Pressemeldung
25.09.2014 - Nr. 161

Predigt von Kardinal Rainer Maria Woelki in der Eucharistiefeier in Fulda zur Herbst-Vollversammlung 2014 der Deutschen Bischofskonferenz

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

Nikolaus von der Flüe, dessen Gedenktag wir heute feiern, gilt als einer der letzten großen Mystiker des späten Mittelalters. Die meisten von Ihnen werden sein Meditationsbild kennen, das ja das Bischöfliche Hilfswerk Misereor 1980 als Hungertuch auswählte. Bruder Klaus diente es vor allem zur Betrachtung der Dreieinigkeit Gottes.

Sie erinnern sich: Da ist in einem Rundbild Christus zu sehen. Er ist die Mitte des Ganzen. Umgeben wird er von sechs weiteren Rundbildern, in denen wir – neben einem zentralen Geheimnis unseres Glaubens – ein Symbol für ein Werk der Barmherzigkeit finden. Gleich oben links z. B. Gott als Schöpfer, daneben ein Krug, Fische und Brot. Wie ein guter Vater liebt Gott seine Schöpfung und speist auch die Durstigen und Hungrigen. Gegenüber dann das Bild von der Kreuzigung Jesu. Darin das Symbol für „Nackte zu bekleiden“. Gott wird Mensch und lässt sich auf alle Untiefen des Lebens ein – auch auf den Tod. Er will Menschen, die ausgegrenzt und mit Scham besetzt sind, wieder ins Recht setzen.

Dann ein Heilig-Geist-Bild, das von der Verkündigung des Engels an Maria erzählt. Es erinnert uns: Gott ist kein einsamer Gott. Er lebt als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Der Vater verschenkt sich dabei an den Sohn, und der Sohn schenkt sich zurück an den Vater. Und die Liebe, die vom Vater in den Sohn strömt, fließt gleichsam über Vater und Sohn hinaus und bringt den Heiligen Geist hervor. Und der Geist, der schenkt sich wiederum liebend zurück. Gott lebt im Austausch der Liebe, ja er lebt von der Liebe. Er ist selbst Liebe. In diesem Bild entdecken wir zudem Krücken. Sie stehen für das barmherzige Werk „Kranke zu besuchen“. Und schließlich finden wir im Bild von der Geburt Jesu einen Wanderstab mit Beutel. Die stehen für „Fremde zu beherbergen“.

Von Bruder Klaus, liebe Schwestern und Brüder, können wir das Staunen lernen: Staunen über das, was Gott für uns getan hat, Staunen darüber, dass sein Wesen Liebe ist und Liebe von ihm ausgeht und wir Liebe als Antwort suchen sollen, Staunen über Gottes Werke der Zuwendung, die uns in den sechs Kreisen des Betrachtungsbildes begegnen. Bruder Klaus staunt in seinem Meditationsbild vor allem über das Wunder aller Wunder: dass Gottes Sohn nackt und verletzlich, angreifbar, in der Armut eines Stalles zu den Menschen kommt. In diesen Tagen musste ich öfter an die thailändische Frau denken, die um die Schule und Ausbildung ihrer Kinder zu finanzieren, Leihmutter geworden ist für ein australisches Paar. Sie hat Zwillinge bekommen, ein gesundes Mädchen und einen Jungen mit Down-Syndrom, der dazu auch noch schwer herzkrank ist. Das Kind mit Behinderung war nicht recht. Es wurde nicht mit nach Australien genommen und die Leihmutter mit ihm alleingelassen. Die Nachricht darüber löste weltweit eine Welle der Empörung und der Solidarität aus – gerade auch in Australien. Warum? Sicherlich rührt zunächst einmal viele das Schicksal der Mutter an, die mit ihren Sorgen und dem kranken Kind zurückgelassen wurde. Und das Bild des kleinen Kindes trifft viele im Herzen. Sicherlich spricht viele aber auch an, dass das Baby Gammy offensichtlich nicht den Wunschvorstellungen des australischen Paares entsprochen hat. Das Kind war quasi bestellt und entsprach nicht ihren Erwartungen. Mein Anliegen heute ist weniger die Problematik von Leihmutterschaft, die die Kirche ja eindeutig ablehnt, sondern das Kind jenseits der Norm. Verständlicherweise wünschen sich Eltern ein gesundes Kind und setzen alle ihre Hoffnungen in eine gut verlaufende Schwangerschaft und Geburt. Wenn sie die Diagnose einer möglichen Behinderung beim Fötus bekommen, stehen sie häufig vor einem großen Konflikt, ob sie das Kind bekommen wollen und können. Ich kann mir kaum vorstellen, wie schwer das ist. Ihre Entscheidung wird sicherlich auch durch die Bilder von Behinderung geprägt, die in der Gesellschaft herrschen. Und natürlich auch durch die Rahmenbedingungen für Menschen mit Behinderung und ihren Familien.

Inklusion wird in allen Parteiprogrammen und Stadtentwicklungsprozessen hochgehalten. Sie hat in den vergangenen Jahren einige Fortschritte gemacht. Ohne Inklusion geht’s nicht mehr. Viele Kinder mit Behinderung werden heute in die Regelschule eingeschult. Das ist grundsätzlich gut so. Allerdings nur, wenn die notwendigen Bedingungen stimmen. Aber ist es damit getan? Inklusion heißt auch, dass sie nicht nur ein hochgestecktes Ziel sein darf, sondern konkret erfahrbar sein muss für die Betroffenen und die ganze Gesellschaft. Trotz vieler Fortschritte lebten in den vergangenen Jahrzehnten viele Menschen mit Behinderung in einer Sonderwelt – vom Förderkindergarten bis hin zur Sonderschule. Trotz aller Inklusionsbestrebungen werden die Chancen für Menschen mit Behinderung immer schlechter auf dem Arbeitsmarkt. Hier muss dringend mehr getan werden! Und sie sind damit konfrontiert, dass durch die pränatalen Tests Behinderung immer mehr als „vermeidbares Übel“ gilt. Mittlerweile können durch vermeintlich harmlose Bluttests schon in der frühen Schwangerschaft Merkmale für eine mögliche Beeinträchtigung festgestellt werden. Exklusion und Inklusion sind in unserer Gesellschaft zwei parallele Wirklichkeiten! Und genau in diesem Zwiespalt stehen auch Frauen und Paare, die mit einer solchen Diagnose für ihr ungeborenes Kind konfrontiert sind. Sicherlich bietet die Kirche viel Hilfe an: z. B. in Form unserer Schwangerschaftsberatungsstellen, früher Hilfen und auch durch unseren politischen Einsatz für die Rechte von Menschen mit Behinderung. Aber nicht nur einmal haben mir Eltern mit einem behinderten Kind erzählt, dass sie höflich gebeten wurden, doch statt des normalen Gottesdienstes lieber Spezialangebote im Bistum zu nutzen, damit die Kinder nicht stören. Inklusion heißt nicht nur Rampen zu den Kirchtüren zu bauen und Hörschleifen für Schwerhörige bereitzustellen. Inklusion bedeutet, dass sich unsere Gemeinden, kirchlichen Schulen und Einrichtungen für Familien mit diesem Thema aktiv auseinander setzen müssen. Inklusion fängt also bei uns selbst an! Wir können Eltern nur dann in ihrer Entscheidung für ein ungeborenes Kind mit Behinderung unterstützen, wenn wir sie dann nach der Geburt nicht alleine lassen. Und es geht eben nicht darum, dass wir sie dann nur als Empfänger unserer Hilfsangebote sehen, sondern als gleichberechtigte Mitglieder unserer Gemeinden und aller Bereiche des kirchlichen Lebens.

Deshalb ist das verletzliche Kind in der Krippe auch nicht zu trennen von dem Christus, der in den Kreuzestod geht und „Nackte bekleidet“ – Menschen also ins Recht setzt. Bruder Klaus, liebe Schwestern und Brüder, lehrt uns mit seinem Betrachtungsbild den Menschen wieder im Lichte Gottes zu sehen. Er zeigt uns, dass der Mensch nicht aus sich selbst, nicht aus seiner Welt, nicht als Produkt seiner Umwelt zu verstehen ist, auch wenn er natürlich geprägt ist von dem, was er tut, und von der Welt, die ihn umgibt und beeinflusst.

Was er jedoch als Mensch im Letzten ist, das ist er nur von Gott her: Sein Abbild. Und so wie ein Abbild von seinem Vorbild abhängt, so hängt der Mensch von Gott ab. Wird er aus dieser Verwurzelung in Gott herausgerissen, wird er zum Spielball der Beliebigkeit. Weil Bruder Klaus jedoch um diese Verwurzelung des Menschen in Gott wusste, ist er auch immer wieder für ihn und seine Rechte eingetreten. An seinem Gedenktag heute lädt er uns ein, es ihm gleich zu tun: den Menschen immer im Lichte Gottes zu sehen und so einzutreten für ihn und seine Rechte, wo immer sie auch bedroht sein mögen, ob am Beginn oder am Endes des Lebens oder auch dort, wo einer als Mensch mit Behinderung zu leben hat. Amen.


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