Pressemeldung
21.09.2016 - Nr. 176

Predigt von Kardinal Rainer Maria Woelki in der Eucharistiefeier am 21. September 2016

Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

„Gemeinsam mit Gott hören wir einen Schrei“, so lautet ein Wort unseres Papstes aus seinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium.

Es steht über dem heutigen Studientag von uns Bischöfen, an dem wir uns mit Armut und Ausgrenzung als einer Herausforderung für Kirche und Caritas beschäftigen wollen. Bei unserer Bischofsweihe – und übrigens auch schon zuvor bei unserer Diakonen- und Priesterweihe – wurden wir gefragt, ob wir um des Herrn willen bereit seien, den Armen und den Heimatlosen und allen Notleidenden gütig zu begegnen und zu ihnen barmherzig zu sein. So wichtig ist der Kirche die Sorge um die Armen, dass sie die Frage danach vor jeden Empfang einer Weihe stellt.

In Konsequenz dessen hat Papst Benedikt XVI. im Dezember 2012 in seinem Motu proprio zum „Dienst der Liebe“ die Rolle der Bischöfe als „erste Verantwortliche“ für den caritativen Dienst noch einmal festgeschrieben. Hier ist denn auch der Grund, weshalb wir Bischöfe nicht nur für unsere verbandliche Caritas Verantwortung tragen, weshalb wir nicht nur unsere Gemeinden zu caritativem Tun ermutigen sollen. Hier ist auch einer der Gründe, weshalb wir uns als Bischöfe immer wieder in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen haben, dort wo die Rechte der Armen aller Art verletzt und missachtet werden – gelegen oder ungelegen.

Unseren Studientag haben wir – vielleicht weil es die Fügung so will – am Fest des Apostels und Evangelisten Matthäus. Mit Blick auf das, was wir über diesen wissen, werden wir sicher zunächst sagen können, dass dessen Leben wohl ziemlich lange nach dem Gesetz des Stärkeren verlief. Von Beruf war er nämlich Zöllner. Als solcher verdiente er sein Auskommen auf Kosten anderer, ohne dafür wirklich etwas zu leisten. Wer von A nach B wollte, musste bei ihm zahlen. Auch heute müssen viele Menschen zahlen, wenn sie von A nach B wollen – wenn sie dafür bei Schleusern zahlen, ist der Preis nicht selten das eigene Leben. Auch heute leben viele Menschen auf Kosten anderer – ohne sich das wirklich bewusst zu machen. Wir sind keine Zöllner – aber sind wir so viel anders als Matthäus, wenn wir nicht fragen, wer die Kleider gefärbt und genäht hat, die wir am Leibe tragen; wenn wir nicht fragen, woher die Rohstoffe in unseren Smartphones stammen und wo sie wieder entsorgt werden; wenn wir nicht fragen, wer Durst leiden muss, während wir Mineralwasser multinationaler Konzerne in Plastikflaschen kaufen? Man gönnt sich ja sonst nichts – ein oft gehörter Spruch, um zu entschuldigen, dass man jetzt gerade auf Solidarität keine Rücksicht nehmen kann. Entsolidarisierung hat immer da ein leichtes Spiel, wo Menschen enttäuscht sind, wo sie sich zu kurz gekommen vorkommen, wo sie sich um Chancen gebracht fühlen, wo man sie zum „Schwarzer-Peter-Spielen“ instrumentalisieren kann.

Wir erleben in unserem Land zurzeit, was passiert, wenn Menschen an dieser Stelle politisch umworben werden. Populismus schürt Entsolidarisierung und braucht Sündenböcke. Menschen in ihrer Bedürftigkeit – so unterschiedlich diese sein mag – werden auf grausame Weise gegeneinander ausgespielt.

Solidarität hat demgegenüber ein anderes Fundament. Solidarität sieht die eigene und die fremde Bedürftigkeit, sieht die eigene Angewiesenheit und die des Gegenübers. Solidarität weiß darum, dass jede und jeder ein Geschöpf Gottes ist; weiß darum, dass jedem und jeder das Leben von Gott selbst geschenkt ist.

Solidarität speist sich aus einer Quelle, die nicht versiegen kann. Gottes Barmherzigkeit lebt und sprudelt in ihr unter uns Menschen. Solidarität bedeutet etwas von seiner Zeit, seiner Aufmerksamkeit, seinem Gewinn, seinem Erfolg, seinem Talent, seinem Lachen und seiner Zärtlichkeit mit einem anderen zu teilen – ohne Berechnung und ohne Hintergedanken; einfach deswegen, weil es ihn gibt; weil er oder sie da ist; weil er oder sie am Sterben ist; weil er oder sie bedürftig ist; weil er oder sie weniger hat als man selbst, weil er oder sie heimatlos ist, weil er oder sie alt wird und damit fertig werden muss, dass die Kräfte, die Kompetenz, die Selbstständigkeit schwinden – „Erosion des Könnens“ (Wilhelm Schmidt) … Wir alle werden lernen müssen, damit zu leben. Leben – ganz gleich wie anfänglich, wie alt, geboren oder ungeboren, gebrechlich oder unversehrt, getrieben von Angst und Verzweiflung, von Armut gezeichnet oder von Krankheit gebeugt, voller Kraft und Mut, behindert oder nicht behindert, mit legalem Aufenthaltsstatus oder ohne: es ist einmalig und kostbar! Es ist uns von Gott geschenkt, und wir? Wir haben es zu hüten! Das Lebensrecht ist das Grundrecht eines jeden Menschen – wie bedroht dieses Grundrecht ist, zeigen Menschen, die auf der Flucht vor menschenunwürdigen Bedingungen genau solche vorfinden; und bisweilen versuchen Menschen genau das vor anderen zu verstecken, wenn sie vor Armut nicht wissen, wie sie oder ihre Kinder über den Tag kommen sollen; wenn sie nicht wissen, wo das Geld für den Schulausflug oder das Pausenbrot herkommen soll. Und das ist keine ferne Realität – es ist die Realität vieler Tausender Menschen hier in unserem Land. Keine Gesellschaft kann sich menschlich nennen, wenn sie das Schicksal ihrer Armen aus dem Blick verliert oder die Schuld dafür bei anderen Armen sucht und diese zum Sündenbock macht. Wenn wir an die Würde des von Gott geschenkten Lebens glauben, ist es notwendig, für einander Sorge zu tragen. Dazu lädt Jesus den Zöllner Matthäus ein und nimmt selbst die Einladung in sein Haus an.

Er erbarmt sich dieses Zöllners, damit es anders wird untereinander und miteinander, damit von Matthäus keine Ausbeutung mehr ausgeht, sondern Gerechtigkeit. Das ist der Auftrag, den die Kirche hat: dazu beizutragen, diese Gerechtigkeit unter den Menschen zu leben. Immer wieder hat man der Kirche vorgeworfen, sie achte – aus welchen Gründen auch immer – zu sehr auf das ungeborene Leben und zu wenig auf Gerechtigkeit. Und dort, wo sie auf Gerechtigkeit pocht, wird ihr oft vorgeworfen, sie sei zu wenig bei ihrer Sache und der Religiosität und verliere sich im Politischen.

Aber: Ganz gleich an welchen Stellen das Leben von Menschen bedroht ist, es ist immer Aufgabe der Kirche im Namen Jesu Christi ihre Stimme zu erheben und den Schutz des Lebens in allen seinen Phasen und die Sorge füreinander anzumahnen und entsprechend zu handeln. Es ist unsere Aufgabe vorzuleben, was es bedeutet, dass bei Gott niemand abgewiesen wird.

Es ist unsere Aufgabe, dem Anbruch des Reiches Gottes unsere Hände und Herzen zu schenken. Es ist ein Mahl der Gerechtigkeit, das Jesus im Haus des Zöllners Matthäus hält; ein Mahl, mit dem es neu anfängt untereinander. Zu einem solchen Mahl sind auch wir heute eingeladen, wenn Jesus sich uns jetzt in der Feier der Heiligen Eucharistie schenkt. Er ist gekommen, die Sünder zu rufen – auch uns. Nehmen wir daher seine Einladung an, damit es anders wird unter uns und auf dieser Erde.
Amen.

Lesung:         Eph 4,1–7.11–13    
Evangelium:  Mt 9,9–13

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