Schwerpunkt 2005: Lateinamerika

Bischof em. Dr. h.c. Emilio L. Stehle zur Initiative der Deutschen Bischofskonferenz "Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen.

Eben, am 24. März jährte sich zum 25. Mal der Todestag von Oscar Arnulfo Romero y Galdámez, so sein voller Name, geboren 1917 in der salvadorianischen Kleinstadt Ciudad Barrios, zum Priester geweiht 1942 in Rom, dann in seiner Heimat Pfarrer, Seminarregens, Generalvikar, Weihbischof, 1977 Erzbischof von San Salvador und Metropolit von El Salvador, Hauptstadt und Staat, die seit der spanischen Kolonialherrschaft den Namen des Göttlichen Erlösers, Salvador, tragen.

Als ich – durch einen Geheimdienst über einen Attentatsplan informiert – am 30. November 1979 in einer Nacht- und Nebelaktion Romero in San Salvador aufsuchte, hat er es mir zunächst nicht leicht gemacht. – Ich musste seinen Generalvikar Urioste hinzuziehen. – Morddrohungen hatte er schon des Öfteren erhalten. – Doch als es dann konkret wurde, und es galt, die im Palmstrauch neben dem Altar seiner Sonntagsmesse vermutete Bombe zu deaktivieren, merkte ich, dass auch er das Leben liebte und trotz gelegentlicher Todesworte nicht an seine Eliminierung glaubte. – Er verwies aber auf den Widerspruch, in dem er sich befindet. – Er sagte: "Wie kann ein Hirte fliehen, wenn der Wolf die Schafe reißt! Wie kann ein Bischof schweigen, wenn er mit seinem Wort das Leben vieler retten und das genommene Leben anderer beweinen kann!"

1841 hatte El Salvador die Unabhängigkeit erlangt. – In der Folge erlaubten Gesetze die Landnahme großen Stils durch die Vermögenden. – Lange Zeit gehörten nahezu 90 % des fruchtbaren Bodens den legendären 14 weißen Familien. – Das Gros der Bevölkerung, Indios und Mestizen, Nachkommen der Mayas, wurden in Proletariate und Slums abgedrängt. 1932 kommt es in dem fünf Millionen großen, auf 20.000 km 2 zusammengedrängten Volk zu einem kommunistisch orientierten Aufstand, in dessen Verlauf alle 30.000 Bauern auf ihrem Marsch zur Hauptstadt von Heereseinheiten erbarmungslos niedergemacht werden.

Noch immer stagniert die Entwicklung, doch Ende der 60er, Beginn der 70er Jahre kommt den Salvadorianern eine dritte Kraft von einer Seite zu, von der man es am wenigsten erwartet hätte: der der Kirche. Pacem in Terris von Johannes XXIII, das Zweite Vatikanische Konzil, Populorum Progressio von Paul VI und 1968 die lateinamerikanische Bischofskonferenz im kolumbianischen Medellin, rütteln an der Kirche der Neuen Welt und machen sie zu einer soziopolitischen Stoßkraft. In El Salvador ist es Erzbischof Luis Chavez y Gonzalez, der unmittelbare Vorgänger von Oscar Romero, der eigentliche Sozialreformer, von dem Romero sich inspirierte. Es gilt jetzt Ewiges Heil und Irdisches Wohl. Gefordert werden Freiheit, Gerechtigkeit, Beteiligung. Fortschritt für alle! Die Bischöfe kritisieren Ausbeutung, Klassengesellschaft, Oligarchie, Diktatur. Sie nennen die bestehende institutiona1isierte Gewalt Sünde und wenden sich sowohl gegen einen marxistischen Kollektivismus als auch gegen die Doktrin der Nationalen Sicherheit. Die Bischöfe wirken in Basisgemeinschaften, in der Option für die Armen, in einer konstruktiven Theologie der Befreiung.

Vor diesem Hintergrund ist der späte Romero zu sehen.

Seit seiner frühen Jugend von einer verbleibenden Krankheit belastet, ist er in seinem Naturell scheu, trocken und wenig freundlich, kein Kämpfer, kein Gesellschafter, eher ein Bücherwurm! Aber schon bei der Feier seines Amtsantrittes setzt er ein Zeichen: er lässt die Regierung des eben ungerecht, nur durch Wahlmanipulation an die Macht gekommenen Generals Molina frank und frei außen vor. Weitere Ungerechtigkeiten der Regierung kurz danach, politische Morde und die blutige Unterdrückung der Opposition auf der Plaza de la Libertad mit 30 Toten führten Romero rasch zu einem prononciert kritischen sozia1politischen Handeln. Dies verschafft ihm zwar weltweite Anerkennung, verschont ihn aber örtlich nicht von fortwährend wachsenden Konflikten mit den Machthabern, der Gesellschaft und den Militärs, bitteren Differenzen mit seinen bischöflichen Mitbrüdern und krassen Anschuldigungen in Rom! Seine Absetzung verlangen die einen, einen Apostolischen Administrator sede plena verlangen die anderen! Der Papst lehnt beides ab! Er bestätigt und ermutigt Romero, zugleich warnt er ihn aber vor dem Kommunismus unter Berufung auf Polen.

1979 erhält Romero um seinen Einsatz für die Menschenrechte zweimal international das Ehrendoktorat und im Frühjahr 1980 den Friedenspreis des Ökumenischen Komitees in Schweden. Am 24. März desselben Jahres streckt ihn ein Scharfschütze der Armee bei der Messfeier in der Kapelle des Krankenhauses La Providencia mit einem Dumdumgeschoß nieder. Die Kugel trifft den Messkelch und Romeros Herz. – Er ist sofort tot!

Romero wird heute in manchen Texten so charakterisiert, dass er in jungen Jahren, auch noch 1968 auf der Konferenz in Medellin rechts und konservativ, in späteren Jahren, etwa 1979 auf der Konferenz in Puebla, links und progressiv gewesen wäre. Diese Einordnung wird ihm aber nur scheinbar gerecht. Romero war zu keiner Zeit ein Ideologe. Die Wirklichkeit, seine Wirklichkeit ist eine andere, eine ganz einfache, menschliche, pastorale. Romero war wie sein Vorgänger innerlichst betroffen von der sozialen Unbeweglichkeit seines Landes! Der aggressiven Polarität der Gesellschaft! Der permanenten Fälschung der Wahlen. Den vielen politischen Gefangenen! Den Tausenden von Vertriebenen! Den Gräueln der Todesschwadronen! Der systematischen Folter durch Polizei und Militär! Der massiven Ermordung von Katecheten, denen wegen ihres sozialen Einsatzes billiger Kommunismus vorgeworfen wurde. Als endlich auch seine Priester, genannt seien Rutilio Grande und Rafael Palacios, und ein Dutzend andere, sozial wache, einer nach dem andern abgeschossen wurden, und jahrelang an den Häuserwänden stand: "Tu dem Vaterland einen Dienst und töte einen Pfaffen", da krempelten sich Herz und Nieren dieses aufrechten frommen Mannes um, der noch am Morgen seiner Opferung gebeichtet hatte! Er empfing Tag und Nacht die Angehörigen der Bedrängten und Verzweifelten! Er suchte zu helfen, wo meist nichts mehr zu helfen war! Er ging in die Gefängnisse! Fiel den Folternden in die Arme! Sprach mit Ministern und Obersten! Besorgte für die Flüchtenden Brot und Unterkunft! Ja, er vernachlässigte ihretwegen den liturgischen Dienst und ertrug das Gemurmel vieler seiner Mitarbeiter und Verwandten, die wie einst die Verwandten Jesu von Jesus sagten: er ist von Sinnen!

Der Bischof war an den nächsten Sonntagen wieder in der Kathedrale, die Verbrechen der Woche, die Morde, die Gefangen- und Geiselnahmen, auch die der sich jetzt mehr und mehr formierenden Guerilla zu denunzieren, sie in der Gegenwart von Dutzenden von Journalisten über den diözesanen Radiosender in das ganze Land hinaus zu schreien und Gott und die Welt um Abhilfe zu bitten. Meist hatten die Berichte darüber die Jesuiten, von denen später sechs und zwei ihrer Angestellten deswegen sterben werden, auf Zettel geschrieben und sie ihm vor der Messe zugesteckt. Als Romero schließlich, er kannte die Dekrete der Nürnberger Gerichte nach dem Zweiten Weltkrieg, die nordamerikanische Militärhilfe in die Schranken weist und die Polizisten und Soldaten bei klar zu erkennendem Mord des Fahneneids entbindet, ist sein Tod eine beschlossene Sache. Ich habe mich in El Salvador oft gefragt, was der Welt und uns Deutschen erspart geblieben wäre, hätten wir in den 30er Jahren, spätestens nach der Kristallnacht, einen Oscar Romero gehabt!

Die Totengottesfeier fand am Sonntag, den 30. März, auf der Plaza Mayor von San Salvador statt. Ich nahm an ihr teil im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz. Der noch offene Sarg wurde allen sichtbar auf den Stufen zur Kathedrale aufgereiht. Wohl um die 60.000 waren versammelt! Meist Barfußmenschen, Palmzweige in den Händen! Ihr Vater, der Vater der Armen, war ihnen brutal entrissen worden. Und brutal sollte er zu Grabe getragen werden. Plötzlich – es war während der Predigt des Kardinals Corripio aus Mexiko, – detonierten Bomben. – Flammten Feuerstöße auf! – Fielen Schüsse, ratterten Maschinenpistolen! – Schreie des Schreckens! – Die Menge sprengte auseinander. Geduckten Ganges und unter Gewehrfeuer schleppten wir Priester den Sarg mit dem toten Romero ins Innere der Kathedrale und steckten ihn in eine provisorische Röhre. Ein deutsches Fernsehteam bezeugte den Vorgang! – Keine eigentliche Beerdigung! – Keine Fortsetzung der Messe! – Kelche, Messbecher, Wein und Hostien, alles war zertrampelt! – Drei Stunden dauerte die Belagerung! – 39 Tote, erschossen, erstickt oder erdrückt! – 300 Schwerverwundete!

Vier Jahre danach besucht Johannes Paul II. El Salvador. Entgegen des ihm vorgewiesenen Weges der Karawane lässt er sein Papamobil zur Kathedrale steuern! Wartet geduldig, bis der Dompfarrer lokalisiert ist und dieser den Schlüssel zur Krypta gefunden hat, in der Romero zwischenzeitlich beigesetzt worden war. Dann betet der Papst an Romeros Grab, nennt ihn einen Hirten nach dem Herzen Jesu, Märtyrer der Sozialen Gerechtigkeit und eröffnet den Prozess seiner Seligsprechung, der derzeit gut in der Spur liegt, doch das Volk des Göttlichen Erlösers verehrt Bischof Romero längst als einen Heiligen!

12.04.2005


Buchhinweis:

Oscar Romero, James Brockmann, Paulus Freiburg, Schweiz, 1990. ISBN 3 7228 0240 7

Oscar A. Romero, In meiner Bedrängnis, Tagebuch, Herausgabe Emil Stehle, Herder Freiburg 1993 ISBN 3 451 23095

Oscar A. Romero, Wie der Erzbischof von San Salvador das Evangelium verkündete, Predigten, Herausgabe Emil Stehle, Herder Freiburg Basel Wien 1982 ISBN 3 451 19681 6.

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