Pressemeldung
03.03.2013 - Nr. 044

Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit

Bischof Mussinghoff: Erinnerungskultur lebendig halten

Anlässlich der heutigen Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit hat Bischof Dr. Heinrich Mussinghoff (Aachen) eine lebendige Erinnerungskultur gefordert. „Die Generation der Zeitzeugen der nationalsozialistischen Verfolgung stirbt. Die noch lebenden Zeugen sind hochbetagt und werden in einigen Jahren nicht mehr unter uns sein. Ihr Tod hat weitreichende Folgen für unsere Erinnerungskultur. Die Zeit des Nationalsozialismus und die Shoah werden nicht mehr Teil der Erinnerungen sein, die wir mit unseren Zeitgenossen teilen“, so Bischof Mussinghoff bei seiner Festrede in München. Es gehe darum, wie die Shoah als Teil des gesellschaftlichen Gedächtnisses bewahrt werden könne und welche Bedeutung diese Erinnerung für die nachfolgenden Generationen haben werde.

Hier helfe, so Bischof Mussinghoff, der Verweis auf die jüdische Erinnerungskultur. Sie spreche von „Sachor – Gedenke“. Der Begriff sei ein Grundwort des jüdischen Selbstverständnisses von biblischen Zeiten bis in die Gegenwart. „Die Erinnerung an die Vergangenheit dient nicht historischen Zwecken, sondern der moralischen und religiösen Orientierung in der Gegenwart … Die Pflicht zu gedenken und zu bewahren, schließt die Pflicht zur Weitergabe der Erinnerung an die nächste Generation ein“, sagte Bischof Mussinghoff. Gleichzeitig verwies er auf das Christentum als eine Erinnerungsgemeinschaft, wenn Jesus beim letzten Abendmahl auffordere: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“

In der Festrede ging Bischof Mussinghoff auch auf die Frage der Erinnerungskultur mit Blick auf den Nationalsozialismus ein: „Wenn wir in Bezug auf die nationalsozialistische Vergangenheit von Erinnerungskultur sprechen, meinen wir, dass die Erinnerung an die Shoah Teil unseres Selbst- und Weltverständnisses werden und normative Konsequenzen für unser gegenwärtiges Handeln haben soll. In diesem Sinne wird der Erinnerungsbegriff auch in den kirchlichen Dokumenten benutzt.“ Im Akt des Gedenkens „wird die Vergangenheit als unsere Vergangenheit erinnert, die unser Selbstverständnis und vor allem auch unser Handeln in der Gegenwart bestimmt.“

Bischof Mussinghoff betonte, dass das Gedenken der Shoah verpflichte, die Würde und die Rechte jedes Menschen zu achten. „Wenn die Shoah sich nicht wiederholen soll, ist es unsere vordringlichste Pflicht, dieses moralische Band der Solidarität immer stärker zu knüpfen und allen Versuchen, es zu beschädigen oder gar durchzureißen, mit Entschiedenheit und Konsequenz entgegenzutreten. Es bleibt unsere Aufgabe, im Anderen das Bild Gottes zu erkennen, auch wenn er eine andere Hautfarbe hat, einer anderen Kultur oder Religion angehört oder eine andere Lebensweise pflegt, und den gegenseitigen Respekt und das Verständnis zwischen den verschiedenen Gruppen in unserer Gesellschaft zu fördern. Nur dann wird das moralische Band der Solidarität auch in sozialen Krisen und Konflikten Bestand haben“, sagte Bischof Mussinghoff. „Dass das Verhältnis zwischen Juden und Christen heute trotz gelegentlicher Irritationen von Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist, hätte in den Jahren nach der Shoah wohl niemand vorausgesehen und wohl auch keiner für wahrscheinlich gehalten. Die Entwicklung des jüdisch-christlichen Dialogs gehört für mich zu den großen Hoffnungszeichen unserer Zeit. Die Teilnahme an diesem Dialog und seine Förderung ist für mich mehr als eine religiöse und moralische Pflicht; sie ist vor allem eine persönliche Freude.“

Bischof Dr. Heinrich Mussinghoff (Aachen) ist Vorsitzender der Unterkommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum der Deutschen Bischofskonferenz.

Hinweis:
Die Festrede von Bischof Dr. Heinrich Mussinghoff finden Sie untenstehend zum Herunterladen.

 


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