Pressemeldung
18.06.2015 - Nr. 103

Kardinal Reinhard Marx würdigt die Enzyklika Laudato si‘ von Papst Franziskus

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hat heute (18. Juni 2015) in München bei einer Pressekonferenz in der Katholischen Akademie in Bayern die Enzyklika „Laudato si‘“ von Papst Franziskus gewürdigt. Wir dokumentieren sein Statement im Wortlaut. Der Beitrag von Kardinal Marx ist untenstehend auch als pdf-Datei verfügbar. Das Statement von Prof. Dr. Markus Vogt vom Lehrstuhl für Sozialethik an der Ludwig-Maximilians-Universität zu München finden Sie ebenfalls untenstehend als pdf-Datei zum Herunterladen.

Hinweis:
Eine Datei der deutschsprachigen Fassung der Enzyklika und eine Inhaltsangabe finden Sie im Dossier zur Enzyklika.

Würdigung der neuen Enzyklika „Laudato si‘ – Über die Sorge für das gemeinsame Haus“
durch den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz,
Kardinal Reinhard Marx,
bei der Pressekonferenz am 18. Juni 2015 in München

Zur rechten Zeit sendet der Papst ein starkes Signal für die Schöpfung. Mit der im Vatikan vorgestellten Enzyklika von Papst Franziskus, „Laudato si‘“, nimmt der Papst die Kirche, sich selbst und die Weltgemeinschaft in die Pflicht, verantwortlich mit der Schöpfung umzugehen. Zentrale Themen der Enzyklika sind die derzeit stattfindende Zerstörung des Planeten und die weltweite Armut und soziale Ungerechtigkeit. Diese Enzyklika ist ein großes Werk des Papstes, das ich mir gerne zu eigen mache. Heute redet der Papst der Welt und auch der Kirche ins Gewissen, ob gelegen oder ungelegen. Seine Botschaft ist nicht bequem, sie rüttelt wach und mahnt uns, Verantwortung zu übernehmen. Es ist ein großes Anliegen des Papstes, ökologische und soziale Probleme, den Einsatz für die Umwelt und die Armen, auf keinen Fall zu trennen. Insofern greift die im Vorfeld gerne benutzte Bezeichnung einer Umwelt- oder Klimaenzyklika zu kurz. Es geht vielmehr um eine Verschränkung der Problematik Umwelt und Entwicklung.

„Laudato si‘“ ist die zweite Enzyklika von Papst Franziskus – allerdings die erste, für die er alleine verantwortlich zeichnet. Die 2013 veröffentlichte Enzyklika „Lumen fidei“ fußte auf Vorarbeiten des emeritierten Papstes Benedikt XVI. Mit der Enzyklika „Laudato si‘“ knüpft Franziskus an die Sozialverkündigung an und entwickelt sie bedeutend weiter.

1891 war es Leo XIII., der mit seiner Enzyklika zur sozialen Frage, d. h. der Arbeiterfrage des 19. Jahrhunderts, die päpstliche Sozialverkündigung im engeren Sinn begründete. Diese Enzyklika war der erste Text lehramtlicher Verkündigung, der sich als ganzer mit dieser Thematik beschäftigte. In der Folgezeit entwickelte sich eine Tradition, die immer wieder aus Anlass von einem Jubiläum von „Rerum novarum“ an diese Linie anknüpfend, die Thematik aufnahm und aktualisierte. Benedikt XVI. hat mit seiner Enzyklika „Caritas in veritate“ 2009 deutlich gemacht, dass es Paul VI. war, der mit seiner Entwicklungsenzyklika „Populorum progressio“ einen zweiten, neuen thematischen Strang innerhalb der Sozialverkündigung eröffnet, den dann Johannes Paul II. mit „Laborem exercens“, „Sollicitudo rei socialis“, „Centesimus annus“ und Benedikt XVI. mit „Caritas in veritate“ weiterverfolgen. Und nun ist es Papst Franziskus, der mit seiner Sozialenzyklika „Laudato si‘“ einen dritten inhaltlichen Strang identifiziert: den der Ökologie. Nicht, dass es keine inhaltlichen Anknüpfungspunkte in der Tradition der Sozialverkündigung gäbe – er nennt auch zu Beginn des Textes einige, um dann aber doch sehr zügig zu seinen eigenen Akzentuierungen zu kommen.

Der Papst greift in seiner Enzyklika den Dreischritt von „Sehen – Urteilen – Handeln“ auf, den die christliche Sozialethik im Anschluss an „Mater et magistra“ von Johannes XXIII. als zentrales methodisches Instrument ansieht. Dementsprechend hat er seine Enzyklika aufgebaut: Er beginnt mit einer klaren Analyse der Situation im ersten Kapitel unter der Überschrift „Was unserem Haus widerfährt“. Es geht ihm um entscheidende Umweltprobleme, aber dann auch – und hier wird seine umfassende Perspektive bereits deutlich – um weltweite soziale Ungerechtigkeit sowie schließlich, eher auf der Metaebene angesiedelt, die Schwäche der Reaktionen und die Unterschiedlichkeit der Meinungen. Der zweite Schritt ist der des „Urteilens“, in dem Grundwerte und -linien seiner theologischen und sozialethischen Perspektive und Argumentation aufgezeigt werden. Dieser Schritt ist der bei weitem umfangreichste im Gesamtgefüge der Enzyklika und umfasst die Kapitel zwei bis vier. Es geht um das Evangelium der Schöpfung, die menschliche Wurzel der ökologischen Krise und sein Konzept einer ganzheitlichen Ökologie. Daran schließt sich der Schritt des „Handelns“ an, was eher meint: einiger Optionen für ein sach- und wertgerechtes Handeln. Kapitel fünf zeigt einige Leitlinien für Orientierung und Handlung auf, Kapitel sechs Aspekte zur ökologischen Erziehung und Spiritualität.

Franziskus greift selbstverständlich die Formulierung der Adressaten auf, wie sie seit „Pacem in terris“ üblich ist: Im Unterschied zu „Evangelii gaudium“, wo er sich „an die Mitglieder der Kirche [richtete], um einen immer noch ausstehenden Reformprozess in Gang zu setzen“, wendet er sich hier nun aufgrund der allgemeinen Bedeutung und der Dringlichkeit der Thematik an die gesamte katholische Welt und darüber hinaus auch an „alle Menschen guten Willens“, um „in Bezug auf unser gemeinsames Haus in besonderer Weise mit allen ins Gespräch kommen.“ (LS 3) Er verbindet damit eindeutig und expressis verbis auch die seit dem II. Vatikanum betonte Intention des Dialogs. Sehr klar formuliert er in dem Zusammenhang die Kompetenz und Verpflichtung, zugleich aber auch die Grenzen kirchlicher Stellungnahmen in Bezug auf konkrete Fragen: Es ist „nicht Sache der Kirche, endgültige Vorschläge zu unterbreiten, und sie versteht, dass sie zuhören und die ehrliche Debatte zwischen den Wissenschaftlern fördern muss, indem sie die Unterschiedlichkeit der Meinungen respektiert.“ (LS 61)

Im Blick auf das ernsthaft gesuchte Gespräch sind aber auch zugleich zwei zentrale neue Elemente zu nennen: Zum einen fällt auf, dass Papst Franziskus in dieser Enzyklika zeigt, was er mit seiner Aussage, er wolle die Bischofskonferenzen stärken, gemeint hat. Er zitiert in seinem Text zahlreiche Stellungnahmen einzelner Bischofskonferenzen zu ökologischen Themen. Wir freuen uns, dass dazu auch zwei Dokumente der Deutschen Bischofskonferenz zählen. Mit dem Verweis auf die Erklärungen der Bischofskonferenzen wird klar, dass er in neuer Weise Ernst macht mit dem gemeinsamen Lehramt der Bischöfe. Die zahlreichen Verweise machen aber auch deutlich, wie viel inhaltliche Arbeit in den Bischofskonferenzen bereits zur ökologischen Problematik geleistet worden ist. Sie weisen darauf hin, wie wichtig die Bewahrung der Schöpfung für die Kirche ist. Es ist also nur folgerichtig, dass der Papst eigens mit einer Enzyklika das Thema aufgreift.

Papst Franziskus zitiert aber nicht nur Erklärungen von Bischofskonferenzen. In der Enzyklika wird auch auf neue Weise der Dialog mit Theologen, Philosophen und Sozialwissenschaftlern geübt: „Eine Wissenschaft, die angeblich Lösungen für die großen Belange anbietet, müsste notwendigerweise alles aufgreifen, was die Erkenntnis in anderen Wissensbereichen hervorgebracht hat, einschließlich der Philosophie und der Sozialethik.“ (LS 110) War es bislang eher üblich, in derartigen Texten nahezu ausschließlich frühere lehramtliche Schriften zu zitieren sowie Kirchenväter, so wird hier auf relevante Theologen verwiesen und werden deren Texte zitiert, wenn sie zur inhaltlichen Positionierung, die der Papst vornimmt, hilfreiche Aussagen machen. Zu nennen ist hier etwa der ausführliche Bezug auf Romano Guardini im Kontext der Ausführungen zum modernen Anthropozentrismus (vgl. LS 115), aber auch auf Teilhard de Chardin (vgl. Anm. 53), wo es um den Bezug zwischen dem Reifungsprozess des Universums und der Fülle Gottes geht, die im auferstandenen Christus bereits erreicht ist (vgl. LS 83).

Bezeichnend ist, dass der Papst schon im Titel „die Sorge für das gemeinsame Haus“ als Inhalt der Enzyklika benennt. Auch im Folgenden spricht der Papst immer wieder von der Erde als einem „gemeinsamen Haus“ für die „ganze Menschheitsfamilie“ (LS 13) und fordert eine „universale Solidarität“ (LS 14): „Wir müssen uns stärker bewusst machen, dass wir eine einzige Menschheitsfamilie sind.“ (LS 52)

Schon in der Einleitung der Enzyklika werden die zentralen Grundgedanken deutlich, die auch später immer wieder vorkommen. In klaren Worten wird die derzeit stattfindende Zerstörung des Planeten angeprangert (LS 2), jedoch immer im Zusammenhang mit der Ungerechtigkeit gegenüber den Armen. Er beruft sich auf den Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus, um Umweltverschmutzung als Sünde zu brandmarken. Später wird er deutlich machen, dass der Glaube an Gott unbedingt auch die Liebe zu seiner Schöpfung impliziere. Wer die Schöpfung nicht liebt, kann deshalb auch kein wirklich guter Christ sein!

Sehr klar werden dann im ersten Kapitel die entscheidenden Umweltprobleme aufgelistet: Verschmutzung, Klimawandel, Wasserknappheit, Verlust der Artenvielfalt, verknüpft mit weltweiter sozialer Ungerechtigkeit. Dem Papst geht es dabei nicht nur um Information, sondern darum, dass wir das, was der Welt widerfährt, in „persönliches Leiden […] verwandeln“. (LS 19) Er will uns betroffen machen angesichts der gravierenden Probleme und dadurch zu ökologischer Umkehr motivieren.

Hinsichtlich des Klimawandels und der Erderwärmung hegt der Papst keinen Zweifel an der Validität der wissenschaftlichen Erkenntnisse, die mit hoher Sicherheit davon ausgehen, dass der Klimawandel menschengemacht ist und zu großen Teilen auf den starken und noch immer kaum begrenzten Anstieg der Treibhausgasemissionen seit der Industrialisierung zurückzuführen ist: „Es besteht eine sehr starke wissenschaftliche Übereinstimmung darüber, dass wir uns in einer besorgniserregenden Erwärmung des Klimasystems befinden.“ Die Menschheit muss deshalb die Erwärmung bekämpfen. Sicher gebe es auch andere Faktoren als anthropogene, „doch zahlreiche wissenschaftliche Studien zeigen, dass der größte Teil der globalen Erwärmung der letzten Jahrzehnte auf die starke Konzentration von Treibhausgasen (Kohlendioxid, Methan, Stickstoffoxide und andere) zurückzuführen ist, die vor allem aufgrund des menschlichen Handelns ausgestoßen werden.“ (LS 23) Im Folgenden macht er dann insbesondere auf die dramatischen Folgen des Klimawandels aufmerksam, vor allem für die ärmsten Bewohner unseres Planeten.

Um die genannten Probleme zu lösen, sind alle Menschen gefragt, besonders aber die entwickelten Länder. Insofern kritisiert der Papst massiv neben der Umweltzerstörung und der weltweiten sozialen Ungerechtigkeit die Tatsache, dass die reichen Länder bisher so wenig zur Bewältigung der Umweltprobleme getan haben. Hier verlangt er einen Kurswechsel: „Es ist notwendig, dass die entwickelten Länder zur Lösung dieser Schuld beitragen, indem sie den Konsum nicht erneuerbarer Energie in bedeutendem Maß einschränken und Hilfsmittel in die am meisten bedürftigen Länder bringen, um politische Konzepte und Programme für eine nachhaltige Entwicklung zu unterstützen. Die ärmsten Regionen und Länder besitzen weniger Möglichkeiten, neue Modelle zur Reduzierung der Umweltbelastung anzuwenden, denn sie haben nicht die Qualifikation, um die notwendigen Verfahren zu entwickeln, und können die Kosten nicht abdecken. Darum muss man deutlich im Bewusstsein behalten, dass es im Klimawandel diversifizierte Verantwortlichkeiten gibt (…).“ (LS 52)

Im zweiten Kapitel wird relativ ausführlich die christliche Schöpfungstheologie entfaltet. Papst Franziskus stellt selbst die Frage, warum er sich in der an alle Menschen gerichteten Enzyklika auf Glaubensüberzeugungen bezieht. Er glaubt jedoch, dass die Theologie einen produktiven Beitrag zur Diskussion leisten kann (LS 62). Zudem habe es einen großen Nutzen für die Menschheit, wenn Gläubige die ökologischen Verpflichtungen besser erkennen (LS 64).

Franziskus benennt die Tatsache, dass die zentrale „Idee eines Schöpfers“ (LS 62) von manchen in Politik und Wissenschaft abgelehnt oder zumindest als irrelevant bezeichnet wird und dass auch der Beitrag, den die Religionen selber zur Frage einer ganzheitlichen Ökologie leisten können, von vielen als irrational beiseitegeschoben wird. Aber gerade vor diesem Hintergrund ist es ihm ein zentrales Anliegen zu „zeigen, wie die Überzeugungen des Glaubens den Christen und zum Teil auch anderen Glaubenden wichtige Motivationen für die Pflege der Natur und die Sorge für die schwächsten Brüder und Schwestern bieten.“ (LS 64). Franziskus hofft auf die Kraft der Religionen bei der Bewältigung der ökologischen Krise.

Franziskus greift hier auch die Debatte nach dem biblischen Herrschaftsauftrag auf, den Gott dem Menschen erteilt hat. Er wendet sich gegen den Vorwurf, damit sei Tor und Tür für jede Ausbeutung der Erde in menschlicher Selbstherrlichkeit geöffnet. Dagegen wendet er ein, dass es bei dem Herrschaftsauftrag nicht um eine „absolute Herrschaft über die anderen Geschöpfe“ (LS 67) geht, sondern um ein Herrschen, das „hüten, schützen, beaufsichtigen, bewahren, erhalten, bewachen meint. Das schließt eine Beziehung verantwortlicher Wechselseitigkeit zwischen dem Menschen und der Natur ein.“ (LS 67) Das Herrschaftsrecht des Menschen ist also nicht willkürlich oder despotisch zu verstehen, die anderen Geschöpfe, die gesamte Schöpfung ist nicht rücksichtslos für die eigenen Interessen auszubeuten. Das bedeutet, dass die anderen Geschöpfe nicht einfach „dem Wohl des Menschen völlig untergeordnet sind, als besäßen sie selbst keinen Wert und wir könnten willkürlich über sie verfügen.“ (LS 69) Jedes Geschöpf besitzt seinen eigenen Wert, den der Mensch zu achten hat. Der Mensch ist in das Gesamtgefüge der Schöpfung eingebettet.

Aus der Schöpfungstheologie heraus wird dann die christliche Eigentumslehre dargestellt, dass nämlich die Güter der Erde zunächst Gottes Eigentum seien und allen Menschen als einer „universellen Familie“ zur Verfügung stehen müssten (LS 89 vgl. EG 215), wobei dieser Gedanke der Erde als gemeinsames Erbe der Menschheit auch Nichtgläubigen zugänglich sei (LS 93, vgl. 95). Vor diesem Hintergrund wird abermals betont, dass man nicht nur den verantwortungslosen Umgang mit anderen Lebewesen anprangern dürfe, sondern einen insbesondere die Ungerechtigkeiten „in Wut versetzen“ müssten, die zwischen Menschen geschehen (LS 90, vgl. auch 91, 92, 93). Das ist ein wichtiger Grundzug der Enzyklika: Die Umweltprobleme dürfen nicht die Ungerechtigkeiten, die Menschen angetan werden, in den Hintergrund drängen. Im Gegenteil: Sie sind miteinander verbunden und dürfen nicht zusammenhanglos betrachtet werden.

Eine Art soziologische und kulturwissenschaftliche Systemanalyse und Systemkritik bietet das dritte Kapitel: Zwar werden die Chancen der Technik auch positiv gewürdigt, als Grundübel, das hinter der ökologischen Krise stecke, macht der Papst jedoch das globalisierte „technokratische Paradigma“ aus (LS 106ff), das Wissenschaft, Wirtschaft und Politik beherrsche (LS 107–109). Diesen Erklärungsansatz verbindet er dann mit der Kritik, die moderne Gesellschaft sei einem falsch verstandenen, nämlich maßlosen Anthropozentrismus verfallen (LS 116), wobei auch hier wieder betont wird, dass dieser eben auch für Ausgrenzungen und Ungerechtigkeiten unter Menschen verantwortlich sei (LS 117–118). „Es gibt keine Ökologie ohne eine angemessene Anthropologie.“ (LS 118) In diesem Kontext findet sich auch eine kurze Bemerkung dazu, dass man nicht gleichzeitig für die Umwelt und für die Abtreibung sein könne (LS 120). Sowohl das technokratische Paradigma als auch der Anthropozentrismus tragen zum Relativismus bei. „Denn wenn die Kultur verfällt und man keine objektive Wahrheit oder keine allgemein gültigen Prinzipien mehr anerkennt, werden die Gesetze nur als willkürlicher Zwang und als Hindernisse angesehen, die es zu umgehen gilt.“ (LS 123)

Auf der Basis der Grundeinsicht, dass alles mit allem zusammenhängt (LS 138), entwickelt der Papst im vierten Kapitel einen eigenen Lösungsansatz, den er als „ganzheitliche Ökologie“ (vgl. LS 137, 141) bezeichnet. Diese „ganzheitliche Ökologie“ umfasst die Umwelt-, Wirtschafts-, Kulturökologie, die Ökologie des Alltagslebens und die „Humanökologie“. In all diesen Fällen müssten Zusammenhänge und Wechselwirkungen berücksichtigt, eine ganzheitliche Perspektive entwickelt und Rücksichtnahme auf die schwächsten Glieder praktiziert werden. In diesem Ansatz bezieht sich der Papst auf die klassischen Sozialprinzipien Gemeinwohl, Solidarität und Subsidiarität: Die  „Humanökologie“, also die Betrachtung aller Dimensionen des Lebens und die Kultur der Sorge darum, dass alle Menschen im gemeinsamen Haus einen Platz haben, ist untrennbar verbunden mit dem Prinzip des Gemeinwohls, das er als das zentrale Prinzip in der Sozialethik ansieht. Das Gemeinwohlprinzip (LS 156) sei heute selbstverständlich ein Weltgemeinwohl und impliziere eine Option für die Ärmsten (LS 158).

Franziskus fügt einen eigenen Abschnitt zur „generationsübergreifenden Gerechtigkeit“ hinzu: „Ohne eine Solidarität zwischen den Generationen kann von nachhaltiger Entwicklung keine Rede mehr sein.“ (LS 159) Die Erde gehöre allen Menschen, auch den erst noch kommenden Generationen. Deshalb wirft er die Frage auf, welche Welt wir hinterlassen wollen (LS 160). In diesem Zusammenhang wird mit großem Nachdruck betont, dass der derzeitige Lebensstil der reichen Nationen nicht universalisierbar ist: „Der Rhythmus des Konsums, der Verschwendung und der Veränderung der Umwelt hat die Kapazität des Planeten derart überschritten, dass der gegenwärtige Lebensstil, da er unhaltbar ist, nur in Katastrophen enden kann, wie es bereits periodisch in verschiedenen Regionen geschieht.“ (LS 161)

Aus der Einsicht, dass die Menschen ihren Planeten als Heimat begreifen sollten, den sie als ein Volk wie ein gemeinsames Haus bewohnen (LS 154), folgert der Papst im Kapitel 5 eine Reihe von Handlungsorientierungen auf unterschiedlichen Ebenen. Sie reichen von Hinweisen für Umweltverträglichkeitsprüfungen (LS 183) bis hin zur Forderung nach Dekarbonisierung der Energieversorgung: „Wir wissen, dass die Technologie, die auf der sehr umweltschädlichen Verbrennung von fossilem Kraftstoff – vor allem von Kohle, aber auch von Erdöl und, in geringerem Maße, Gas – beruht, fortschreitend und unverzüglich ersetzt werden muss.“ (LS 165)

Franziskus fordert die Weltgemeinschaft vor den entscheidenden Gipfeln zu den Nachhaltigkeitszielen im September in New York und zum Klimaschutz im Dezember in Paris zum Handeln auf: „Während die Menschheit des post-industriellen Zeitalters vielleicht als eine der verantwortungslosesten der Geschichte in der Erinnerung bleiben wird, ist zu hoffen, dass die Menschheit vom Anfang des 21. Jahrhunderts in die Erinnerung eingehen kann, weil sie großherzig ihre schwerwiegende Verantwortung auf sich genommen hat.“ (LS 165) Der Papst bedauert ausdrücklich, dass die Nationen es bisher nicht geschafft hätten, sich auf eine wirklich verbindliche gemeinsame Politik zu einigen (LS 164, 165, 167). Nochmals wird an die Verantwortung der reicheren Länder appelliert, wobei auch die ärmeren Länder ihren Teil beitragen müssten (LS 172): „Was den Klimawandel betrifft, sind die Fortschritte leider sehr spärlich. Die Reduzierung von Treibhausgas verlangt Ehrlichkeit, Mut und Verantwortlichkeit vor allem der Länder, die am mächtigsten sind und am stärksten die Umwelt verschmutzen.“ (LS 169 – vgl. 170) Den Grund für das bisherige Scheitern sieht der Papst in den nationalen Eigeninteressen: „Die internationalen Verhandlungen können keine namhaften Fortschritte machen aufgrund der Positionen der Länder, die es vorziehen, ihre nationalen Interessen über das globale Gemeinwohl zu setzen.“ (LS 169)

Insgesamt wirbt der Papst in diesem Kapitel für eine „Global Governance“. Er lässt keinen Zweifel daran, dass globale Probleme wirksame zwischenstaatliche und mit Sanktionen bewehrte internationale Institutionen und Vereinbarungen mit Rahmenbedingungen erfordern. Deshalb greift er auch auf den Begriff der „politischen Weltautorität“ zurück, der bereits in früheren Enzykliken genutzt worden ist. Der Papst zeigt aber auch eine gewisse Skepsis der Politik gegenüber und baut im Sinne des Subsidiaritätsprinzips auf die Verantwortung des Einzelnen und der intermediären Gebilde, vor allem der Zivilgesellschaft. Große Hoffnung setzt der Papst auch auf die lokale und regionale Handlungsebene.

Im sechsten Kapitel finden sich wichtige Hinweise zu einer ökologischen Erziehung, die den herrschenden Konsumismus überwinden könne. Der Papst setzt auf die Verantwortung des Einzelnen und auf ökologische Tugenden, denn: „Die Existenz von Gesetzen und Regeln reicht auf lange Sicht nicht aus, um die schlechten Verhaltensweisen einzuschränken, selbst wenn eine wirksame Kontrolle vorhanden ist.“ (LS 211) Hier wird auch noch einmal in einer Art kirchlicher Selbstverpflichtung die besondere Verantwortung der Religionsgemeinschaften hervorgehoben. Die Enzyklika endet mit sehr tiefgreifenden und berührenden Ausführungen zu einer ökologischen Spiritualität, die zu „Genügsamkeit und Demut“ (LS 224) führen müsse, sich in religiösem Handeln (z. B. Tischgebeten LS 227) und im Verständnis der sakramentalen Zeichen niederschlage. Am Ende findet sich der Aufruf: „Gehen wir singend voran! Mögen unsere Kämpfe und unsere Sorgen um diesen Planeten uns nicht die Freude und die Hoffnung nehmen.“ (LS 244)

Zusammenfassende Bewertung:

  • Ökologische und soziale Ungerechtigkeiten können nicht getrennt voneinander betrachtet werden: „die Sorge um die Natur, die Gerechtigkeit gegenüber den Armen, das Engagement für die Gesellschaft und der innere Friede [sind] untrennbar miteinander verbunden“ (LS 10)
  • „Alles ist miteinander verbunden.“  Das betont der Papst gleich mehrfach und gleichlautend (LS 91, 117, 138, 240). Deshalb braucht es eine ganzheitliche Entwicklung. Franziskus spricht von einer „integralen Ökologie“.
  • Die globalen Probleme können letztlich nur gemeinsam gelöst werden. Deshalb braucht es ein tieferes Verständnis, dass wir als „Menschheitsfamilie“ in einem „gemeinsamen Haus“ leben: „Wir brauchen eine neue universale Solidarität.“ (LS 14)
  • Die Enzyklika kommt zum richtigen Zeitpunkt. Am Beginn des 21. Jahrhunderts muss die Menschheit umsteuern. Die bevorstehenden internationalen Gipfel sind zum Handeln aufgefordert. Papst Franziskus gibt der Staatengemeinschaft ein starkes Signal für die Verhandlungen. Und er bietet die Kirche als Partner in diesen Prozessen an: „Ich lade dringlich zu einem neuen Dialog ein über die Art und Weise, wie wir die Zukunft unseres Planeten gestalten.“ (LS 14)
  • Vor allem beim Klimawandel sind die Staaten herausgefordert: „Der Klimawandel ist ein globales Problem mit schwerwiegenden Umwelt-Aspekten und ernsten sozialen, wirtschaftlichen, distributiven und politischen Dimensionen; sie (sic!) stellt eine der wichtigsten aktuellen Herausforderungen an die Menschheit dar.“ (LS 25)
  • Letztlich bedarf es einer „Global Governance“, der Papst spricht von einer „Ethik der internationalen Beziehungen“ (LS 51). Franziskus fordert „Leadership“ (LS 53, 164) zur Lösung der globalen Umweltprobleme. Dies ist vor allem auch eine Ermutigung für diejenigen Staaten und politisch Verantwortlichen, die sich von den Widerständen nicht beirren lassen und sich immer wieder aufs Neue für globale Lösungen einsetzen.
  • Franziskus setzt aber ebenso auf die Verantwortung jedes Einzelnen und warnt davor, einfach darauf zu vertrauen, dass alles schon irgendwie gut gehen wird. Er baut auf die verantwortete Freiheit. Ökologische und soziale Verwerfungen „sind letztlich auf dasselbe Übel zurückzuführen, nämlich auf die Idee, dass es keine unbestreitbaren Wahrheiten gibt, die unser Leben lenken, und deshalb der menschlichen Freiheit keine Grenzen gesetzt sind.“ (LS 6)
  • Mit der Enzyklika wendet sich der Papst nicht nur an die Kirche, die Gläubigen und die Herrschenden. Er wendet sich an jeden einzelnen Menschen im gemeinsamen Haus der Erde. Deshalb fordere ich alle auf, sich mit der Enzyklika zu befassen, die viel mehr ist als irgendein kirchlicher Text, sondern die Wegweisungen geben kann für alle Menschen guten Willens.
  • Der Papst bleibt voller Hoffnung. Er schildert die riesigen globalen Probleme und Herausforderungen im Umwelt- und Sozialbereich. Aber er glaubt daran, dass die Menschen sich in Freiheit für das Gute entscheiden, die Herausforderungen bewältigen und die Welt zum Besseren verändern können.

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