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05.08.2015 - Nr. 021

Syrisch-katholischer Erzbischof Melki zur Lage in seiner Heimat

Interview von Benjamin Lassiwe (KNA)

Der emeritierte Erzbischof syrisch-katholischen Kirche, Flavien Joseph Melki (83), besucht zurzeit Deutschland. Während einer Pastoralreise durch die Erzbistümer Berlin und Hamburg hat er mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) über die prekäre Lage der Christen in seiner Heimat gesprochen.

KNA: Erzbischof Melki, wie geht es den Christen im Orient heute?


Melki: Es ist sehr traurig: Im Irak hatten wir mehr als eine Million Christen. Wir waren im Irak und Syrien die ältesten christlichen Kirchen überhaupt. Seit 2.000 Jahren gab es uns. Aber heute wird das Christentum vom Islam bedroht, vor allem seit der US-Invasion im Irak.

KNA: Hatten es die Christen unter Saddam Hussein und Baschar al-Assad besser?

Melki: Saddam Hussein war ein Diktator, das ist klar. Und wir wissen, dass Präsident Assad ein Diktator ist – wie die meisten Regierungen in den arabischen Ländern Diktatoren haben. Aber heute weinen auch Muslime um Saddam. Sie wünschen seine Rückkehr. Seit die USA in den Irak einmarschiert sind, um eine Demokratie zu installieren, geht es für die Christen bergab. Heute zerfällt der Staat: Kurden im Norden, Schiiten im Süden, Sunniten in der Mitte. Und die Christen sind wie eine Herde Schafe unter den Wölfen. Was haben sie getan, dass es ihnen so ergeht?

KNA: Hat das Christentum im Nahen Osten aus Ihrer Sicht noch Zukunft?

Melki: Ob das Christentum noch eine Zukunft hat, hängt davon ab, wie es mit dem IS weitergeht. Solange der IS bleibt, solange werden die Christen verschwinden. Der IS hat keinen Platz für Nicht-Muslime in ihrem Machtgebiet, etwa für Christen. Daher ist die dringendste Frage: Wie können die Christen in der Welt den Flüchtlingen in der Region helfen? Allein im Irak haben 130.000 Menschen alles hinter sich gelassen: ihre Häuser, Kirchen, Schulen und Klöster. Alles ist eine Beute des IS geworden. Das sind Banditen, die die Menschen vertreiben; das sind wilde Tiere.

KNA: Was sollte Deutschland unternehmen?

Melki: Deutschland kann humanitäre Hilfe leisten - das ist das, was wir wollen. In einen Krieg einzutreten ist keine Lösung. Aber wir brauchen dringend humanitäre Hilfe. Die Menschen, die im Nahen Osten auf der Flucht sind, müssen unterstützt werden. Ihr Leid muss gelindert werden. Ihre Kinder brauchen eine Chance zum Schulbesuch. Sonst wachsen diese Kinder ohne Erziehung und Bildung auf. Deutschland sollte daher die christlichen Einrichtungen im Nahen Osten unterstützen.

KNA: Soll Deutschland mehr christliche Flüchtlinge aufnehmen?

Melki: Wir Verantwortlichen für die Kirche im Nahen Osten wünschen uns, dass die Kirche dort am Leben bleibt. Denn diese Kirche hat eine Vision. Auch für die Muslime dort. Wenn nicht von uns, von wem sollen sie dann von einer Religion des Friedens lernen? Daher hoffen wir, dass sich Wege finden lassen, dass die Christen im Nahen Osten bleiben können. Wir bedauern, dass die Christen nach Europa fliehen und wir unsere Berufung nicht erfüllen können. Wir beten, dass sie bleiben und zurückkehren.


Quelle: © 2015 Katholische Nachrichten-Agentur GmbH (KNA). Alle Rechte vorbehalten.

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