Pressemeldung
22.09.2016 - Nr. 181

Predigt von Bischof Wolfgang Ipolt in der Schlussvesper zur Herbst-Vollversammlung 2016

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst!
Verehrte, liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Jedes Jahr am Ende unserer Herbstvollversammlung lassen wir uns in der Abschlussandacht mit der Reliquie des hl. Bonifatius segnen und neu auf den Weg unseres Dienstes senden. Es ist, wie ich meine, ein einfaches und zugleich beeindruckendes Zeichen, das mit diesem Ort, dem Grab des heiligen Bonifatius, zutiefst verbunden ist. Wir reihen uns damit ein in eine lange Geschichte des Glaubens und der Gottesverehrung in unserem Land, zu der wir mit allen uns gegebenen Kräften in der Gegenwart unseren Teil beitragen dürfen – wir Bischöfe als Hirten, aber auch Sie alle als Getaufte und Gefirmte. Damit die Menschen, zu denen wir gesandt sind, vom Licht des Glaubens berührt werden können, braucht es aber bei uns selbst den rechten Blick, braucht es eine innere Haltung, die es erst möglich macht, dass Gott durch uns handeln und wirken kann.

Ein Wort des Priesters und Schriftstellers Heinrich Spaemann fasst das zusammen, was ich meine: „Was wir im Auge haben, das prägt uns, dahinein werden wir verwandelt. Und wir kommen, wohin wir schauen.“

Es kommt auf die Perspektive an, auf das, was wir zuerst in den Blick nehmen. Das prägt uns – unser Wirken, unser Christsein als Ganzes. Ich meine, wir brauchen einen dreifachen Blick, eine dreigestaltige Perspektive, die uns helfen kann, das im Auge zu behalten, was der Herr von uns will.

1. Wir brauchen für alles zuerst einen geistlichen Blick. Paulus hat ihn, wenn er voller Dankbarkeit sagen kann: „Dank sei Gott, der uns stets im Siegeszug Christi mitführt und durch uns den Duft der Erkenntnis Christi an allen Orten verbreitet.“ (2 Kor 2,14) Zugegeben manches in unserer Kirche erinnert derzeit nicht unbedingt an einen Siegeszug (Triumphzug) Christi. Aber dennoch: Gott am Werk sehen können, sich diesen Blick zutiefst bewahren und je neu üben – das ist mehr als die bloße Verwaltung eines Bistums und auch mehr als die Erfüllung religiöser Pflichten. Den Siegeszug Christi in Menschen entdecken, die sich in seine Nachfolge begeben – das ermöglicht nur ein wirklich geistlicher Blick. „Unverkennbar seid ihr ein Brief Christi, ausgefertigt durch unseren Dienst …“ (2 Kor 3,3) – kann Paulus sagen, wenn er auf seine korinthische Gemeinde schaut. Ich wünschte, wir könnten das auch sagen, wenn wir auf die Menschen schauen, denen wir dienen dürfen. Der geistliche Blick vermag das Wirken Gottes zu identifizieren – ja es sogar in manchem Leidvollen und Schweren zu entdecken.

2. Wir brauchen zweitens einen missionarischen Blick. Das gilt nicht nur für uns Bischöfe, sondern für jeden Gläubigen.  Das wird uns verwandeln. Wer missionarisch „geeicht“ ist, der sieht die Menschen, die Sehnsucht nach dem Leben haben; der entdeckt Menschen, die dem Evangelium wohl gesonnen sind – wenn sie auch nicht zu unserer Kirche gehören. Mit Selbstbewusstsein kann Paulus sagen: „Wir sind Christi Wohlgeruch für Gott unter denen, die gerettet werden …“ (2 Kor 2,15) Liebe Schwestern und Brüder, trauen wir uns doch ein wenig mehr, diesen – Christi! – Wohlgeruch zu verbreiten. Vielleicht müssen wir dafür manche Formen der Anbiederung fallen lassen, mit denen wir eigentlich nur Bewährtes erhalten wollen. Die missionarische Perspektive ist allein davon bewegt, der Botschaft, wo es geht, Raum zu verschaffen und nicht darüber zu schweigen. Das führt allerdings in eine Entschiedenheit, die wir nicht verhindern dürfen. „Den einen sind wir Todesgeruch, der Tod bringt; den anderen Lebensduft, der Leben verheißt.“ (2 Kor 2,16) Möge der Apostel Deutschlands uns neu dazu ermutigen!

3. In diesem Heiligen Jahr üben wir besonders den Blick der Barmherzigkeit ein. Es ist ja eher eine wirkliche Haltung, die da neu in uns wachsen soll. Das ist nichts Weichliches, das ist auch nicht bloße Großzügigkeit. Die sieben geistlichen Werke der Barmherzigkeit sind wie Merkzeichen dafür, worum es geht: den Zweifel, die Trauer, die Unfähigkeit zu beten, ja auch die Sünde ernst zu nehmen und all diesen Nöten mit Klarheit und Erbarmen zu begegnen und Menschen aufzuhelfen, die davon betroffen sind. Auf diese Weise werden wir zu Werkzeugen des Vaters im Himmel – denn so wie er sollen wir ja barmherzig sein.

Was wir im Auge haben, das prägt uns, das verwandelt uns und gestaltet uns um – es soll uns christusförmig machen:

  • der geistliche Blick, der Gottes Wirken in allem zu erkennen vermag;
  • der missionarische Blick, der die Orte aufspürt, an denen das Evangelium erwartet wird;
  • das barmherzige Sehen und Tun, dort wo es nötig ist.

Dafür erbitten wir heute Abend den Segen und den Beistand unseres Mitbischofs Bonifatius vom Himmel her. Und wir heutigen Bischöfe denken dabei nicht zuletzt an Sie alle, liebe Brüder und Schwestern hier im Dom und in unserem weiten Land. Denn wir sind zu nichts anderem geweiht und gesandt, als dass sich der Duft der Erkenntnis Christi an allen Orten Deutschlands verbreite. In diesem Sinne wollen wir gemeinsam Kirche sein! Amen.

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