken, ob staatlich anerkannt oder nicht, ganz entschieden als Teil der katholischen Universalkirche. Für die Versöhnung zwischen beiden Gruppen innerhalb der chinesischen Kirche, die Papst Benedikt XVI. wie schon sein Vorgänger immer wieder als wichtiges Anliegen formuliert, gibt es erste Ansätze, sie bleibt aber ein sehr schwieriger Prozess.
Was im Bereich der katholischen Kirche die Situation besonders erschwert und leicht zu Spannung und Konflikt führen kann, ist die Ernennung von Bischöfen. Entsprechend dem Wesen und der Struktur der Kirche ist diese Aufgabe das verbriefte Recht des Papstes. Jedoch besteht in China der Staat darauf, dass die katholische Kirche Chinas ihre Bischöfe »selbst wählen und weihen« soll - das heißt unabhängig von Rom, aber unter der Kontrolle der staatlichen Behörden und der Patriotischen Vereinigung. Es ist für die chinesische Regierung unvorstellbar, dass die letzte Vollmacht der Entscheidung über die Wahl dieser wichtigsten Führer der lokalen Kirche nicht bei ihr liegen, sondern von einer ausländischen Macht wahrgenommen werden soll. Der von den Behörden erwählte und von Vertretern der Diözese gewählte Kandidat kann sich schwer dem Druck entziehen, das Amt anzunehmen. Meist versucht er dann schon vor der Weihe oder wenigstens nach der Weihe über entsprechende Kanäle die Anerkennung Roms zu erhalten. Diese wird nach eingehender Prüfung der Person und der Hintergründe meist auch gegeben. Während im Jahr 2007 alle Bischofsweihen mit der Zustimmung sowohl des Papstes als auch der Regierung erfolgten, kam es in den Jahren davor immer noch zu von Rom nicht anerkannten, illegalen Bischofsweihen. Dabei wurden teilweise auch von Rom anerkannte Bischöfe unter Druck gesetzt und durch fragliche Mittel bewogen, an diesen Weihen teilzunehmen. Wenn im umgekehrten Fall ein Priester mit Zustimmung Roms, aber ohne die Zustimmung der Regierung geheim zum Bischof geweiht wurde, wird diesem strikt die Ausübung seines Amtes verboten. Trotzdem wird im Laufe der Zeit oft ein Modus gefunden, der es dem Bischof möglich macht, sein Amt auszuüben. Es gibt auch Fälle, in denen ein Bischof - trotz seines klaren Standpunktes und ohne der Patriotischen Vereinigung beizutreten - am Ende doch vom Staat als Bischof anerkannt wurde. Insgesamt sind heute auch im offiziellen, staatlich zugelassenen Teil der katholischen Kirche Chinas mindestens 85% der Bischöfe vom Papst anerkannt, das grundsätzliche Problem der Bischofsernennungen ist jedoch noch nicht gelöst.
Man fragt sich mit Recht, warum die Religionspolitik in China nur einen beschränkten Freiheitsraum bei der Ausübung der Religion zulässt und wozu die strenge Kontrolle und die für Zuwiderhandlung vorgesehenen Strafmaßnahmen gut sein sollen. Die Antwort wurde schon verschiedentlich von Regierungsvertretern gegeben. Danach hat die höchste Priorität im Umgang mit der Gesellschaft im Inland und in der Beziehung zum Ausland die Stabilität und die Einheit des Landes, sie sind die Voraussetzung für Fortschritt und Entwicklung. Die Kommunistische Partei sieht es als ihr Verdienst an, diesen Fortschritt, in dem China sich heute der Welt präsentiert, ermöglicht zu haben. Sie allein werde auch in der Lage sein, die weitere Entfaltung des Landes unter den Vorzeichen von Stabilität und Einheit zu garantieren und es vor dem Chaos zu bewahren. So scheint denn auch jedes Mittel gerechtfertigt, die Macht der Partei zu erhalten. Auf diesem Hintergrund behalten die Menschenrechte, und unter ihnen auch die Religionsfreiheit, auch für die Partei ihren Wert als Ideal und erstrebenswertes Ziel, ihre Umsetzung wird jedoch nur schrittweise möglich sein. Die Religionen, und unter ihnen eben auch die katholische Kirche, gelten der kommunistischen Führung als ein Unsicherheitsfaktor. Zum Beleg wird immer wieder darauf verwiesen, dass sich die christlichen Kirchen im vergangenen Jahrhundert von den imperialistischen Mächten haben instrumentalisieren lassen. Unterschwellig schwingt denn bei der Verfechtung eines engen und kontrollierten Freiheitsraumes und bei dem rigorosen Vorgehen gegen ungehorsames Verhalten auch immer die Angst vor dem Missbrauch der Religion und ihrer Ausartung in Fanatismus, Terror und Separatismus mit.
Tatsächlich scheint sich der Freiheitsraum mit dem besseren Verständnis für die Religion und auf diesem Wege eines seriösen, aber diskreten Dialogs schrittweise zu erweitern. Selbst zwischen Rom und Beijing findet ein solcher Dialog statt, so schwerfällig und zögernd er auch vor sich gehen mag, und wenn auch sichtbare und hörbare Erfolge vielleicht noch einige Zeit auf sich warten lassen. Was einen Abbau an Missverständnissen und den Aufbau eines gewissen Vertrauens ferner fördert, sind auch die positiven Erfahrungen, welche die Regierung mit der Arbeit der Kirche, vor allem im sozialen Bereich, macht. Die Solidarität mit den Menschen in Not und der Einsatz für die Menschen am Rande der Gesellschaft macht die Kirche zu einem positiven Faktor beim Aufbau einer »harmonischen Gesellschaft«, um einmal den Ausdruck zu gebrauchen, den die Partei sich seit einiger Zeit als Orientierung auf die Fahne geschrieben hat. Es geht ihr heute nicht mehr darum, die Religion zu verfolgen oder sie zu vernichten, sondern sie einzusetzen für den Aufbau eines fortschrittlichen Landes, aber eben unter der Führung der kommunistischen Partei. Wie weit das möglich und sinnvoll ist, ohne auf plumpe Weise instrumentalisiert zu werden, wird letztlich nicht eine Ideologie lösen können, sondern der pragmatische Versuch, sich im Sinne der Menschenrechte gemeinsam für das Wohl der Menschen einzusetzen.


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