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08.10.2015 - Nr. 032

Bischofssynode in Rom: Wortbeitrag von Erzbischof Dr. Heiner Koch

Auf der Bischofssynode in Rom hat am vergangenen Montag (5. Oktober 2015) Erzbischof Dr. Heiner Koch (Berlin) zum ersten Kapitel des Instrumentum laboris gesprochen. Wir dokumentieren seinen Redebeitrag vor der Synode:

Zu Punkt 28 des Instrumentum laboris:

1. Bis vor Kurzem war ich Bischof des Bistums Dresden-Meißen und komme nun zur Synode als Erzbischof von Berlin. Im Osten Deutschlands sind über 80 Prozent der Menschen ungetauft und haben oft seit vielen Generationen keine Berührung mehr mit dem christlichen Glauben und der Kirche. Wir Katholiken bilden manchmal nicht mehr als 3–4 Prozent der Bevölkerung. Aber in den Städten, etwa in Dresden und Leipzig, sind wir eine junge Kirche: Die größte Gruppe unter den Katholiken ist zwischen 20 und 30 Jahre alt. Es ist das Alter, in dem junge Menschen heiraten und eine Familie gründen. Viele von ihnen wollen allerdings nicht heiraten und leben unverheiratet zusammen. Das hat bei vielen nichts mit Unverbindlichkeit oder fehlender Moral zu tun. Die Institution und die Tradition Ehe wird als nicht lebensnotwendig eingestuft.

Zu Punkt 35 des Instrumentum laboris:


2. Wenn aber zwei junge Menschen sich kirchlich trauen – oftmals gehört einer der Partner einer anderen Konfession an, nicht selten ist er ungetauft –, dann ist dies in unserer Gesellschaft ein tiefes, viele oft nachdenklich stimmendes Glaubenszeugnis: „Warum heiratet Ihr kirchlich? Was soll das?“, fragen die ungetauften Freundinnen und Freunde, wenn sie solch eine kirchliche Trauung erleben. Dann bricht in der Trauung für sie die Frage nach Gott auf und nach dem Glauben. Ich bin den jungen Menschen, die sich auf den Weg der Ehe machen, dankbar für ihr Glaubenszeugnis. 40 Prozent der Ehen, die Katholiken in meinem Erzbistum eingehen, sind Ehen mit einem Partner oder einer Partnerin, die einer anderen Konfession angehört. Solche Ehen sind im ökumenischen Geist eine besondere Herausforderung und Chance. Diese Familien erwarten von uns ein ermunterndes Wort. In Abschnitt 28 des Instrumentum laboris sind sie deutlich zu schwach berücksichtigt.

Es ist so wichtig, dass der Heilige Vater mit uns von dieser Synode aus das Evangelium vom Geheimnis der Ehe mit einer neuen Hermeneutik, in einer neuen Sprache, in einer Sprache der Fülle, des Segens, des reichen Lebens provozierend und einladend für die Menschen aussendet. Welche Gnade wird da den Menschen angeboten, welche Teilhabe an Gottes Schöpfungs- und Heilsordnung, welche Tiefe der Liebe Gottes und der Menschen zueinander: Es geht uns doch in der Ehe um ein Leben aus der Fülle des Lebens und der Liebe Gottes, die auch noch in der Zerbrochenheit tragen. Dies muss unsere Botschaft in Kirche und Gesellschaft sein. Wir dürfen auf der Synode nicht den Eindruck vermitteln, als wenn wir uns vor allem um das Scheitern und um die Zulassungsbedingungen zu den Sakramenten gestritten hätten.

Allerdings: Auch tiefgläubige junge Christen stellen mir angesichts der Erfahrung in ihrer Familie und in ihrem Freundeskreis die Frage: „Aber wenn wir in unserer Ehe scheitern und später eine neue Ehe eingehen, warum sind wir dann vom Tisch des Herrn ausgesperrt? Weist Gott die Menschen, die ein Scheitern erlebt haben, von sich?“ Dann versuche ich zu erklären, warum wir die wiederverheiratet Geschiedenen nicht zur Kommunion zulassen, aber die Argumentation dieser theologischen Aussagen lässt die Fragen im Herzen der Menschen nicht verstummen: Ist für Menschen, die unumkehrbare Brüche in ihrem Leben erlebt und erlitten haben, kein Platz am Tisch des Herrn? Wie fehlerlos und wie heil muss man sein, um zum Mahl des Herrn eingeladen zu werden? Mir wird immer wieder deutlich, dass die Frage der Zulassung der wiederverheiratet Geschiedenen zur Eucharistie nicht in erster Linie eine Frage nach der Unauflöslichkeit des Sakraments der Ehe ist. Für viele Menschen stehen in dieser Frage die Kirche und ihre Barmherzigkeit in Frage. Nicht wenige Betroffene ziehen sich bei uns aufgrund der von ihnen empfundenen Zurückweisung mit ihren Kindern von der Kirche zurück. Zuletzt und zutiefst aber geht es für viele um den christlichen Glauben und um Gott und seine Barmherzigkeit. Über die Frage der Zulassung zur Eucharistie wird für viele Gott fragwürdig.

Zu Punkt 29 des Instrumentum laboris:

3. Über 100.000 Alleinerziehende leben allein in Berlin mit all ihren Herausforderungen und Belastungen zwischen persönlichem Leben, Kindererziehung und Arbeit. Bei allem, was wir bedenken: Auch sie sind Familien.

Zu Punkt 24 bis 27 des Instrumentum laboris:

4. Eine besondere Sorge gilt den kinderreichen Familien, die für uns ein Segen sind. Drastisch wie sonst selten auf der Welt ist ihre Zahl in Deutschland zurückgegangen, ein wesentlicher Grund für unsere demographischen Sorgen. Ihre finanzielle Sicherung, die ungenügende Anerkennung der erzieherischen Leistung der Eltern in unseren Sozialversicherungen und die schwierige spätere Wiedereingliederung ins Berufsleben stellen große Ärgernisse dar. Vor allem aber sollten wir ihnen ein Wort der Anerkennung und unserer Hochachtung aussprechen.

Zu Punkt 29 des Instrumentum laboris:


5. Für ein Drittel der Katholiken in der Stadt Berlin ist die deutsche Sprache nicht die Muttersprache. In Berlin leben viele Zuwanderer, Asylanten und Flüchtlinge. Vom ersten Tag meines Dienstes in dieser Stadt an erlebe ich auch das Drama der Flüchtlingsfamilien, durch Gewalt getrennt oder gemeinsam geflohen, nun aber fern der Heimat. Wir dürfen diese Familien nicht allein lassen, auch nicht auf dieser Synode. Die Heilige Familie war auf der Flucht und hatte nur eine Krippe für ihr Kind, aber diese Flüchtlingsfamilie ist für uns alle ein Segen geworden. Will Gott uns auch heute vielleicht gerade in den Flüchtlingsfamilien ein Segen sein? Wir müssen auf dieser Synode auch über diese Familien sprechen und wir müssen über uns als die neue Familie Jesu, die Familie seiner Kirche sprechen, die keine Mauern und Stacheldrähte errichten darf. Die Flüchtlingsfamilien gehören zu uns und wir zu ihnen. Füreinander sind wir ein Segen.

Zu Punkt 17 und 20 des Instrumentum laboris:

6. Den Eheleuten, die viele Jahrzehnte das Leben in ihren Familien in Höhen und Tiefen in Treue gelebt und manchmal auch durchgehalten haben, sollten wir dankbar sein für das Glaubenszeugnis, das sie mit ihrer Ehe ablegen, und dies als Synode auch zum Ausdruck bringen. Familie ist mehr als junge Eltern mit ihren jungen Kindern. Vielleicht wird das Familienleben am schwersten erst im Alter und im Sterben stehen in unserer Gesellschaft immer drängendere Fragen an. Unsere gegenwärtige Diskussion in Europa über die sogenannte Sterbehilfe ist auch so dramatisch, weil viele alte Menschen in ihren Familien kein Zuhause mehr haben und für sie kein Platz mehr ist in den engen Wohnungen und bei den vielen beruflichen Anspannungen. Alt werden, krank sein und sterben sind Themen der Familie, über die wir auf dieser Synode nicht schweigen dürfen, wenn von der Schönheit der Familie die Rede ist. Schutz des ungeborenen Lebens am Anfang und Schutz des Lebens während und am Ende des Lebens gehören untrennbar zusammen.

Rom, den 5. Oktober 2015

Heiner Koch
Erzbischof von Berlin


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