Pressemeldung
29.01.2004 - Nr. PRD 007a

Statement des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, beim Pressegespräch zur Initiative "Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen" der Deutschen Bischofskonferenz am 29. Januar 2004

Die Deutsche Bischofskonferenz hat im vergangenen Jahr eine neue Initiative "Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen" ins Leben gerufen, die unter gewandelten Verhältnissen an frühere Gedenktage für verfolgte Christen und Kirchen anknüpft.

Sie will damit die Aufmerksamkeit von Kirchengemeinden und Öffentlichkeit stärker auf die Situation jener Christen lenken, deren Recht auf Religionsfreiheit eingeschränkt und missachtet wird. Zu diesem Zweck wird jährlich eine Broschüre veröffentlicht, die in allen Kirchengemeinden zugänglich gemacht werden soll. Sie widmet sich jeweils einem Schwerpunktland. In diesem Jahr befassen wir uns mit der Situation in Nigeria.
I.
Lassen Sie mich in aller Kürze einige grundsätzliche Bemerkungen zum Thema "Christenverfolgung" machen. Mit diesem Wort verbinden sich bei vielen ja eher Erinnerungen an die Geschichte: an die Steinigung des Stephanus, über die die Apostelgeschichte berichtet, an die Verfolgung unter römischen Kaisern, bevor das Christentum zur offiziell anerkannten Religion des Imperiums wurde; dann aber auch an das 20. Jahrhundert, in dem eine große Zahl von Christen unter Nationalsozialisten und Kommunisten Unrecht und nicht selten sogar den Tod erdulden musste (vgl. dazu jetzt Andrea Riccardi, Salz der Erde, Licht der Welt. Glaubenszeugnis und Christenverfolgung im 20. Jahrhundert, Freiburg 2002). Wer sich aktuelle Meldungen aus der letzten Zeit vor Augen hält, kommt jedoch nicht um die Feststellung herum, dass es auch in unseren Tagen an vielen Orten gefährlich ist und mit einem hohen Preis verbunden sein kann, sich zum Christentum zu bekennen und als Christ zu leben. Diese Aktualität von Christenverfolgung wird oft übersehen, manchmal auch verdrängt.
Nach wie vor gibt es eine Reihe spätkommunistischer Staaten, in denen der christliche Glaube (wie auch andere Religionen) als Form eines falschen oder überholten Bewusstseins angesehen wird und als Hindernis für eine wirkliche Befreiung gilt. Gläubige werden dort gesellschaftlich diskriminiert, oft in ihren bürgerlichen Rechten beschnitten, manchmal sogar offen verfolgt. Die Kirche, die sich dem totalitären Staats- und Gesellschaftsverständnis widersetzt, wird in ihrer Freiheit so weit wie möglich eingeschränkt. Ich denke an die nach wie vor bedrückende Situation in der Volksrepublik China, in Nord-Korea oder Vietnam, das wir im vergangenen Jahr zum Informationsschwerpunkt unserer Initiative gemacht hatten.
Bei einer Bestandsaufnahme dürfen auch jene Länder nicht übersehen werden, in denen das religiöse Bekenntnis zwar grundsätzlich geachtet wird, Christen jedoch, die sich mutig für die Menschenrechte einsetzen und mit der "Option für die Armen" Ernst machen, an Leib und Leben bedroht werden. Manchmal geht diese Gewalt von Regierungen aus, öfter aber von privaten Gruppen, die den Verlust ihrer Privilegien fürchten. Diese Art von Christen- und Kirchenverfolgung ist vor allem aus Lateinamerika bekannt, wo die Kirche sich in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils konsequent aus den Verstrickungen mit der Macht gelöst hat und dafür unter Bischöfen und Priestern, genauso aber auch unter engagierten Laien einen hohen Blutzoll entrichtet hat. Beispielhaft erinnere ich hier nur an Erzbischof Duarte aus Cali in Kolumbien, der 2002 wegen seines Einsatzes gegen die Drogenkartelle ermordet wurde, aber auch an Erzbischof Oscar Romero von San Salvador, der während einer Eucharistiefeier am Altar erschossen wurde.
Angewachsen ist in den letzten Jahren vor allem die Bedrohung von Kirchen und Christen in manchen islamisch geprägten Ländern. Hier macht sich ein erstarkender religiöser Fundamentalismus bemerkbar, der aus dem Wahrheitsanspruch der eigenen Religion einen alleinigen und absoluten Geltungsanspruch in Gesellschaft und Staat ableitet. Islamische Fundamentalismen haben in einigen Ländern auf staatlicher Ebene großen Einfluss gewonnen, sodass Christen oftmals durch gesetzliche Diskriminierung zu Bürgern niederen Ranges abgestuft und an der Ausübung ihres Rechtes auf Religionsfreiheit gehindert werden. Ich verweise auf Länder wie Afghanistan während der Herrschaft des Taliban-Regimes, auf den Sudan oder den Iran, wo gemäß den Strafgesetzbüchern, die auf dem islamischen Recht, der Scharia, basieren, Muslimen, die zum Christentum konvertieren, die Todesstrafe droht. Nicht-muslimischen Bürgern wird die Ausübung ihrer Religion schwer, wenn nicht gar unmöglich gemacht. In Saudi-Arabien existiert überhaupt keine Religionsfreiheit. Die sunnitische Ausprägung des Islams ist Staatsreligion, andere Religionen dürfen öffentlich nicht praktiziert werden. Konversion zu einer anderen Religion wird mit der Todesstrafe geahndet.
II.
In diesem Zusammenhang steht auch das diesjährige Schwerpunktland unserer Initiative: Nigeria. Auch dort haben fundamentalistische Bewegungen im Islam deutlich an Boden gewonnen. Der Fall Nigeria macht aber auch deutlich, dass religiöse Auseinandersetzungen vielfach in ein breiteres Konfliktszenario eingebunden sind, das soziale, kulturelle und ethnische Wurzeln hat. Das religiöse Bekenntnis wird dann oftmals als Ausdruck der ethnisch-kulturellen Andersartigkeit einer Minderheit wahrgenommen und zieht so Aggressionen aus der Mehrheitsgesellschaft auf sich. Vor allem gilt dies, wenn die Mehrheit ihre sozialen Belange durch die Minorität gefährdet sieht oder deren Glauben als Hindernis für die weltanschauliche Einigung der Gesellschaft betrachtet.
In Nigeria haben in den zentralen nördlichen Landesteilen die Angehörigen der Stämme mit muslimischer Religionszugehörigkeit seit Jahrhunderten eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Vormachtstellung inne. Andersgläubige wurden und werden dort als "Fremde" betrachtet, denen der Landerwerb und der Bau von Kirchen und Schulen massiv erschwert wird. Diese für die Christen ohnehin kritische Lage verschärfte sich dann noch weiter durch die Einführung der Scharia in mittlerweile 12 Bundesstaaten Nigerias. Obwohl das Aufbegehren der christlichen Bevölkerungsteile gegen die Islamisierung des Staates friedlichen Charakter behielt, kam es zu Übergriffen muslimischer Extremisten. Mehrere tausend Tote und schwere Verwüstungen von kirchlichen Einrichtungen sind bisher die Folge.
Lassen Sie mich zur Verdeutlichung einige relevante Daten zu Nigeria erwähnen.
Demographisch gesehen handelt es sich um die bevölkerungsreichste und einwohnerstärkste Nation in Afrika. Das Land hat heute rund 130 Millionen Einwohner. Damit ist etwa jeder fünfte Afrikaner Nigerianer. Rund 50 Prozent der Bevölkerung sind Muslime, etwa 40 Prozent sind Christen (26% Protestanten, 12% Katholiken, 11% afrikanische Christen), die restlichen 10 Prozent gehören anderen Religionen an. Nigeria rühmt sich deshalb, "die größte islamisch-christliche Nation der Welt" zu sein.
Der Islam ist in Nigeria länger beheimatet als das Christentum. Bereits im 11. Jahrhundert hatte er sich im Norden des heutigen Nigeria fest etabliert. Das Christentum kam erst relativ spät in die Region. Im 16. und frühen 17. Jahrhunderts erlebte es unter portugiesischem Einfluss eine erste kurze Blüte, es konnte sich aber erst im 19. und 20. Jahrhundert wirklich durchsetzen. Im Verlauf von etwa 150 Jahren machte das Christentum in Nigeria erstaunliche Fortschritte und holte den Islam - der Zahl der Gläubigen nach - sogar ein. Diese Tatsache erklärt teilweise den heftigen Konkurrenzkampf, der heute oft die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen in diesem Land kennzeichnet.
Grundsätzlich ist festzustellen, dass Christen und Muslime in Nigeria im Alltag überwiegend friedlich zusammenleben. "Die Nigerianer sind im Allgemeinen leidenschaftlich in ihren Überzeugungen. Aber sie sind auch tolerant gegenüber religiösen Unterschieden", urteilt der Erzbischof von Abuja, John Onaiyekan, in einem 2001 erschienenen Aufsatz. Allerdings wird dieses Bild eines friedlichen Zusammenlebens in den letzten Jahren immer öfter durch den Ausbruch gewaltsamer und teils blutiger Auseinandersetzungen gestört.
Diese Konflikte sind nicht allein aus religiösen Gründen erwachsen. Eine wesentliche Ursache ist sicher in der Politik des Landes während der vergangenen Jahrzehnte zu suchen. Soziale Missstände haben die nigerianische Gesellschaft zunehmend instabil gemacht und eine Neigung zum Aufruhr geschürt. Korruption ist bis in die höchsten Stellen verbreitet. Die Kluft zwischen den Reichen und den Armen wird immer größer. Rivalität wegen des Zugangs zu begrenzten Ressourcen sowie Gefühle des Ausschlusses und der ungerechten Behandlung verursachen tiefe Unzufriedenheit. Es bedarf in einer solchen Situation dann nur noch eines kleinen Funkens, um eine gefährliche Explosion auszulösen.
Der auch in Nigeria massiv gewachsene Einfluss islamistisch-fundamentalistischer Kräfte verschärft dieses Krisenszenario in gefährlicher Weise, indem schlichte Erklärungsmuster und einfache Lösungen angeboten werden. Soziale Konflikte und das allgemeine Gefühl der Unzufriedenheit mit den Verhältnissen werden religiös aufgeladen. Die religiöse Vereinheitlichung der Gesellschaft bietet sich als scheinbarer Ausweg aus der Krise an, und die Angehörigen anderer Religionen werden so zum Gegner, wenn nicht zum Feind. Dabei darf nicht übersehen werden, dass Religion in Nigeria nicht selten für politische Ziele auch schlichtweg instrumentalisiert wird. Aber diese Verzweckung der Religion ist nur möglich, weil unter vielen einfachen Menschen die Bereitschaft gewachsen ist, den Islam als Allheilmittel gegen die vielfältigen Gebrechen der Gesellschaft zu verstehen.
Die Einführung der Scharia als Grundlage für das staatliche Recht ist der offenkundigste Ausdruck für das Bestreben, Gesellschaft und Staat religiös zu vereinheitlichen. In den vergangenen Jahren haben - wie schon erwähnt - 12 von 36 Bundesstaaten, vornehmlich im Norden des Landes, diesen Schritt getan, der nach Meinung der Christen und nicht weniger Muslime einen Verstoß gegen die Verfassung Nigerias bedeutet.
In jenen Staaten, in denen die Scharia gilt, haben Christen und andere Nichtmuslime heute vielfach Angst. Viele, die es sich leisten können, haben den Wohnsitz gewechselt und sind vom Norden in den Süden des Landes gewandert. Doch was geschieht mit denen, die zu arm sind, anderswo ein neues Leben zu beginnen?
Die Regierungen in den Scharia-Bundesstaaten Nigerias behaupten zwar immer wieder, dass Nichtmuslime nicht vom islamischen Recht betroffen seien. Aber es gibt viele Berichte von Schikanen durch sogenannte Scharia-Wächter, besonders in den ländlichen Gebieten. Und wie können Nichtmuslime ihre Rechte wahren, wenn sie ungesetzlich vor ein islamisches Gericht gebracht werden? Fundamentale Menschenrechte sind hier infrage gestellt.
Pater Eugene Uzukwu wird diese Probleme gleich noch näherhin verdeutlichen.
III.
Ich möchte abschließend noch einmal das Ziel benennen, das wir mit unserer Initiative "Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen" verfolgen: Wir wollen Öffentlichkeit herstellen, wir wollen Bewusstsein und Wahrnehmung verändern, und wir wollen schließlich einen Impuls für das Glaubensleben in unseren Gemeinden geben.
Ich stelle klar: Die Zuwendung zu allen Bedrängten und Gedemütigten, gleich welcher Religion, ist den Christen bleibende Verpflichtung. Aber als Kirche in einem Land, in dem Christen überall in gesicherter Freiheit leben, sind wir auch verpflichtet, den eigenen Glaubensbrüdern und -schwestern, die um des Glaubens willen bedrängt werden, zur Seite zu stehen. Wenn wir zu dieser Solidarität nicht fähig wären, würden wir den eigenen Glauben verraten und auch unsere allgemeine, universale Solidarität wäre schal.
Es gibt noch einen weiteren theologischen Grund für die Erinnerung an die verfolgten Christen: Sie können den hiesigen Gläubigen helfen, sich über die Dramatik des Christlichen belehren zu lassen. Denn von den um des Glaubens willen Verfolgten und Bedrängten können wir in besonderer Weise erfahren, was es heißt, als Christ zu leben, und auch, wer derjenige ist, dem Christen nachfolgen. Schließlich gelangen wir so in die Mitte des christlichen Glaubens, wie er sich in den Seligpreisungen bezeugt: "Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihnen gehört das Himmelreich" (Mt 5,10).

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