Pressemeldung
20.09.2016 - Nr. 173

Eröffnungsmesse zur Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda

Kardinal Marx: „Die Kirche darf sich aus den Fragen der Zeit nicht heraushalten“

Gestern hat in Fulda die Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz begonnen. Heute Morgen (20. September 2016) kamen die deutschen Bischöfe zum Eröffnungsgottesdienst im Fuldaer Dom zusammen.

„Wir leben in aufgewühlten politischen Zeiten. Am Sonntag hat eine Wahl stattgefunden und es werden viele andere Wahlen folgen“, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, in seiner Predigt. In den aktuellen Debatten und Wahlen zeige sich die Auseinandersetzung über den Weg unseres Landes und Europas. Oft würden die Bischöfe gefragt, ob die Kirche zu dieser Situation und den Schwankungen in der Welt eine Meinung habe und sich äußern müsse: „Manche sagen, das hat doch nichts mit dem Evangelium zu tun und noch weniger mit dem Glauben. Aber gerade das Gegenteil ist der Fall“, so Kardinal Marx.

Zur Begründung verwies er auf die Enzyklika Rerum novarum von Papst Leo XIII., die vor 125 Jahren erschien. „Viele waren überrascht, dass der Papst Stellung nahm zu den Herausforderungen, vor denen die Menschheit damals stand: ob man einer tieferen Spaltung der Gesellschaft weiter tatenlos zuschauen wolle oder ob die Kirche sich am Einsatz für Arbeiter, für Ausgegrenzte, für gesellschaftliche Teilhabe, Solidarität und Würde beteiligen könne.“ Leo XIII. habe in seiner Sozialenzyklika den Auftrag der Kirche begründet, für die Schwachen und Armen einzutreten. „Die Kirche darf sich aus den Fragen der Zeit nicht heraushalten“, so Kardinal Marx. „Wie sie sich äußert und engagiert, darüber müssen wir Bischöfe und das ganze Volk immer wieder neu nachdenken. Rerum novarum hat den richtigen Ton getroffen: mit prophetischer Kritik und einer sachlichen Analyse deutlich zu machen, was richtig ist und entsprechende Antworten zu finden.“ Es reiche nicht aus, immer nur zu sagen, was nicht gehe. „Wir haben den Auftrag, uns als Kirche einzubringen in die Gemeinschaft des ganzen Volkes und der ganzen Gesellschaft. Wir sind aufgerufen, nach Wegen zu suchen, um Teilhabe zu ermöglichen. Das ist der richtige und heute noch immer gültige Weg der Katholischen Soziallehre, die leider oft vergessen ist, in Gemeinden, von Priestern und Hauptamtlichen“, so Kardinal Marx, der appellierte, die Sozialtexte der Kirche „zu lesen und anzuwenden“.

Die Katholische Soziallehre sei mit allen ihren Aussagen vom Geist des Evangeliums inspiriert und trage so selbst zur Evangelisierung bei, wie es der heilige Papst Johannes Paul II. gesagt habe. „Die kirchliche Soziallehre ist nicht etwas für wenige Spezialisten. Die Soziallehre gilt für uns alle“, sagte Kardinal Marx. Das zeige sich auch in der Weisheitsliteratur des Alten Testaments, die sich als Anleitung zu einem richtigen Leben verstehe. Das Buch der Weisheit führe dem Menschen vor Augen, dass es nicht nur um den Einzelnen gehe, sondern um ein gelingendes Leben aller Menschen. Diesen Gedanken greife Jesus in seinem Handeln auf. „Ein richtiges Leben des Einzelnen kann nur gelingen, wenn es eingebettet ist in das Leben aller, in eine Gesellschaft von Gerechtigkeit, Respekt und Miteinander, in das Einbeziehen des anderen, wie es Papst Franziskus sagt. Dieses Leben nimmt die Schwachen, Armen und Kranken in den Blick, die von sich aus keine Kraft haben, in der Mitte der Gesellschaft zu stehen“, betonte Kardinal Marx.

125 Jahre Katholische Soziallehre müsse auch heute aufrütteln. Kardinal Marx wandte sich in der Predigt vor allem an die jungen Menschen: „Engagiert Euch in der Politik. Denkt an die Welt und kreist nicht um Euch selbst. Wir haben ein Haus der Schöpfung, das nicht nur den Reichen, sondern allen Menschen und kommenden Generationen gehört. Deshalb ist es unser aller Auftrag, uns einzusetzen für Gerechtigkeit und Frieden, für die Bewahrung der Schöpfung, für die Flüchtlinge und die Überwindung der Ursachen, die zu solchen Dramen führen – das ist im Sinne Jesu Einsatz für unsere Gesellschaft. Beklagen wir nicht immer nur die Politik, sondern versuchen wir in unseren Pfarreien und Verbänden Menschen zu entdecken, die selbst in die Politik gehen, um die Gesellschaft aus dem Geist Jesu mitzugestalten.“ Das, so Kardinal Marx, sei ein Beitrag, den die Kirche für die Gesellschaft leisten könne. „Mit dieser Form der Evangelisierung erkennen Menschen, dass das Evangelium Jesu die ganze Wirklichkeit des Menschen umfasst und diese Botschaft ein Mehrwert für das Leben jedes Einzelnen ist.“

Bereits zum Beginn des Gottesdienstes hatte Kardinal Marx die Gläubigen im Fuldaer Dom aufgerufen, sich dem für heute von Papst Franziskus ausgerufenen Weltgebetstag für den Frieden anzuschließen, mit dem der Papst von Assisi aus ein Zeichen gegen Gewalt und Terror in der Welt setzen wolle.

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