Schwerpunkt 2005: Lateinamerika

"Ein Bischof wird sterben, aber das Volk wird niemals untergehen"

Vor 25 Jahren wurde Erzbischof Oscar Romero ermordet


Oscar Arnulfo Romero Galdámez wurde am 15. August 1917 in Ciudad Barrios, einer Kleinstadt im nördlichen Bergland der Provinz San Miguel, El Salvador, geboren. Mit 13 Jahren tritt er in San Miguel in das "Kleine Seminar" ein, bevor er vier Jahre später ins Priesterseminar nach San Salvador wechselt. Wegen der Armut der Familie muss er durch Ferien- und Freizeitarbeit als Schreiner seine Studienkosten weitgehend selbst verdienen. 1939 schickt ihn sein Bischof nach Rom, um an der Gregoriana das Theologiestudium zu vollenden. Am 4. April 1942 empfängt er in Rom die Priesterweihe und kehrt am 15. August 1943 wegen der Wirren des Zweiten Weltkrieges nach El Salvador zurück.

Er wird zunächst Pfarrer in Anamorós und bald Privatsekretär des Bischofs von San Miguel.
1966 wird er zum Sekretär der Bischofskonferenz von El Salvador ernannt. Beim Volk ist er wegen seiner Bescheidenheit und Glaubwürdigkeit sehr beliebt. Wegen seiner Strenge gegen sich selbst und seiner Treue zu Rom ist er bei seinen Mitbrüdern im Priester- und Bischofsamt umstritten. Bei der Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe in Medellín (1968), als "progressive" Bischöfe die vorrangige Option der Kirche für die Armen formulierten, gilt er als "Konservativer". Im April 1970 wird er zum Weihbischof von San Salvador ernannt, vier Jahre später zum Bischof von Santiago de María.

Als Erzbischof Chávez 1977 aus Altersgründen von seinem Amt zurücktritt, fordert die Regierung in El Salvador einen Nachfolger, der in gutem Einvernehmen mit den Herrschenden sein Amt ausüben würde. In Bischof Romero glaubt das Regime den rechten Kandidaten gefunden zu haben. Am 3. Februar 1977 wird in Rom seine Ernennung zum Erzbischof von San Salvador bekannt gegeben. Am 22. Februar 1977 folgt seine Amtseinführung in einer sehr privat gehaltenen Feier, ohne die üblichen öffentlichen Feierlichkeiten und ohne die Regierung einzuladen, die zwei Tage zuvor durch massiven Wahlbetrug an die Macht gekommen war.

Sechs Tage nach seiner Amtsübernahme erlebt Romero ein Massaker an Menschen, die auf dem Platz der Freiheit gegen den Wahlbetrug der Regierung protestieren. Tage später wird ein Priester entführt und gefoltert. Das Haus seiner Laienmitarbeiter wird dem Erdboden gleichgemacht. Am 12. März 1977 fällt sein Freund, der Jesuitenpater Rutilio Grande, mit seinem 14-jährigen Ministranten und dem 65-jährigen Katecheten einem Mordanschlag zum Opfer. "Diene Deinem Vaterland - töte einen Priester!" heißt es in Aufrufen der Machthaber und ihrer Schützlinge in den Todesschwadronen.

Oscar Romero stellt sich der Herausforderung und fordert von der Regierung die unverzügliche Untersuchung der Vorfälle. Als nichts geschieht, ruft er zu Demonstrationen gegen den Ausnahmezustand auf und lässt alle katholischen Schulen für drei Tage schließen. Nach Absprache mit seinen Priestern fallen am Sonntag nach der Ermordung von Pater Rutilio Grande alle Messen in der Erzdiözese aus, bis auf die gemeinsam gefeierte Totenmesse in der Kathedrale, zu der mehr als 100.000 Menschen kommen. Romero beschließt, zu keiner offiziellen Feierlichkeit mehr zu erscheinen, bis die Umstände der Ermordung aufgeklärt und die Schuldigen bestraft worden sind. Das Bischofshaus wird Zufluchtsstätte für Verfolgte und Misshandelte.

Oscar Romero bleiben nur drei Jahre Zeit als Erzbischof von San Salvador. Er nutzt sie, um Sonntag für Sonntag in Predigten, die immer mehr zur politischen Situationsanalyse des Landes werden, gegen die Ungerechtigkeit, gegen Folter und Mord und gegen die Unterdrückung anzugehen. Die Predigten, vom katholischen Radio übertragen, werden zur meistgehörten Radiosendung des Landes. Der Erzbischof klagt die unheilige Allianz der Großgrundbesitzer und korrupten Militärs an und fordert ein Ende der blutigen Unterdrückung der Landbevölkerung. Immer wieder kommt es zu Opfern auch unter den Priestern und Ordensleuten in El Salvador. Am 6. August 1979 veröffentlicht Romero einen Hirtenbrief, der die Richtlinien der gerade zu Ende gegangenen Konferenz von Puebla konsequent auf El Salvador anwendet. Romero fordert, die vorrangige Option für die Armen zur Richtschnur kirchlichen Handelns in El Salvador zu machen: "Eine Kirche, die sich nicht die Sache der Armen zu Eigen macht, um aus Sicht der Armen das Unrecht anzuprangern, ist nicht die wahre Kirche Jesu Christi", heißt es in einer seiner Predigten. In Rom wird sein politisches Engagement mit Skepsis aufgenommen. Manche Kardinäle im Vatikan betrachten den Erzbischof aus El Salvador als "Instrument linker politischer Gruppen", während es ihm, wie er in Gesprächen mit dem Papst betonte, um den "bedingungslosen Einsatz für die Armen" geht.

Im Oktober 1979 putschen Teile des Militärs gegen die Regierung. Ein System staatlichen Terrors durch das Militär oder "Todesschwadronen", hinter denen sich das Militär verbirgt, lösen den Terror der vorherigen Regierung ab. Im Frühjahr 1980 eskaliert die Gewalt gegen das Volk. Die Morde deuten auf ein systematisches Vorgehen hin, auf eine regelrechte Jagd auf Lehrer, Katecheten und Gemeindeleiter. Romeros Protest gegen die neue Welle der Gewalt erreicht ihren Höhepunkt in seiner Sonntagspredigt vom 23. März 1980, die er mit folgendem Aufruf beendet: "Ich möchte einen besonderen Aufruf an die Männer der Armee richten, und ganz besonders an die Basis der Nationalgarde, der Polizei und der Kasernen. Brüder, Ihr seid Kinder unseres Volkes wie sie. Ihr tötet Eure eigenen Brüder auf dem Land. Ein Mensch mag Euch befehlen zu töten, aber das Gesetz Gottes: ‚Du sollst nicht töten!’ steht über dem Befehl des Menschen. ... In Gottes Namen und im Namen dieses leidenden Volkes bitte ich Euch inständig, flehe ich Euch an, befehle ich Euch: Im Namen Gottes; machen Sie Schluss mit Gewalttat und Unterdrückung!"

Dieser Aufruf ist offensichtlich sein Todesurteil. Am Montag, dem 24. März 1980, wird er in der Kapelle des Krankenhauses der Schwestern von der Göttlichen Vorsehung während einer Messfeier am Altar stehend ermordet. Ein Auftragskiller schießt ihm eine Gewehrkugel mitten ins Herz. Romero war sich sicher, dass er ermordet werden sollte. Bewusst nahm er seinen Tod in Kauf, um sich in aller Konsequenz den Armen und Unterdrückten zu opfern. "Der größte Beweis des Glaubens an einen Gott des Lebens ist das Zeugnis dessen, der bereit ist, sein Leben einzusetzen", sagte er kurz vor seinem Tod: "Wenn sie mich töten, werde ich im salvadorianischen Volk auferstehen. Ein Bischof wird sterben, aber die Kirche, die das Volk ist, wird niemals untergehen."

Erzbischof Romero sollte Recht behalten. Heute, 25 Jahre nach seinem Tod, ist sein Zeugnis aktueller denn je. In ganz Lateinamerika und auch in Europa ist er zur Symbolfigur für Gerechtigkeit und die Suche nach Wahrheit geworden. Auch die Katholiken in Deutschland haben daran ihren Anteil. Über die kirchlichen Hilfswerke wie ADVENIAT haben sie die Arbeit Romeros kontinuierlich unterstützt. Nach seinem Tod half das Lateinamerika-Hilfswerk dem Erzbistum San Salvador, den Prozess seiner Seligsprechung auf den Weg zu bringen. Eine Reihe von Initiativen zur Aufarbeitung von Romeros Lebenswerk wurde von ADVENIAT unterstützt.

Trotz der großen Popularität, die Romero über seinen Tod hinaus in allen Teilen der Welt genießt, wurden die Verantwortlichen bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen. Seit 1993 verhindert ein Amnestiegesetz die Aufklärung politisch motivierter Verbrechen, die während des Bürgerkrieges zwischen 1980 und 1992 begangen wurden. Mit der Begründung, keine alten Wunden aufreißen zu wollen, sprach sich Staatspräsident Antonio Saca im September 2004 gegen die Wiederaufnahme der Untersuchungen aus. Da sich die Regierung weigert, den Mord und unzählige weitere Menschenrechtsverletzungen aufzuarbeiten, bleibt nur noch die Möglichkeit einer Zivilklage vor einem ausländischen Gericht. Für große Aufmerksamkeit sorgte deshalb die Verurteilung des salvadorianischen Ex-Offiziers Alvaro Saravia im US-Bundesstaat Kalifornien im vergangenen Jahr, der wegen der Mittäterschaft bei der Ermordung Romeros zur Zahlung von zehn Millionen US-Dollar verurteilt wurde. Eine UN-Wahrheitskommission hatte bereits in den 90er Jahren den inzwischen verstorbenen Chef der salvadorianischen Todesschwadronen, Roberto D’Aubuisson, als Hauptverantwortlichen ausgemacht. Saravia, der als rechte Hand des späteren Parteichefs D’Aubuisson gilt, ist bis heute untergetaucht.

Indes kommt das Seligsprechungsverfahren für Erzbischof Romero schrittweise voran. Der Postulator des Verfahrens, Bischof Vincenzo Paglia, sagte im März 2005 im italienischen Fernsehen, eine Überprüfung der theologischen Lehren Romeros sei zu dem Ergebnis gekommen, dass der Erzbischof von San Salvador kein Revolutionär, sondern ein Mann der Kirche gewesen sei. Nun könne das Seligsprechungsverfahren zu einem raschen Ende kommen.


Text: ADVENIAT

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