Aktuelle Meldung
18.10.2014 - Nr. 014

Ansprache von Papst Franziskus zum Abschluss der Dritten Außerordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode

Nach der Abstimmung über die „Relatio Synodi“ wandte sich Papst Franziskus an die Teilnehmer der Außerordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode. In seiner Ansprache ging er auf die Spannungsbreite der vorherigen Diskussionen ein und erinnerte daran, dass die „Relatio Synodi“ zur Vorbereitung der Ordentlichen Bischofssynode im Oktober 2015 im Vatikan dienen würde. Übersetzung: Libreria Editrice Vaticana/ L’Osservatore Romano.

Eminenzen, Seligkeiten,
Exzellenzen, Brüder und Schwestern!

Mit einem von Dankbarkeit und Anerkennung erfüllten Herzen möchte ich gemeinsam mit euch dem Herrn Dank sagen, der uns begleitet und uns in den vergangenen Tagen mit dem Licht des Heiligen Geistes geführt hat!

Von Herzen danke ich Kardinal Lorenzo Baldisseri, Generalsekretär der Synode, Bischof Fabio Fabene, Untersekretär, und mit ihnen danke ich dem Relator, Kardinal Peter Erdö, der sehr viel gearbeitet hat – auch in den Tagen eines Trauerfalls in der Familie –, sowie dem Sondersekretär Erzbischof Bruno Forte, den drei deligierten Präsidenten, den Schreibkräften, Beratern, Übersetzern und den namenlosen Mitarbeitern, allen die mit echter Treue hinter den Kulissen gearbeitet haben, mit vollkommener Hingabe an die Kirche und ohne Pause: Vielen herzlichen Dank!

Ebenso danke ich euch allen, liebe Synodenväter, Bruderdelegierte, Auditoren, Auditorinnen und Beisitzer, für eure aktive und fruchtbare Teilnahme. Ich trage euch im Gebet und bitte den Herrn, dass er es euch mit der Fülle seiner Gnadengaben lohnen möge!

Ich kann in aller Gelassenheit sagen, dass wir – im Geist der Kollegialität und der Synodalität – wahrhaft eine Erfahrung von „Synode“ erlebt haben: einen solidarischen Weg, ein „gemeinsames Gehen“.

Da es „ein Weg“ war, gab es wie auf jedem Weg Momente des schnellen Laufens, als ob man die Zeit besiegen und das Ziel möglichst schnell erreichen wolle. Da waren andere Momente der Ermüdung, gleichsam der Wunsch zu sagen: es reicht. Es gab andere Momente der Begeisterung und des Eifers und Momente tiefen Trostes, als wir das Zeugnis wahrer Hirten (vgl. Joh 10 und cann. 375, 386, 387) gehört haben, die die Freuden und Tränen ihrer Gläubigen weise im Herzen tragen. Es gab Momente des Trostes und der Gnade, als wir die Zeugnisse der Familien gehört haben, die an der Synode teilgenommen und Schönheit und Freuden ihres Ehelebens mit uns geteilt haben. Ein Weg, auf dem sich der Stärkere verpflichtet fühlte, dem Schwächeren zu helfen, wo der Erfahrenere bereit war, den anderen zu dienen, auch in der Auseinandersetzung. Und weil es ein Weg von Menschen war, gab es neben den Tröstungen auch andere Momente der Betrübnis, der Spannung und der Versu-chung, unter denen man nennen könnte:

-     Zuerst: Die Versuchung der feindseligen Verhärtung, das heißt die Tendenz, sich im Geschriebenen (dem Buchstaben) zu verschließen und sich nicht von Gott überraschen zu lassen, vom Gott der Überraschungen (dem Geist); sich zu verschließen im Gesetz, in der Gewissheit dessen, was wir kennen, und nicht dessen, was wir noch lernen und erreichen müssen. Seit der Zeit Jesu ist das die Versuchung der Eifrigen, der Gewissenhaften, der Besorgten und der – heute – sogenannten „Traditionalisten“ und auch der Intellektualisten.

-     Die Versuchung des destruktiven Gutmenschentums, das im Namen einer irreführenden Barmherzigkeit die Wunden verbindet, ohne sie zuerst zu behandeln und medizinisch zu versorgen; das die Symptome behandelt und nicht Ursachen und Wurzeln. Das ist die Versuchung der „Gutmenschen“, der Furchtsamen und auch der so genannten „Progressiven und Liberalisten“.

-     Die Versuchung, Stein in Brot zu verwandeln, um ein langes, anstrengendes und schmerzhaftes Fasten zu beenden (vgl. Lk 4,1–4), und auch das Brot in Stein zu verwandeln, um diesen auf die Sünder, Schwachen und Kranken zu werfen (vgl. Joh 8,7), das heißt ihn in „unerträgliche Lasten“ (Lk 10,27) zu verwandeln.

-     Die Versuchung, vom Kreuz herabzusteigen, um die Menschen zufriedenzustellen, und nicht dort zu bleiben, um den Willen des Vaters zu erfüllen; sich dem weltlichen Geist zu beugen, anstatt ihn zu läutern und nach dem Geist Gottes zu formen.

- Die Versuchung, das „depositum fidei“ zu vernachlässigen und sich nicht als dessen Hüter, sondern als Eigentümer und Herren zu betrachten. Oder auf der anderen Seite die Versuchung, die Wirklichkeit zu übersehen durch die Verwendung einer minutiösen Sprache und einer geglätteten Ausdrucksweise, um viele Worte zu machen, ohne etwas zu sagen! Haarspalterei nennt man so etwas, glaube ich …

Liebe Brüder und Schwestern, Versuchungen dürfen uns weder erschrecken, noch verwirren und auch nicht entmutigen, denn kein Schüler ist größer als sein Meister. Wenn also Jesus versucht worden ist – und sogar Beelzebub genannt wurde (Mt 12,24) –, dann dürfen seine Jünger keine bessere Behandlung erwarten.

Ich persönlich wäre sehr besorgt und traurig gewesen, hätte es diese Versuchungen und diese lebhaften Diskussionen nicht gegeben, diese Regungen verschiedener Geister, wie sie der heilige Ignatius nennt (Geistliche Übungen, 6), und wenn alle sich einig oder schweigsam gewesen wären in einem falschen und quietistischen Frieden. Mit Freude und Dankbarkeit habe ich dagegen Redebeiträge und Wortmeldungen voller Glauben gesehen und gehört, voller Einsatz für Pastoral und Lehre, voll Weisheit, Offenheit, Mut und Parrhesia. Und ich habe gespürt, dass uns das Wohl der Kirche, der Familien und die „suprema lex“, die „salus animarum“ (vgl. can. 1752) vor Augen standen. Und das jederzeit – das haben wie hier in der Synodenaula gesagt –, ohne je die grundlegenden Wahrheiten des Ehesakraments in Frage zu stellen: Unauflöslichkeit, Einheit, Treue und Zeugung von Nachkommenschaft, das heißt die Offenheit für das Leben (vgl. cann. 1055, 1056 und GS 48).

Das ist die Kirche, der Weinberg des Herrn, die fruchtbare Mutter und aufmerksame Lehrerin, die keine Angst hat, die Ärmel hochzukrempeln, um Öl und Wein auf die Wunden der Menschen zu gießen (vgl. Lk 10,25–37), und die Menschheit nicht aus einer Burg aus Glas beobachtet, um die Menschen zu beurteilen und zu kategorisieren. Das ist die eine, heilige, katholische, apostolische und aus Sündern bestehende Kirche, die seine Barmherzigkeit brauchen. Das ist die Kirche, die wahre Braut Christi, die ihrem Bräutigam und seiner Lehre treu sein will. Das ist die Kirche, die keine Angst hat, mit den Prostituierten und Sündern zu essen und zu trinken (vgl. Lk 15). Die Kirche, deren Türen weit offen sind, um die Bedürftigen, die Reumütigen und nicht nur die Gerechten oder diejenigen, die sich für vollkommen halten, aufzunehmen! Die Kirche, die sich des gefallenen Bruders nicht schämt und die nicht so tut, als würde sie ihn nicht sehen, sondern die sich vielmehr betroffen und gleichsam verpflichtet fühlt, ihm aufzuhelfen und ihn zur Fortsetzung des Wegs zu ermutigen, und die ihn zur endgültigen Begegnung mit ihrem Bräutigam im himmlischen Jerusalem begleitet.

Das ist die Kirche, unsere Mutter! Und wenn die Kirche sich in der Verschiedenheit ihrer Charismen in Gemeinschaft äußert, dann kann sie nicht irren: Das ist die Schönheit und die Kraft des sensus fidei, jenes übernatürlichen Glaubenssinns, der vom Heiligen Geist geschenkt wird, damit wir alle gemeinsam in das Herz des Evangeliums vordringen und lernen können, Jesus in unserem Leben nachzufolgen, und das darf nicht als Anlass für Verwirrung und Unbehagen gesehen werden.

Viele Kommentatoren oder Leute, die darüber sprechen, haben sich eine im Streit liegende Kirche vorgestellt, wo der eine Teil gegen den anderen ist, und haben sogar am Heiligen Geist gezweifelt, dem wahren Förderer und Garanten der Einheit und Harmonie in der Kirche. Der Heilige Geist, der in der Geschichte stets durch seine Amtsträger das Schiff gelenkt hat, auch bei widrigem und aufgewühltem Meer und mit untreuen und sündigen Amtsträgern.

Und wie ich euch am Anfang zu sagen gewagt habe, war es notwendig, dies alles in Ruhe und innerem Frieden zu erleben, auch weil die Synode „cum Petro et sub Petro“ stattfindet und die Anwesenheit des Papstes für alle eine Garantie ist.

Sagen wir jetzt etwas zum Papst in Bezug zu den Bischöfen … Die Aufgabe des Papstes ist es also, die Einheit der Kirche zu gewährleisten. Es ist seine Aufgabe, die Hirten an ihre erste Pflicht zu erinnern, nämlich die Herde zu nähren – die Herde nähren –, die der Herr ihnen anvertraut hat, sowie väterlich, voller Barmherzigkeit und ohne falsche Ängste die verlorenen Schafe zu suchen und aufzunehmen. Hier habe ich etwas Falsches gesagt. Ich habe gesagt aufnehmen: hingehen, sie aufsuchen.

Seine Aufgabe ist es, alle daran zu erinnern, dass die Autorität in der Kirche Dienst ist (vgl. Mk 9,33–35), wie es Papst Benedikt XVI. ganz klar erläutert hat, mit Worten, die ich hier zitieren möchte: „Die Kirche ist berufen und bemüht sich, diese Art von Autorität auszuüben, die Dienst ist, und sie übt sie nicht aus eigener Vollmacht aus, sondern im Namen Jesu Christi [...]. Durch die Hirten der Kirche nämlich weidet Christus seine Herde: Er ist es, der sie leitet, schützt und zurechtweist, da er sie zutiefst liebt. Doch Jesus, der Herr, der oberste Hirt unserer Seelen, hat gewollt, dass das Apostelkollegium, heute die Bischöfe in Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri [...], an dieser seiner Sendung teilhaben sollten, für das Gottesvolk zu sorgen, Erzieher im Glauben zu sein und der christlichen Gemeinschaft Orientierung zu geben, sie zu beseelen und zu stützen oder, wie das Konzil sagt, ‚dafür zu sorgen, dass jeder Gläubige im Heiligen Geist angeleitet wird zur Entfaltung seiner persönlichen Berufung nach den Grundsätzen des Evangeliums, zu aufrichtiger und tätiger Liebe und zur Freiheit, zu der Christus uns befreit hat‘ (PO 6). […] Durch uns“, so fährt Papst Benedikt fort, „erreicht der Herr die Seelen, durch uns lehrt, bewahrt und leitet er sie. Der heilige Augustinus sagt in seinem Kommentar zum Johannesevangelium: ‚Es sei ein Erweis der Liebe, die Herde des Herrn zu weiden‘ (123,5); dies ist die oberste Norm für das Verhalten der Diener Gottes, eine bedingungslose Liebe, wie jene des Guten Hirten, voll Freude, allen Menschen gegenüber offen, achtsam auf den Nahestehenden und fürsorglich gegenüber den Fernen (vgl. Augustinus, Reden 340,1; Reden 46,15), einfühlsam gegenüber den Schwächsten, den Geringen, den Einfachen, den Sündern, um die unendliche Barmherzigkeit Gottes mit den ermutigenden Worten der Hoffnung zu offenbaren (vgl. ders., Brief 95,1)“ (Benedikt XVI., Katechese in der Generalaudienz am 26. Mai 2010).

Die Kirche gehört also Christus – sie ist seine Braut – und alle Bischöfe haben in Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri die Aufgabe und die Pflicht, sie zu hüten und ihr zu dienen, nicht als Herren, sondern als Diener. Der Papst ist in diesem Zusammenhang nicht der „oberste Herr“, sondern vielmehr der „oberste Diener“: der „servus servorum Dei“, Garant des Gehorsams und der Übereinstimmung der Kirche mit dem Willen Gottes, mit dem Evangelium Christi und mit der Tradition der Kirche. Dabei muss er jegliche persönliche Willkür beiseitelassen, während er zugleich – durch den Willen Christi selbst – „oberster Hirt und Lehrer aller Gläubigen“ (can. 749) ist und „in der Kirche über höchste, volle, unmittelbare und universale ordentliche Gewalt“ verfügt (vgl. can. 331).

Liebe Brüder und Schwestern, jetzt bleibt uns noch ein Jahr, um die vorgeschlagenen Ideen mit wahrer geistlicher Unterscheidungsgabe reifen zu lassen und konkrete Lösungen für viele Schwierigkeiten und zahlreiche Herausforderungen zu finden, denen die Familien entgegentreten müssen, und um Antworten zu geben auf die vielen Entmutigungen, die die Familien umgeben und ersticken.

Ein Jahr, um an der Relatio synodi zu arbeiten, der treuen und klaren Zusammenfassung all dessen, was in dieser Aula und in den Sprachgruppen gesagt und diskutiert worden ist. Sie wird den Bischofskonferenzen als „Lineamenta“ vorgelegt.

Der Herr begleite und führe uns auf diesem Weg zum Ruhm seines Namens mit der Fürsprache der Jungfrau Maria und des heiligen Josef! Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten!

Hinweise:
Zum Dossier Bischofssynode auf dieser Seite.

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