Pressemeldung
29.01.2004 - Nr. PRD 007b

Nigeria - Christenverfolgung - eine komplexe Situation

Statement von Elochukwu E. Uzukwu C.S.Sp., Milltown Institute of Theology and Philosophy (Dublin), beim Pressegespräch zur Initiative "Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen" der Deutschen Bischofskonferenz am 29. Januar 2004

Nigeria ist das Land mit dem höchsten islamisch - christlichen Bevölkerungsanteil in der Welt. Bei einer geschätzten Bevölkerung von über 120 Millionen, macht jede dieser beiden Religionen einen Anteil von insgesamt 45% aus. Anders ausgedrückt, etwa 90% der Nigerianer sind entweder Christen oder Muslime.
Nigeria ist das Land mit dem höchsten islamisch - christlichen Bevölkerungsanteil in der Welt. Bei einer geschätzten Bevölkerung von über 120 Millionen, macht jede dieser beiden Religionen einen Anteil von insgesamt 45% aus. Anders ausgedrückt, etwa 90% der Nigerianer sind entweder Christen oder Muslime.
Seit den frühen 80er Jahren erleben die Nigerianer fast jährlich religiös bedingte Aufstände, denen Christen zum Opfer fallen. Der schwerste Aufstand der letzten Zeit ereignete sich im Jahr 2000 in Kaduna, dem politischen Nervenzentrum in Nord-Nigeria. Die Gewaltausbrüche hielten fast eine Woche an, und Berichten zufolge wurden über tausend aus dem Bundesstaat Kaduna stammende Menschen oder Christen aus dem Süden getötet. Erinnerungen an die Konfrontation zwischen muslimischen und christlichen Studenten 1987 am Kafanchan Polytechnikum (Bundesstaat Kaduna) werden wach, bei der Kirchen in der Universitätsstadt Zaria und in anderen, angrenzenden Städten zerstört wurden. Ebenfalls unvergessen ist die blutige Revolte der Schiiten von 1996, angeführt von dem im Iran ausgebildeten ehemaligen Studenten der Ahmadu Bello Universität in Zaria - Sheikh El-Zackay.
Christen aus dem Norden und Süden verlieren durch diese immer wieder aufflackernde Gewalt und Verfolgung ihr Leben und ihren Besitz. Der 1924 von Bischof Joseph Shanahan gegründete Orden der Rosenkranzschwestern besaß in Kaduna eine blühende Ausbildungsstätte. Das Gebäude wurde während des Aufstandes 2000 dem Erdboden gleichgemacht. Die Schwestern hatten Glück und kamen mit dem Leben davon. Sie haben sich nun in Kamerun niedergelassen, wo sie für den Bau eines neuen Gebäudes kämpfen. Das von Father Peter Tanko geleitete Zentrum für Frieden und Gerechtigkeit des Justitia et Pax Büros der Diözese Kaduna wurde 2001 völlig zerstört. Er hat Glück, dass er noch lebt. Jeder in Kaduna (vor allem Christen) hat eine ähnliche Geschichte.
Kaduna ist die ehemalige Hauptstadt des Nordens (wie Lagos die Hauptstadt des Westens und Enugu die Hauptstadt des Ostens war). Heute ist es die Hauptstadt des Bundesstaates Kaduna - der nördliche Teil ist überwiegend muslimisch (besiedelt von den regierenden Hausa und Fulani), während der südliche Teil, in dem die Universitätsstadt Zaria liegt, überwiegend christlich ist (besiedelt von zahlreichen ethnischen Minderheiten, die trotz besserer Bildung von der regierenden Schicht als Menschen zweiter Klasse behandelt werden). Kein Wunder, dass die Einheimischen aus dem südlichen Kaduna, überwiegend Christen, nach der Errichtung eines Bundesstaates Südkaduna oder Zaria rufen.
Christliche und muslimische Jugendliche sind tief in die Krise verstrickt. Die Jugend ist in der Tat Anführer aller Gewalt in Nigeria. In Kaduna leben muslimische und christliche Jugendliche, die bereit sind, sich gegenseitig herauszufordern. Die 1954 an der Ahmadu Bello Universität von Zaria als Gebetsgruppe gegründete Moslem Students Society (MSS) wurde in den späten 70er Jahren während der Verfassung gebenden Versammlung von 1978-1979, die Nigeria wieder eine Zivilregierung gab, zunehmend radikaler. Der damalige Slogan der MSS lautete: "Keine Sharia, Kein Nigeria". Sie finanziert die Gewalt und fordert die Gründung eines islamischen Staates. Sheikh El-Zackay, der zu den MSS-Führern zählt, wurde im Iran ausgebildet. Vor seiner Verhaftung im Jahr 1996 hatte er bei jedem religiösen Aufstand seine Hand im Spiel. Die christliche Studentenvereinigung Fellowship of Christian Students (FCS) mit ihrer fundamentalistischen Lehre von der "Wiedergeburt" gibt sich ebenso intolerant, ist jedoch nicht so gewaltbereit wie die MSS. Der Zusammenstoß zwischen der MSS und der FCS am Politechnikum von Kafanchan im Jahr 1987 ist uns noch deutlich in Erinnerung.
Das unbeständige Verhältnis zwischen den Religionen wird durch die nicht verfassungskonforme Einführung des Sharia-Rechts in einigen Bundesstaaten weiter verkompliziert. Mit der Sharia wird die Verfolgung von Nichtmuslimen praktisch legalisiert. Für Christen ist es schwierig, wenn nicht gar unmöglich, in einem Bundesstaat, in dem die Sharia in Kraft ist, die Genehmigung für den Bau einer Kirche zu erhalten. Frauen und nichtmuslimische Gewerbetreibende werden durch die Sharia diskriminiert. Diskriminierende Gesetze gab es schon seit der Kolonialzeit. So entstand z. B. das Migrantenstadtviertel Sabon Gari in Kano und ähnliche Viertel in anderen Bundesstaaten. Die Zuwanderer, größtenteils Christen aus dem Süden, sind bei ethnischen und religiösen Konflikten ein leichtes Ziel. So war es nicht schwer, den Völkermord an den Igbo im Jahr 1966, bei dem über 100.000 Menschen ums Leben kamen, zu planen und auszuführen.
Die Politisierung der Religion ist in Nigeria ein gewohntes Phänomen, seit das Land von den Briten unter indirekte Herrschaft gestellt wurde und damit die muslimischen Hausa und Fulani zur herrschenden Klasse wurden, die die zahlreichen nichtmuslimischen ethnischen Minderheiten im Norden für sich vereinnahmten und versklavten. Doch erst als das Sharia Berufungsgericht 1997 widerrechtlich im Gesetz verankert wurde und seit der Einführung der Sharia in einigen Bundesstaaten ab 1999, wurde die Verfolgung in den betreffenden Staaten legalisiert. Angesichts eines äußerst schwachen Präsidenten, unvorstellbarer Korruption, Armut und Arbeitslosigkeit blicken nicht nur die Christen des Nordens, sondern alle Nigerianer in eine gefahrvolle Zukunft.
Die Popularität der MSS und der Sharia ist mit der der Jugendbewegungen und weitverbreiteten ethnischen Milizen im Süden Nigerias vergleichbar, die von den Jugendbewegungen der Yoruba, Igbo, Ogoni, Ijaw oder Itsekiri organisiert werden. Doch die Jugendlichen im Norden Nigerias betrachten den Islam als die moralische Grundlage für Reformen. Sie sind ein radikalisiertes, gewaltbereites, intolerantes, nützliches Instrument der Christenverfolgung in den Händen der Politiker. Zahlreiche muslimische Jugendliche aus dem tertiären Bildungssektor beteiligen sich an der Taliban-Bewegung, die für die Gründung eines islamischen Staates im Nordosten des Landes eintritt.
Die Armut hat einen großen Anteil an der Popularität der Sharia. Die Armen und die Jugendlichen sehen in der Sharia die Antwort auf Korruption, Armut, Arbeitslosigkeit und Ungleichheit. Politische Macht geht besonders seit dem Öl-Boom von 1970 mit wirtschaftlicher Macht einher. Nach der mehr als 28 Jahre währenden Militärdiktatur griffen die Politiker des Nordens zur Religion als zusätzliches Druckmittel, um das von Armut gebeutelte gemeine Volk unter sicherer Kontrolle zu halten. Religion, Wirtschaft und Politik sind eng miteinander verwoben. Nur einer Regierung, die mutig genug ist, gegen die Korruption anzukämpfen, den arbeitslosen Jugendlichen Beschäftigung zu geben, den Wohlstand zu verteilen und für eine gerechte Beteiligung aller ethnischen Gruppen am politischen System zu sorgen, wird es gelingen, religiöse Gewalt in angemessener Weise zu bekämpfen.
Mit der Gründung des Interreligiösen Rates Nigerias am 29. September 1999 als Ergebnis der Verhandlungen zwischen der Christian Association of Nigeria und der islamischen Vereinigung Jama'atu Nasril Islam wuchs die Hoffnung, dass die Ältesten beider Religionen auf einen beiderseitigen Gewaltverzicht hinwirken würden. Doch davon ist die Realität noch weit entfernt.
Das Bulletin of Ecumenical Theology, das 1986 von der Ökumenischen Vereinigung Nigerianischer Theologen gegründet wurde, veröffentlicht regelmäßig Beiträge zu den Themengebieten interreligiöser Dialog und Menschenrechte. Doch wie die katholische Bischofskonferenz Nigerias immer wieder betont, bleiben Gewalt und Verfolgung weiter bestehen, bis die Probleme der Armut, Ungerechtigkeit und Korruption an der Wurzel bekämpft werden.

Alle Rechte vorbehalten © 2018 Deutsche Bischofskonferenz

Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz | DBK.de | pressestelle(at)dbk.de | Kaiserstrasse 161 | 53113 Bonn | Telefon: 0228 103-214 | Fax: 0228 103-254