Heiligsprechung von Mutter Teresa

Am 26. August 1910 kam im heutigen Skopje, Mazedonien, das Mädchen Anjezë Gonxha Bojaxhiu zur Welt. Früh entschied sich die Tochter einer albanischen Kaufmannsfamilie für ein Leben in der Nachfolge Christi, trat im Alter von 18 Jahren den irischen Loretoschwestern bei. Es folgte das, was man als „Karriere auf katholisch“ bezeichnen mag. Am 4. September 2016 hat Papst Franziskus die Missionarin und Ordensgründerin Mutter Teresa von Kalkutta heiliggesprochen und sie damit der Weltkirche zur Verehrung und als Vorbild empfohlen. Vor mehr als 100.000 Gläubigen verlas er auf dem Petersplatz die Kanonisationsformel und feierte im Anschluss die Heilige Messe.


Missionarin der Nächstenliebe

Portrait der Mutter Teresa.
© KNA

„Es genügt nicht zu sagen: Ich liebe.“, hat Mutter Teresa einmal gesagt, „Liebe muss lebendige Tat werden.“ Es scheint, dieser Leitsatz wurde das Fundament für ihr Lebenswerk. Kurz nach ihrem Ordenseintritt sandte ihr Mutterhaus die junge Novizin aus dem irischen Rathfarnham nach Bengalen, wo sie viele Jahre als Lehrerin arbeitete und später zur Direktorin aufstieg. Doch nach einem Berufungserlebnis entschied sie, ihr Leben ganz der Armenfürsorge zu widmen: Sie verließ ihr Kloster, um sich künftig der Pflege von Waisen und Obdachlosen, Sterbenden, Kranken und Bedürftigen in den Elendsvierteln von Kalkutta hinzugeben. Als sich bald darauf ein Kreis ihrer Schülerinnen der Mission anschloss, gründete sie ihre eigene Ordensgemeinschaft, die „Missionarinnen der Nächstenliebe“.

Mutter Teresas Engagement wurde vielfach gewürdigt, 1979 sogar mit dem Friedensnobelpreis. Als sie am 5. September 1997 im Alter von 87 Jahren starb, löste die Nachricht ihres Todes eine Welle tiefer Anteilnahme in der Weltöffentlichkeit aus. Doch mit der Vollendung ihres Lebens eröffnete sich auch der Weg hin zu den höchsten Ehrengraden, welche ein katholischer Werdegang kennt: die durch die Kirche verkündete Überzeugung, dass sich ein Verstorbener nach seinem Tod in der Gegenwart Gottes befindet.

Heiligsprechung von Mutter Teresa am 4. September 2016 auf dem Petersplatz in Rom. Tappesserie mit einer Darstellung der Ordensgründerin an der Fassade des Petersdomes. © KNA

Papst Johannes Paul II. setzte die qua Kirchenrecht mit dem Tod anbrechende Fünf-Jahres-Frist zur Eröffnung eines Seligsprechungsprozesses aus und leitete bereits im Jahre 1999 ein entsprechendes Verfahren ein, das eines der kürzesten seiner Art werden sollte. Nachdem er 2002 die Heilung von einem Krebsleiden als ein auf ihre Fürsprache hin gewirktes Wunder anerkannte, ging Mutter Teresa am 19. Oktober 2003 daraus als Selige der römisch-katholischen Kirche hervor. Papst Franziskus bestätigte im vergangenen Jahr ein zweites Heilungswunder, das der Missionarin zugeschriebenen wird. Nun wurde die der Boulevardpresse bereits seit Längerem als „Heilige der Gosse“ geltende Ordensschwester also im Jahr der Barmherzigkeit zur Ehre der Altäre erhoben.

Eine Theologie der Barmherzigkeit

Die Worte, die der sterbende Jesus laut Überlieferung des Johannesevangeliums am Kreuz sprach, sind dieselben, die auch Mutter Teresa vernahm, als sie bei ihrem mystischen Berufungserlebnis Christus zu sich sprechen hörte: „Mich dürstet.“ (Joh 19,28) Immer wieder haben Theologen herausgestellt, dass Jesus nicht körperlichen Durst beklagte, sondern vielmehr, verlassen am Kreuz, der allzu menschlichen Sehnsucht nach Liebe Ausdruck verlieh. In ebensolcher Weise verstand auch die albanische Missionarin jene an sie gerichteten Berufungsworte: „Es gibt viele Menschen auf der Welt, die nach einem Stück Brot hungern, aber noch mehr, die nach ein bisschen Liebe verlangen.“ Den seelischen Hunger und Durst der Menschen zu stillen, an dem der selbst Mensch gewordene Gottessohn mitleidend Anteil nimmt, machte sich Mutter Teresa zur Lebensaufgabe. Kritik an der entwicklungspolitischen Planlosigkeit ihrer Mission wies sie daher konsequent zurück: Entwicklungshilfe sei nicht ihre Aufgabe; das Problem liege tiefer, als dass es durch flächendeckende Hilfsprogramme allein gelöst werden könne. „Wenn wir darauf aus sein wollten, große Zahlen zu erreichen, würden wir uns in Zahlen verlieren, statt dem einzelnen Menschen mit Liebe und Achtung zu begegnen.“

Mutter Teresa an ihrer Wirkungsstätte in Kalkutta. © KNA

Die Friedensnobelpreisträgerin aus den Slums von Kalkutta hat zweierlei auf ihre ganz eigene Weise gezeigt. Zum einen, dass es jenseits von notwendigen humanitären und entwicklungspolitischen Maßnahmen auch eine Form der Zuwendung braucht, welche die seelischen Leiden mildert; die größte Armut sah sie darin, sich ungeliebt und ungewollt zu fühlen. Mutter Teresas Blick richtete sich auf die Würde jedes Einzelnen als Ebenbild Gottes. Deshalb wandte sie sich entschieden gegen jede Form der Entmenschlichung, von der angstgetriebenen Ausgrenzung Leprakranker bis zur Tötung ungeborener Kinder.

Zum anderen hat sie vorgelebt, dass man das Leid der Welt nicht vom heimischen Sofa aus bekämpfen kann, dass Bedürftigkeit immer auch persönliche Einbindung und Hingabe herausfordert. Solche Fürsorge, bei der man dem Mitmenschen auf Augenhöhe begegnet und sich nach dem Vorbild Jesu freiwillig aus der eigenen Komfortzone heraus in das Schicksal des anderen hineinnehmen lässt, nennt die christliche Theologie Barmherzigkeit. Die Heilige von Kalkutta hat diesem oft missverstandenen Begriff eine konkrete Gestalt verliehen, und es spricht für sich, dass Papst Franziskus, der ihn zum Leitmotiv seines Pontifikats gewählt hat, Mutter Teresa gerade in dem von ihm ausgerufenen Heiligen Jahr der Barmherzigkeit heiliggesprochen hat.

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ (Mt 4,4), entgegnete derselbe Jesus, der die Barmherzigen seligpries, als ihn der Teufel aufforderte, Steine in Brot zu verwandeln, um seine Göttlichkeit zu beweisen. Nach christlicher Überzeugung brachte dieser Jesus der Menschheit die Erlösung – nicht indem er den Welthunger stillte, sondern durch seine voraussetzungsfreie und aufopferungsvolle Liebe.

 

Literaturempfehlungen      

  • Bader, Wolfgang (Hrsg.): Wie ein Tropfen im Ozean. Hundert Worte von Mutter Teresa. München, Neuauflage 2011: Verl. Neue Stadt. ISBN: 978-3-87996-920-3.

  • Maasburg, Leo: Mutter Teresa. Die wunderbaren Geschichten. München 2016: Knaur. ISBN: 978-3-42678-831-8.

  • Mutter Teresa/Kolodiejchuk, Brian (Hrsg): Komm, sei mein Licht. Die geheimen Aufzeichnungen der Heiligen von Kalkutta. München 2007: Pattloch. ISBN: 978-3- 62902-197-7.

  • Sammer, Marianne: Mutter Teresa. Leben, Werk, Spiritualität. München 2006: C.H.Beck. ISBN: 978-3-40653-605-2.

Alle Rechte vorbehalten © 2017 Deutsche Bischofskonferenz

Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz | DBK.de | pressestelle(at)dbk.de | Kaiserstrasse 161 | 53113 Bonn | Telefon: 0228 103-214 | Fax: 0228 103-254