Schwerpunkt 2005: Lateinamerika

Der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, am 12. April 2005 zur Initiative der Deutschen Bischofskonferenz "Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen".

Die Deutsche Bischofskonferenz hat vor zwei Jahren eine neue Initiative "Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen" ins Leben gerufen. Sie will damit die Aufmerksamkeit von Kirchengemeinden und Öffentlichkeit stärker auf die Situation jener Christen lenken, deren Menschenrechte eingeschränkt und missachtet werden. Zu diesem Zweck wird jährlich eine Broschüre veröffentlicht, die in allen Kirchengemeinden zugänglich gemacht werden soll. Sie widmet sich jeweils einer Schwerpunktregion. In diesem Jahr befassen wir uns mit der Situation in verschiedenen Ländern Lateinamerikas.

I.

Lassen Sie mich in aller Kürze einige grundsätzliche Bemerkungen zum Thema "Christenverfolgung" machen. Mit diesem Wort verbinden sich bei vielen ja eher Erinnerungen an die Geschichte: an die Steinigung des Stephanus, über die die Apostelgeschichte berichtet, an die Verfolgung unter römischen Kaisern, bevor das Christentum zur offiziell anerkannten Religion des Imperiums wurde; dann aber auch an das 20. Jahrhundert, in dem eine große Zahl von Christen unter Nationalsozialisten und Kommunisten Unrecht und nicht selten sogar den Tod erdulden musste. Wer sich aktuelle Meldungen aus der letzten Zeit vor Augen hält, kommt jedoch nicht um die Feststellung herum, dass es auch in unseren Tagen an vielen Orten gefährlich ist und mit einem hohen Preis verbunden sein kann, sich zum Christentum und seinen Werten zu bekennen und als Christ zu leben. Diese Aktualität von Christenverfolgung wird oft übersehen, manchmal auch verdrängt.

Nach wie vor gibt es eine Reihe spätkommunistischer Staaten, in denen der christliche Glaube – wie auch andere Religionen – als Form eines falschen oder überholten Bewusstseins angesehen wird und als Hindernis für eine wirkliche Befreiung gilt. Gläubige werden dort gesellschaftlich diskriminiert, oft in ihren bürgerlichen Rechten beschnitten, manchmal sogar offen verfolgt. Die Kirche, die sich dem totalitären Staats- und Gesellschaftsverständnis widersetzt, wird in ihrer Freiheit so weit wie möglich eingeschränkt. Ich denke an die nach wie vor bedrückende Situation in der Volksrepublik China, in Nord-Korea oder Vietnam, das wir im ersten Jahr der Initiative "Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen" zum Informationsschwerpunkt gemacht hatten.

Angewachsen ist in den letzten Jahren vor allem die Bedrohung von Kirchen und Christen in manchen islamisch geprägten Ländern. Hier macht sich ein erstarkender religiöser Fundamentalismus bemerkbar, der aus dem Wahrheitsanspruch der eigenen Religion einen alleinigen und absoluten Geltungsanspruch in Gesellschaft und Staat ableitet. Islamische Fundamentalismen haben in einigen Ländern auf staatlicher Ebene großen Einfluss gewonnen, sodass Christen oftmals durch gesetzliche Diskriminierung zu Bürgern niederen Ranges abgestuft und an der Ausübung ihres Rechtes auf Religionsfreiheit gehindert werden. Ich verweise auf Länder wie den Sudan oder den Iran, wo gemäß den Strafgesetzbüchern, die auf dem islamischen Recht, der Scharia, basieren, Muslimen, die zum Christentum konvertieren, sogar die Todesstrafe droht. Nicht-muslimischen Bürgern wird die Ausübung ihrer Religion sehr schwer, wenn nicht gar unmöglich gemacht. Ähnlich Besorgnis erregend ist die Situation der Christen in einigen nördlichen Bundesstaaten Nigerias, wo vor wenigen Jahren die Scharia eingeführt wurde. Aus diesem Grunde war Nigeria das Schwerpunktland der letztjährigen Initiative. In Saudi-Arabien existiert überhaupt keine Religionsfreiheit. Die sunnitische Ausprägung des Islams ist Staatsreligion, andere Religionen dürfen öffentlich nicht praktiziert werden.

Bei einer Bestandsaufnahme dürfen auch jene Länder nicht übersehen werden, in denen das religiöse Bekenntnis zwar grundsätzlich geachtet wird, Christen jedoch, die sich mutig für die Menschenrechte einsetzen und mit der "Option für die Armen" Ernst machen, an Leib und Leben bedroht werden. Manchmal geht diese Gewalt von Regierungen aus, öfter aber von privaten Gruppen, die den Verlust ihrer Privilegien fürchten. Diese Art von Christen- und Kirchenverfolgung ist vor allem aus Lateinamerika bekannt, wo die Kirche sich in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils konsequent aus den Verstrickungen mit der Macht gelöst hat und dafür unter Bischöfen und Priestern, genauso aber auch unter engagierten Laien einen hohen Blutzoll entrichtet hat.

II.

In diesem Zusammenhang steht auch der diesjährige Schwerpunkt unserer Initiative: Lateinamerika. Zunächst wird man vielleicht fragen: Gibt es denn Christenverfolgung in Lateinamerika? Gibt es in Lateinamerika oder in der Karibik ein Land, in dem Christen wegen ihres Glaubens bedrängt oder verfolgt werden? Schließlich ist in fast allen Ländern dieses Kontinents die Religionsfreiheit gesetzlich verankert. Zudem ist der lateinamerikanische Kontinent der am stärksten katholische weltweit: rund 88 % der Bevölkerung Südamerikas bekennen sich zur römisch-katholischen Kirche. In den meisten Ländern Lateinamerikas stellen die katholisch Getauften damit die Mehrheit der Bevölkerung. In vielen dieser Länder hat die Kirche Einfluss auf die öffentliche Meinung und das gesellschaftliche Leben. Ihre sozialpastorale Arbeit wird von den Regierenden nicht nur toleriert, sondern auch geschätzt, wenn nicht unterstützt. Allerdings darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch in Lateinamerika und in der Karibik Christen gibt, die wegen ihres gesellschaftlichen Eintretens für Frieden und Gerechtigkeit von mächtigen Interessengruppen bedrängt und in ihrer Arbeit behindert werden. Viele mussten sogar für dieses Engagement, das seine Kraft und seinen Mut aus dem Glauben bezieht, mit dem Leben zahlen.

Der Einsatz für die Unterdrückten, für Wahrheit und Gerechtigkeit und damit für christliche Werte ist es, der in vielen Ländern Lateinamerikas zum Martyrium führen kann. Zahlreiche Christen treten friedlich für eine Veränderung der gesellschaftlichen und sozialen Situation ein, gegen Korruption etwa, gegen ungerechte Landverteilung und Ausbeutung der Armen und für die Einhaltung der Menschenrechte. Damit aber sind sie in den Augen vieler Mächtiger in Militär, Politik und Wirtschaft nichts anderes als Kommunisten und Guerilleros, die es zu bekämpfen gilt.

Jüngstes weltweit bekanntes Opfer dieser Gewalt ist die 73-jährige Ordenschwester Dorothy Stang, die in Brasilien wegen ihres Einsatzes für die Rechte der Landlosen und Ureinwohner im Februar 2005 ermordet worden ist. Nach ihrer Ermordung legte die Katholische Kirche Brasiliens eine Liste von 160 Personen vor, die ebenfalls Morddrohungen erhalten haben. Auf Druck der brasilianischen Menschenrechtsbewegung und des nationalen Anwaltsverbandes erhielt der Rechtsanwalt und Dominikaner Henri de Roziers daraufhin Polizeischutz. Der 74-jährige arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten in der kirchlichen Landpastoral des Amazonas-Staates Para, in dem auch Schwester Dorothy tätig war, und erhielt ebenso wie die ermordete Ordensschwester immer wieder Morddrohungen. Der erwähnten Todesliste zufolge beträgt das Kopfgeld für Roziers rund 30.000 EURO, etwa doppelt soviel wie für Schwester Stang.

Auch in anderen Ländern wie Kolumbien oder Guatemala werden gesellschaftlich engagierte Christinnen und Christen tagtäglich bedroht. Allein in Kolumbien sind seit 1983 rund fünfzig Bischöfe, Priester und Missionare ermordet worden. Erst 2002 wurde dort der Erzbischof von Cali, Isaias Duarte, während eines Pastoralbesuchs erschossen. Noch kurz vor seiner Ermordung hatte Erzbischof Duarte, der sich seit Jahren mutig für Frieden und Menschenrechte einsetzte, mit Blick auf die anstehenden Parlamentswahlen öffentlich erklärt, dass einige Kandidaten ihren Wahlkampf mit Hilfe der Drogen-Mafia finanziert hätten. Seine Ermordung wurde bis heute nicht aufgeklärt.

Unvermeidlich drängt sich einem hier die Erinnerung an Erzbischof Oscar Romero ins Gedächtnis, der vor 25 Jahren erschossen wurde, weil er zum Anwalt der Armen und Schwachen in seinem Land geworden war und Gerechtigkeit forderte. Auch sein Mord ist bis heute nicht aufgeklärt.

Es freut mich daher besonders, dass wir mit Bischof Emil Stehle einen Vertrauten und Wegbegleiter Oscar Romeros bei uns haben. Bischof Stehle, der bis zum Jahre 2002 Bischof in Ecuador war, kennt die Situation der Kirche in Lateinamerika aus eigener Anschauung. Er wird gleich insbesondere zur Person Oscar Romero sprechen.

Als weiterer Experte steht Ihnen beim anschließenden Gespräch auch Herr Dr. Gerhard Bauer zur Beantwortung ihrer Fragen zur Verfügung. Herr Dr. Bauer ist langjähriger Mittelamerika-Referent bei Adveniat und hat an der Erstellung der diesjährigen Broschüre mitgewirkt.

In der diesjährigen Arbeitshilfe stellen wir Ihnen Menschen aus verschiedenen Ländern Südamerikas vor, die wegen ihres christlich motivierten Einsatzes bedrängt, bedroht oder in ihrer Arbeit behindert werden: Katholiken in Kolumbien, auf Kuba, in El Salvador und in Guatemala. Mit dieser Broschüre erinnern wir zudem an drei Persönlichkeiten, die wegen ihres mutigen Engagements für Gerechtigkeit und Frieden sterben mussten: die bereits erwähnten Erzbischöfe Oscar Romero aus El Salvador und Isaias Duarte Cancino aus Kolumbien sowie Bischof Juan Gerardi Conedera aus Guatemala. Sie und viele andere mutige Christen, die – ohne sich einschüchtern zu lassen – unbeirrt für eine gerechtere und friedlichere Gesellschaft kämpften und dafür umgebracht wurden, verdienen unsere Bewunderung und unser Gebet. Diese Arbeitshilfe ist Ausdruck der Solidarität mit ihnen.

III.

Ich möchte abschließend noch einmal das Ziel benennen, das wir mit unserer Initiative "Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen" verfolgen: Wir wollen Öffentlichkeit herstellen, wir wollen Bewusstsein und Wahrnehmung verändern, und wir wollen schließlich einen Impuls für das Glaubensleben in unseren Gemeinden geben.

Ich stelle klar: Die Zuwendung zu allen Bedrängten und Gedemütigten, gleich welcher Religion, ist den Christen bleibende Verpflichtung. Aber als Kirche in einem Land, in dem Christen überall in gesicherter Freiheit leben, sind wir auch verpflichtet, den eigenen Glaubensbrüdern und -schwestern, die um des Glaubens willen bedrängt werden, zur Seite zu stehen. Wenn wir zu dieser Solidarität nicht fähig wären, würden wir den eigenen Glauben verraten und auch unsere allgemeine, universale Solidarität wäre schal.

Es gibt noch einen weiteren theologischen Grund für die Erinnerung an die verfolgten Christen: Sie können den hiesigen Gläubigen helfen, sich über die Dramatik des Christlichen belehren zu lassen. Denn von den um des Glaubens willen Verfolgten und Bedrängten können wir in besonderer Weise erfahren, was es heißt, als Christ zu leben, und auch, wer derjenige ist, dem Christen nachfolgen. Schließlich gelangen wir so in die Mitte des christlichen Glaubens, wie er sich in den Seligpreisungen bezeugt: "Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihnen gehört das Himmelreich" (Mt 5,10).

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