Päpstlicher Rat für die Kultur

Die Initiative „Vorhof der Völker“ geht auf den emeritierten Papst Benedikt XVI. zurück. Die Veranstaltungsreihe wird seit 2011 vom Päpstlichen Rat für die Kultur verantwortet, dessen Präsident Kardinal Gianfranco Ravasi ist.  Der Päpstliche Rat für die Kultur begleitet die Umsetzung der Tagungen in den wechselnden Ländern in enger Absprache mit den kirchlichen Organisatoren vor Ort.

 

Auszüge aus einem Interview mit Gianfranco Kardinal Ravasi, Präsident des Päpstlichen Rates für Kultur

Kardinal Gianfranco Ravasi - Foto: © Päpstlicher Rat für die Kultur

Herr Kardinal, was ist dieser ‚Vorhof der Völker’, den der Papst sich gewünscht und Ihnen anvertraut hat? Welches Ziel strebt diese neue Einrichtung an? Ist es ein Ort, an dem Nichtglaubende bekehrt werden sollen?

„Der Vorhof der Völker war einst ein offener Raum vor dem Tempel von Jerusalem, zu dem auch die Heiden Zutritt hatten. Gegenüber befand sich der Hof der Israeliten. Und so konnten sich die beiden verschiedenen Gemeinschaften gegenseitig in die Augen schauen. Im Jahre 2010 hatte Papst Benedikt den Wunsch geäußert, diesen Raum im Bereich unserer Kirchen wieder einzuführen. Es ist ein offener Raum, in dem der Wind der Gedanken, der Wind des Geistes, der Religion und der Forschung weht. Wir haben inzwischen Dutzende von Begegnungen in aller Welt in diesen ‚Vorhöfen der Völker’ veranstaltet und hier glaubende und nichtglaubende Persönlichkeiten versammelt, die sich mit den großen Fragen der Menschheit befassen. Ein großer Philosoph des 19. Jahrhunderts, Søren Kierkegaard, sagte: ‚Wir befinden uns wie auf einem Schiff, das mittlerweile von einem Koch gesteuert wird. Das, was der Kapitän durch den Lautsprecher bekannt gibt, ist nicht mehr die Route, sondern das, was wir morgen essen werden.’ In einer Welt, in der nur mehr die Mode, das Essen, der Sex und nichts anderes mehr eine Rolle spielen, muss es Stimmen geben, die dir einen Sinn vermitteln. Das ist der Grundgedanke des ‚Vorhofs der Völker’."

 

Sie sind ein bedeutender Kommunikator des Sakralen, ein hervorragender Biblist. Sie suchen das Gespräch mit der säkularisierten Welt, mit den Atheisten, den Agnostikern. Sie haben in den vergangenen zwei Jahren bereits in Paris, Bologna, Bukarest, Florenz, Rom, Assisi, Tirana, Mexikostadt, Palermo und demnächst in Berlin dieses universale Gesprächsforum mit Menschen verschiedener Kulturen, Sprachen und Religionen inszeniert. Gibt es dazu einen roten Faden?

„Ich denke das rechte Stichwort dazu lautet ‚Dialog’. Was bedeutet Dialog auf Griechisch? Es bedeutet: dia – zwei, Logos – Gespräche, Gespräche die sich kreuzen, sich begegnen. Es bedeutet auf Griechisch aber ebenso: das Gespräch vertiefen. Und darüber muss ernsthaft nachgedacht werden. Pascal sagte einmal: ‚Das Prinzip der Moral heißt in korrekter Weise denken zu lernen.’ Lernen also auch wir – wenn auch in verschiedener Weise und unter verschiedenen Gesichtspunkten – aber in ernsthafter Absicht über ernsthafte Themen nachzudenken, sodass wir über die Gleichgültigkeit hinauswachsen. Denn die Gleichgültigkeit, die Oberflächlichkeit die Banalität, die sind der wahre Atheismus. Das ist – würde ich sagen – das große Ziel des Dialogs. Und in diesem Zusammenhang möchte ich hervorheben, dass bereits zwei hohe Persönlichkeiten aus Berlin, dieser stark säkularisierten Großstadt – nämlich die Oberbürgermeister Klaus Wowereit und der Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki – beide ihren Wunsch geäußert haben, Berlin möge Zeuge dieses Willens zum Dialog werden.“

 

Was schätzen Sie an einem Agnostiker, was missfällt Ihnen bei einem Christen?

„In dem Agnostiker schätze ich – und ich würde mir wünschen, dass dies auch bei den Gläubigen der Fall ist – seinen Wunsch nach der Suche des Ursprungs. Da er sein Ziel noch nicht kennt, stellt er sich Fragen. Mir fällt hier ein Ausspruch von Platon ein, den er Sokrates in den Mund legt: ‚Ein Leben ohne Suche verdient nicht gelebt zu werden.’ Die Suche ist eine fundamentale Komponente, die auch uns Glaubenden gelehrt werden muss. Wie der Psalm sagt: Licht im Lichte, wir werden in deinem Licht ein anderes Licht erkennen. Was den Christen betrifft, würde ich mir wünschen, dass dieser dem Nichtglaubenden mit dem Ausdruck der Gelassenheit, der Freude, der Hoffnung begegnet. Und nicht mit dem Gesicht der Negativität. Wie oft wird die Religion als Kampf gegen die Sünde dargestellt. Religion ist vor allem eine Gnade! Sie ist vor allem der Eintritt Gottes in die Geschichte, sie ist Begegnung der Menschen. Deshalb wünsche ich mir, dass der Gläubige mehr diesen Aspekt erkennt, den Aspekt des Lichts, der Gelassenheit, der Hoffnung. Die Hoffnung ist die kleinste Tugend, aber sie führt die beiden anderen an der Hand: den Glauben und die Barmherzigkeit.“

 

Das wäre sozusagen die moderne Kanzel der Kirche?

„Es ist wirklich ein neuer Aeropag der Kirche – um ein biblisches Beispiel zu nennen: als der Heilige Paulus den Entschluss fasst, auch öffentlich aufzutreten – meist tat er das in griechischer Sprache, die das heutige Englisch wäre – wählt er die Wege, die ihn am schnellsten zum jeweiligen Ort seiner Auftritte führen: die römischen Konsularstraßen. Aber auch Athen, die Heimat der Kultur. Hier zitiert er in einer Ansprache Arates, ein griechischen Dichter, und einen weiteren Dichter, Kleantes, der auch Philosoph war, um die Rede spannender und eindrucksvoller zu gestalten. Sicher, manchmal blieb der Erfolg aus, aber viele folgten – wie die Apostelgeschichte schreibt – seinen Worten. Und auf diese Weise folgen auch heute viele der Botschaft.“

 

Sprechen wir jetzt über Schönheit, die Kunst: Spiritualität und Schönheit sind zwei untrennbare Begriffe: so hieß es am Ende des ‚Vorhofs der Völker’ in Barcelona. Was ist Schönheit?

„Es gibt viele Definitionen der Schönheit und also auch der Kunst. Ich möchte hier zunächst einen tief antichristlichen Autor nennen und dann einen deutschen Künstler. Ein überzeugter antichristlicher Autor war Henry Miller. Der Autor des ‚Wendekreis des Krebses’ und des ‚Steinbocks’ schreibt in einem seiner weniger bekannten Werke folgende Worte über die Kunst und die Religion: ,Die Kunst und die Religion sind wertlos, es sei denn sie bezeugen den Sinn des Lebens.‘ Das ist nicht wenig, würde ich sagen. Der Andere hingegen heißt Hermann Hesse. In seiner Erzählung ,Klein und Wagner‘ definiert auch er die Kunst. Und zwar in tief religiöser Weise, würde ich sagen: ,Kunst bedeutet, in jedem Ding Gott aufzeigen.‘ Nicht alle Künstler sind religiös, aber alle Künstler sind sich von Natur aus einig, in der Kunst nicht nur das Sichtbare aufzuzeigen. Paul Klee sagte: ‚Die Kunst, die Schönheit stellt nicht das Sichtbare dar, sondern das Unsichtbare, das im Sichtbaren enthalten ist.’ Und dies ist der fundamentale Zweck der Kunst. Als Lucio Fontana, dieser berühmte italienische Künstler, eine Leinwand durchschneidet, antwortete er den fragenden Journalisten: ‚Seht ihr denn nicht, dass dies ein Schimmer ins Absolute ist? Ein Schritt über die Oberfläche hinaus? Dies also, glaube ich, ist Schönheit: den letzten Sinn erfassen, der in der Alltäglichkeit verborgen ist.“

 

Kann man sagen, dass die Kunst eine universale Sprache spricht? Dass Glaube und Musik, Glaube und Malerei, Glaube und Kunst Geschwister sind?

„Wir wissen, dass beide das Absolute, das Ewige suchen. Ein Naiv-Künstler zum Beispiel stellt seine Werke in sehr einfacher Art und Weise dar, in Wirklichkeit jedoch will er beweisen, dass diese einen tieferen Sinn haben. Deshalb sind Kunst und Glaube notwendigerweise Geschwister. Sie wollen nicht kleinliche Informationen vermitteln, sondern letzte Horizonte aufzeigen. Deshalb möchte ich im Jahre 2013 auf der Biennale von Venedig – eine globale, internationale Kunstschau ersten Ranges, die sicherlich auch degenerierte Werke zur Schau stellt – letztes Jahr zum Beispiel war der Papillon der Bundesrepublik sicher großartig aber in gewisser Weise streifte er sogar die Blasphemie – will ich also in Vertretung des Heiligen Stuhls auch dabei sein. Dabei sein an einem Ort, wo sich die Kunst mit der Krise in der Gesellschaft konfrontiert. Ich habe Künstler verschiedener Ausrichtung und verschiedener Konfessionen engagiert, denen ich ein Thema vorgegeben habe: nämlich die ersten elf Kapitel der Genesis. Dort wo sich die Schöpfung, wo die Auflösung der Schöpfung, wo die Öffnung, wo sich der Weg Abrahams zeigt. Auf der einen Seite also der Mensch, denken wir an Michelangelo und an seine Sixtina, die gemeinsame Liebe, auf der anderen die Sünde, die Gewalt des Kain und Abel, die Sintflut, der Turm zu Babel, die Auflösung der Schöpfung, und zum Schluss Abraham auf seinem Weg. Ich möchte, dass diese Künstler in einem Rahmen, wie ihn nur Venedig hat, der ganzen Welt zeigen können, was diese Themen bedeuten. Auch für jene Menschen, die nie eine Kunstausstellung besuchen, sondern ihren üblichen Alltag leben.“

 

Eminenz, […] Goethe hat gesagt, die Muttersprache Europas ist das Christentum. Ist sie es auch heute noch?

„Ich glaube, Goethe ist einer der großen geliebten Menschen der Universalität, der Menschheit, der Kultur. Goethe hat mit seinem Hauptwerk, seinen Reflexionen, seinen Dialogen uns allen vieles gelehrt. Ich glaube, diese tief empfundene und wahre Einschätzung hat für die gesamte Geschichte Gültigkeit. Wir leben heute in einer von Vergesslichkeit gezeichneten Welt, die sich an dieses große Patrimonium nicht mehr erinnern will: an die Muttersprache. Denken wir daran, welche Bedeutung das Christentum allein für die Kunstgeschichte hat! Denken wir, was es für das Ethos bedeutet. Wir tun der Ethik jeden Tag Gewalt an. Aber Europa, seine zehn Sterne, gibt es dennoch immer. Wir müssen alles tun, dass diese so vergessliche und oberflächliche Welt sich wieder dieses schönen lateinischen Spruches entsinnt: ,erinnern heißt, recordare cordis. Ins Herz einschließen.‘ Schließen wir also im Herzen die großen Symbole der Schönheit, der Wahrheit, des Lichts mit ein. Das sage ich nicht als Kardinal, auch nicht als Priester oder Glaubender, sondern als Mann der Kultur. Denn, wer keine Erinnerung hat, lebt nicht.“

Das Interview führte Aldo Parmeggiani von Radio Vatikan.

Alle Rechte vorbehalten © 2017 Deutsche Bischofskonferenz

Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz | DBK.de | pressestelle(at)dbk.de | Kaiserstrasse 161 | 53113 Bonn | Telefon: 0228 103-214 | Fax: 0228 103-254