Pressemeldung
17.02.2005 - Nr. 0

Predigt des Erzbischofs von Berlin, Kardinal Georg Sterzinsky

während der Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Stapelfeld/Cloppenburg am 17. Februar 2005

Es gilt das gesprochene Wort!
Mt 7,7-12Ermutigung zum Bittgebet "Bittet, dann wird euch gegeben;
sucht, dann werdet ihr finden;
klopft an, dann wird euch geöffnet!"
Wie oft haben wir diese Worte gehört! Wie oft haben wir sie wiederholt und anderen zugerufen! Dabei sind sie gar nicht so leicht gesagt. Denn sie sind nicht nur eine Aufforderung: Bittet - sucht - klopft an!, sondern auch Verheißung und Versprechen: euch wird gegeben - ihr werdet finden - euch wird geöffnet.
Und wir wissen, wie schwer die Erfahrung unerhörter Bittgebete lastet. Oder doch lasten kann.
Hört das Bitten, wenn es - vermeintlich - umsonst war, auf? Bei manchem gewiß: Warum soll ich weiter bitten, wenn es doch nicht hilft? So wird gefragt, manchmal mit Bitterkeit und in Resignation. "Dann muß ich mir auf andere Weise weiterhelfen." Oder: "Dann muß ich mich fügen." - Bei anderen hört das Bitten durchaus nicht auf. Vielleicht mit etwas Beschämung und in der Einsicht: "Dann habe ich wohl nicht in rechter Weise gebeten. Wie aber sollte ich ohne zu bitten vor Gott leben können?"Unerhörte Bittgebete sind eine harte Erfahrung und ein schwieriges, letztlich unlösbares Problem.
Zuweilen mag es weiterhelfen, wenn daran erinnert wird: Erhörung ist nur dem Gebet im Namen Jesu zugesagt. Könnte es überhaupt wünschenswert sein, jedwede Bitte zu erfüllen? Das möchte wohl keiner. "Im Namen Jesu" kann aber auch nicht die Bedingungsklausel sein, mit der alle bitteren Fragen beantwortet sind.Denn was ist, wenn der Beter überzeugt ist, im Namen Jesu gebetet und gebeten zu haben? Wenn er sicher ist, ganz im Sinne Jesu gebeten zu haben: um das Kommen des Gottesreiches - die Bekehrung der Sünder - die Bewahrung vor Schuld? Da hilft es nicht, wenn ihm gesagt wird: Du irrst! Jedenfalls wird er so nicht zum Vertrauen finden, wieder und wieder zu bitten.
Wenn es um unerhörte Bittgebete geht, sind viele Fragen angesprochen: Die Frage nach der Allmacht und Güte Gottes, nach dem Zusammenwirken von Gottes Allmacht und menschlicher Freiheit, nach dem Verhältnis von Erst- und Zweitursächlichkeit, nach Gnade und Verantwortung ... letztlich nach dem Gottes- und dem Menschenbild.
Jedes Gebet ist der Ernstfall des Glaubens, das Bittgebet gewissermaßen der Ernstfall des Ernstfalls. Letztlich wird nur tragen, dass Jesus wiederholt und klar die Weisung gegeben hat: "Bittet ...", und mehr noch, dass er selbst gebeten und gefleht hat. Er hat in seinen Erdentagen "mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod erretten konnte". (Hebr 5,7)Aber nicht erst in der tiefsten Not, aus der es sonst keinen Ausweg gibt, wenden sich Gläubige bittend an Gott. Das Bittgebet fängt viel früher an, wohl in den Alltäglichkeiten des Lebens. Da wird es zum Ausdruck der Freundschaft mit Gott.
Eine zwischenmenschliche Erfahrung mag verdeutlichen, was ich meine. Wir haben es alle schon erlebt: dass eine flüchtige Bekanntschaft zu einer Freundschaft wird oder eine Freundschaft in eine Reife führt, wenn einer den andern zu bitten wagt. Danken fällt verhältnismäßig leicht (wenn es denn nicht aus Gedankenlosigkeit oder auch Geringschätzung unterbleibt); bitten setzt mehr voraus - auch wenn die Bitte etwas ganz Alltägliches betrifft.
Auch in der Beziehung zu Gott. Ein großer Theologe spricht vom "erhörlichen Gott": in Jesus Christus offenbart sich Gott als einer, der gebeten werden will. Gott beruft den Menschen nicht nur zur Demut des Knechts und nicht nur zur Dankbarkeit des Kindes, sondern auch zur Vertraulichkeit und Kühnheit des Freundes.
Gerade wenn wir uns mit unseren Alltäglichkeiten an Gott wenden und uns nicht genieren, etwas banal Erscheinendes zu Gott zu tragen, erweisen wir uns als Menschen, die das Freundschaftsangebot Gottes angenommen haben.
Die Gebetstradition unserer Kirche ist reich an Zeugnissen solcher Gebetspraxis: Kerzen und Votivtafeln, Novenen und Wallfahrten sprechen davon.
Dennoch: im christlichen Verständnis kann niemand Gott bitten, ohne Gott, der angerufen wird, erkennen zu wollen. Und wer zum Gott Jesu Christi ruft, ahnt, dass Gott immer größer ist als alles, was Menschen sich erdenken können. Er versteht auch, was der hl. Paulus schreibt, dass wir nicht wissen können, worum wir in rechter Weise beten sollen (Röm 8), und erst recht, dass wir nicht sicher sein können, in welcher Weise Gott antwortet.
Erhörung ist dem Gebet im Namen Jesu versprochen, dem Gebet also, das Jesu Aufforderung folgt: "Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen". (Mt 6,33) Wer in dieser Haltung betet, wird allein durch das Aussprechen der Bitte verändert: er wird klarer sehen, aus welchen Gründen wir leben, was wir können oder nicht, was wir sollen oder nicht.
Schlicht gesagt: das Bittgebet wird zur Einübung des Vertrauens auf Gott.
Wir haben es gewiss schon oft erlebt - bei uns selbst oder / und bei anderen -: Gott erhört uns gegen uns selbst. "Um Füße bat ich, und er gab mir Flügel", lautet der Titel eines bekannten Buches, das über Bittgebete in tiefer Not nachdenkt. Unerhörte Bittgebete führen nicht wie selbstverständlich in die Revolte gegen Gott, sondern können auch zu einer tieferen Annahme des Willens Gottes verhelfen. Denn "bei denen, die ihn lieben, führt Gott alles zum Guten". (Röm 8)
Niemand wird sagen, wir könnten mit unseren Überlegungen alle schwierigen Fragen um die unerhörten Bittgebete beantworten und die damit verbundenen Probleme lösen. Aber kommt es eigentlich darauf an? Kommt es nicht viel mehr darauf an, dass wir unentwegt weiter beten?
"Es ist doch ohnehin alles festgelegt. Es kann doch auf mein Beten gar nicht ankommen" - das ist eine Versuchung; eine Versuchung, die die eigene persönliche Freiheit nicht ernst nimmt. Wir wissen nicht, wie unser Gebet in der Vorsehung Gottes "verplant" ist. Aber es ist uns gesagt, dass das Weltgeschehen von Gott und von unserer Freiheit bestimmt wird. So wird jedes Bittgebet zum Zeugnis unserer Freiheit.Wenn es nach allen Versuchen, den Mut zum Bittgebet aufzubringen, immer noch einer Ermutigung bedarf: im Beispiel Jesu, der gebetet und gebeten hat, finden wir es.
Es tröstet mich, dass Kirchenväter gemeint haben: die Auferweckung Jesu von den Toten sei die Erfüllung der Bitte vom Ölberg: "Nicht mein Wille geschehe, sondern der deine". Noch einfacher: es tröstet mich, dass sich bei Augustinus der Gedanke findet: Die Kirche hätte keinen Paulus, wenn Stephanus nicht gebetet hätte.So werden wir, liebe Mitbrüder, also weiter beten und im Gebet bitten; wie es viele tun - in akuter Not und sogar nach schwerer Enttäuschung.
Wir werden immer wieder auffordern: Bittet den allmächtigen und guten Gott. Wie sollte sonst Gottes Reich kommen?!
Amen.

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