Pressemeldung
29.02.2012 - Nr. 035

29.02.2012: Predigt von Karl Kardinal Lehmann, Bischof von Mainz, im Gottesdienst anlässlich der Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Regensburg

Das Geheimnis des Glaubens in der Auslegung der Theologie

Zur Vorbereitung des Studientages „Entwicklung der Katholisch-Theologischen Fakultäten und zum Wissenschaftlichen Nachwuchs in der Theologie“


Wir haben heute einen Studientag, wie wir ihn immer bei unseren Vollversammlungen haben. Heute beschäftigen wir uns mit der „Entwicklung der Katholisch-Theologischen Fakultäten und zum Wissenschaftlichen Nachwuchs in der Theologie“. Deswegen wollen wir in dieser Besinnung über die Bedeutung der Theologie für das kirchliche Leben nachdenken.


Man hat immer wieder betont, dass es Theologie in dieser wissenschaftlich ausgeprägten Art nur im Christentum wirklich geben würde. Das Verhältnis von Glauben und Wissen ist gewiss auch in den jeweiligen Kirchen, Religionen und Theologien verschieden ausgestaltet worden. Es gibt ein gutes Wort des evangelischen Theologen Gerhard Ebeling, der schon vor 50 Jahren schrieb: „Dasjenige Phänomen, das in methodologisch durchreflektierter Gestalt in der Hochscholastik die Bezeichnung ‚Theologie‘ annahm, aber bei prinzipieller Gleichartigkeit auch in anderer Gestalt ebenso genannt werden kann, begegnet allein im Christentum. Diese eigentümliche geschichtliche Tatsache darf man nicht einebnen in ein vermeintlich allgemeines Gesetz, wonach unter bestimmten Bedingungen in der Religionsgeschichte Theologie auftrete. Anzeichen, die man dafür anführen könnte ..., treffen nicht den Kern des als Theologie anzusprechenden Phänomens: nämlich dass der Glaube von sich aus auf Verstehen drängt in einer der Verstehenssituation angemessenen Weise.“ (1)


Dabei kommt vieles auf den Vernunftbegriff an, den wir anwenden. In der Neuzeit wird dieser oft als ein Vernehmen verstanden, wie z. B. die Polizei jemand vernimmt und gerichtlich befragt. Alles, was einen geistigen und moralischen Anspruch erhebt, wird vor den Gerichtshof der menschlichen Vernunft gebracht, um dort auf Herz und Nieren überprüft zu werden. Gültig ist dann nur, was sich vor der so verstandenen Vernunft ausweisen und rechtfertigen kann. Diese Vernunft ist von Anfang an mit einer gewissen Skepsis und einem Verdacht, die von vornherein wirksam sind, verbunden. Eine solche Vernunft kann sich bis zu einer allumfassenden Zuständigkeit entwickeln und erscheint als Maß der Dinge schlechthin. Es ist gar nicht zu vermeiden, dass es hier fundamentale Konflikte gibt zwischen einem solchen Vernunftbegriff und der Theologie.


Aber Vernunft hat auch noch eine weitere Bedeutung, die gewiss in Spannung dazu steht. Vernehmen tut man auch, indem man etwas mit dem Gehör wahrnimmt. Dieses Vernehmen hat grundlegend etwas mit dem Hören zu tun, auch wenn dieses Hören nicht nur passivisch ist, sondern in der Annahme und Aufnahme des Gehörten durchaus aktiv offen ist. Aber dieses Vernehmen ist stärker ein Empfangen. Dies setzt natürlich voraus, dass wir bei diesem Vernehmen nicht alles aus uns selbst, aus unserem Verfügenkönnen wissen. Wir sind darauf angewiesen, dass wir manches „von außen“ erhalten, was uns nicht einfach fremd ist, sondern uns beim eigenen Verstehen hilfreich ist. Wir sind endlich, kommen immer schon aus kulturellen Kontexten und Traditionen her, sind eingetaucht in die konkrete Sprache. Die Vernunft wird deshalb nicht verabschiedet. Aber sie wird bescheidener. So hat man in jüngster Zeit – etwa Jürgen Habermas – darauf hingewiesen, dass es im Prozess der Säkularisierung auch einen Verlust bedeuten kann, wenn man die religiösen Wurzeln z. B. von Recht und Demokratie zugunsten einer blassen Neutralität eliminiert. Damit wird die säkulare Gesellschaft von wichtigen Ressourcen der Sinnstiftung abgeschnitten. Es gibt ein bezeichnendes Wort von Habermas: „Säkulare Sprachen, die das, was einmal gemeint war, bloß eliminieren, hinterlassen Irritationen. Als sich Sünde in Schuld, das Vergehen gegen öffentliche Gebote in den Verstoß gegen menschliche Gesetze verwandelte, ging etwas verloren. Denn mit dem Wunsch nach Verzeihung verbindet sich immer noch der unsentimentale Wunsch, das anderen zugefügte Leid ungeschehen zu machen. Erst recht beunruhigt uns die Irreversibilität vergangenen Leidens – jenes Unrechts an den unschuldig Misshandelten, Entwürdigten und Ermordeten, das über jedes Maß menschenunwürdiger Wiedergutmachung hinausgeht. Die verlorene Hoffnung auf Resurrektion hinterlässt eine spürbare Leere.“(2)


Dieser Ansatz mit der doppelten Dimension des wirklichen Vernunftbegriffes ist stets in einer Spannung begriffen und macht das menschliche Suchen, Erkennen und Verstehen aus.


In ganz besonderer Weise zeigt sich dies gewiss in der Bemühung der Theologie. Wir gehen vom Glauben aus. Er bedeutet eine unüberbietbare und letzte Entscheidung des ganzen Menschen als dem Grund seiner eigenen Existenz, von Welt und Geschichte. Der Glaube umspannt dieses Ganze in seiner Einheit und Vielfalt. Er gewährt für die Gegenwart und die Zukunft Gewissheit, unzerstörbares Heil und Machtgewinn über die Wirklichkeit. Die Theologie darf nie vergessen, dass sie darauf elementar angewiesen ist. In diesem Sinne muss sie das, was ihr aus den Quellen des Glaubens zugänglich wird, annehmen, freilich auch gerade für den Menschen unserer Tage verstehbar und sinnvoll machen. Zugleich muss die Theologie damit ringen, dass sie einerseits die unveräußerliche Sprengkraft des Evangeliums bewahrt und nicht billig verschleudert, auf der anderen Seite aber auch immer bemüht ist, diese Botschaft in ihrem inneren Reichtum für die Menschen unserer Zeit auszulegen und zu entfalten. In dieser Spannung muss der Theologe leben. Er darf sie nicht nach einer Seite hin auflösen, wozu gewiss immer auch eine Versuchung besteht, hin zu einer bloßen Bewahrung oder auch zu einem liberalen Umgang mit der eigenen Substanz des Glaubens.


Dies kann man nur, wenn man den Glauben auch konkret lebt, so sehr wir immer wieder hinter seinem Anspruch zurückbleiben. Wenn man sich nicht von innen her um die Einsicht in das, was der Glaube in sich und für uns bedeutet, bemüht, versteht man letzten Endes nichts, auch wenn man Berge von Wissen bereitstellt. Sonst würde es keinen Unterschied zwischen Religionswissenschaft und Theologie geben. Religionswissenschaft ist legitim, aber Theologie fragt immer auch nach der Gegenwartsbedeutung der christlichen Botschaft. Der denkende Glaube muss dafür Sorge tragen, dass der konkrete Mensch in der Geschichte bis in alle Lebensbereiche und faktischen Aufenthalte hinein die eigene Mächtigkeit und daseinsverwandelnde Kraft des Glaubens erfahren kann. Die Theologie wird dadurch zum Anwalt des Menschen im Verstehen der Offenbarung. Gerade weil hier Gott spricht, darf mehr und radikaler, gründlicher und kritischer gefragt werden als anderswo. Was manchem Außenstehenden als „Rationalismus“ und „Hybris“ der Theologie vorkommen mag – und wer möchte leugnen, dass es so etwas auch geben kann –, ist im Grunde nichts anderes als ein Ausdruck der unumstößlichen Gewissheit des Theologen, dass das Wort Gottes in seinem unendlichen Reichtum und in seiner unerschöpflichen Fülle durch menschliches Fragen und Suchen, Erkennen und auch durch den nicht auszuschließenden Zweifel nicht entleert werden kann. Thomas von Aquin, der am Schluss seines Lebens überhell sah, dass alles von ihm Geschriebene wie Stroh sei im Verhältnis zu dem, was er in seinem Glauben erfahren hatte, konnte darum den zuversichtlichen Satz schreiben: „Niemals wird der Glaube durch Erkenntnis entleert“.(3)


Dabei wird der Theologe, gerade wenn er neue Verstehensversuche schafft, immer daran denken müssen, dass er diese nicht nur in eine grundsätzliche Übereinstimmung mit dem bleibenden Wesen des Glaubens der Kirche bringt, sondern dass er sich bewusst ist, den Menschen der Kirche ein Verständnis anzubieten, das auch seinerseits Zustimmung und Akzeptanz erfährt. Er macht ein Verstehensangebot, ist aber auch hier abhängig vom Einvernehmen der Kirche. Dies gilt nicht nur für das kirchliche Lehramt, sondern auch für den Bezug zum Glaubenssinn der Christen. Dazu gehört auch die Bereitschaft, in einen Dialog mit anderen Theologen einzutreten, der den Willen mit sich bringt, sich von anderen auch korrigieren und weiterführen zu lassen. Wo dies nicht geschieht, kann man sich leicht ins Abseits stellen. Deshalb gehören Demut und Bescheidenheit zu den Grundvoraussetzungen katholischer Theologie. Dies braucht gewiss spirituelle und ethische Voraussetzungen. Darum ist der Gedanke von Hans Urs von Balthasar immer noch aktuell, manche Fehlentwicklungen der Neuzeit rührten vor allem davon her, dass es besonders in der Moderne einen kaum mehr zu überwindenden Graben gibt zwischen Theologie und Heiligkeit.


Dafür braucht es in vieler Hinsicht fähige, geeignete und vielfach gebildete Frauen und Männer, die Theologie vermitteln. Welche Anforderungen hier wissenschaftlich, menschlich und spirituell notwendig sind, werden wir besonders an diesem Vormittag diskutieren, angefangen von der Frage, ob wir genügend Anwärter für alle Fächer des theologischen Lehramtes haben. Wichtig bleibt auch die Frage, wie wir mit Konflikten umgehen, die in diesen vielfachen Spannungen leicht entstehen können. Ich bin gewiss, dass wir in unserem Land gute Voraussetzungen haben für das fruchtbare Austragen dieser elementaren Spannung von Glauben und Wissen, Theologie und Wissenschaft. Amen.


Fußnoten:

(1) G. Ebeling, Theologie, in: RGG, VI, 759f., Tübingen ³1962.

(2) Glauben und Wissen, 49, auch in: Ders., Zeitdiagnosen, Frankfurt 2003, 249-262; vgl. ausführlicher K. Lehmann, Zuversicht aus dem Glauben, Freiburg i. Br. 2006, 504-537 (Lit.).

(3) S. th. II-II, 5,3. Josef Pieper hat in seinem gesamten Werk dieses Erbe des hl. Thomas auch für heute mustergültig erschlossen, vgl. auch „Über den Glauben“, in: Werke 4, Hamburg 1996, 198-255.

 

Hinweis:

Die Predigt ist untenstehend auch als pdf-Datei zum Herunterladen verfügbar.

 


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