| Pressemeldung | Nr. 028

Eucharistiefeier zur Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Ingolstadt

Predigt von Kardinal Rainer Maria Woelki

Liebe Schwestern, liebe Brüder,
die Weisung Jesu, wie wir zu beten haben, sie ist klar und eindeutig: Nicht wie die Heiden, die nur plappern, sondern „so sollt ihr beten“ (Mt 6,9). Und dann folgen Jesu‘ Worte, so wie wir sie gerade im Evangelium gehört haben und wie sie uns seit Kindertagen vertraut sind – einschließlich der Bitte: „Und führe uns nicht in Versuchung…“ (Mt 6,13). Ob diese Gebetsformulierung richtig übersetzt sei oder ob sie gar ein falsches Gottesbild transportiere, das wurde in den vergangenen Wochen im gesamten deutschen Sprachraum intensiv diskutiert – nicht nur von Theologinnen und Theologen, nicht nur von Bischöfen und Mitgliedern des ZdK. Nein, die Bandbreite reichte gar von der FAZ bis zur Bild-Zeitung.

Unabhängig von Übersetzungsfragen – eines dürfte klar sein. Versuchung, so etwas gibt es. Wir kennen so etwas nicht nur aus unserem eigenen Leben. Sogar Jesus kennt das. Am vergangenen Sonntag haben wir davon bei Markus kurz im Evangelium gehört. Matthäus und Lukas, die beiden anderen Synoptiker, berichten ausführlicher darüber. Und wenn man das alles so liest oder hört, es klingt alles so plausibel, was der Satan da dem Herrn einzuflüstern versucht, um ihn in Versuchung zu führen: Dass er sich mit einem Wunder aus Steinen Brot verschaffen solle, um seinen Hunger zu stillen. Dass er mit einem Sprung von der Zinne des Tempels das Volk für sich begeistern möge. Dass er sich mit einem Kniefall vor Satan mühelos in den Besitz aller Reiche bringen könne. Es wäre ein Leichtes für Jesus gewesen, das zu tun. Trotzdem weist er den Teufel jedesmal zurück und richtet sich immer wieder neu allein am Willen Gottes aus. Wir dürfen deshalb dankbar sein für diese Bitte im „Vater unser“, die der Herr uns heute schenkt und mit der wir darum bitten dürfen, dass Gott uns in der Versuchung, wenn sie auf uns zukommt, wie Jesus nicht fallen lassen möge, sondern uns die Kraft gebe, standhaft zu bleiben.

Wie also Versuchung bestehen? Nicht anders als Jesus. Er hat sich am Vater festgehalten und ist so sich selbst und seiner Sendung zu den Menschen treu geblieben. Er hat sich durchgekämpft durch den schönen Schein, dass er mehr gelte, wenn er nur Gott absage und eigenmächtig sein Leben lebe. Jesus hat sich für den Gehorsam entschieden und ist von da aus zu den Menschen gegangen. Weil er sich ganz an den Willen des Vaters hingegeben hat, konnte er sich auch ganz den Menschen hingeben. Sich ganz dem Vater hingeben, das hieß für ihn: den Willen des Vaters in allem suchen. Das hieß für ihn, diesen Willen im stillen Gebet zu erfragen, um ihn dann unbeirrt zu tun. Damit ist uns die Antwort gegeben, wie auch wir die Versuchung unseres Lebens bestehen können. Wie bei Jesus geht es hier auch bei uns ums Ganze: Nämlich, dass wir bereit sind, aus der Umkehr zu leben. Nicht von uns her, sondern von Gott her. Auch für uns gilt: Die Wahrheit unseres Lebens werden wir nur und ausschließlich im Blick auf Gott erfahren. Wo Gott dagegen im Hintergrund belassen wird, erst recht, wo er verlassen wird, verfallen wir der Selbstsucht – auch als Kirche. Deshalb beginnt alle Erneuerung, die unseres persönlichen Lebens wie auch die der Kirche insgesamt, in der Bereitschaft zur Umkehr und der damit verbundenen erneuten Hinwendung zum Herrn und der Absage an die Versuchung, selbst zu Herren der Kirche zu werden.

Henri de Lubac, der große französische Theologe und spätere Kardinal, hat in diesem Kontext einmal formuliert: „Wenn nicht Jesus Christus ihren Reichtum bildet, dann ist die Kirche erbärmlich. Und sie ist steril, wenn der Geist Jesu Christi nicht in ihr blüht. Ihr Gemäuer zerbröckelt, wenn Christus nicht mehr der Bauherr ist, und wenn der Geist nicht den Mörtel bildet für die lebendigen Steine, aus denen sie sich auferbaut. Sie bleibt ohne Schönheit, wenn sie nicht die einzige Schönheit des Antlitzes Jesu Christi widerspiegelt“. So ist das mit uns und mit der Kirche. Deshalb heißt es mit Blick auf die Versuchung des Herrn für uns als Getaufte wie auch für die Kirche als Ganze: sich nicht verführen zu lassen durch Geltungssucht und Machstreben, sich nicht versuchen zu lassen, in dieser Welt glänzen zu wollen. Nicht zuletzt deshalb laden uns ja diese Tage der österlichen Bußzeit dazu ein, wiederum erneut umzukehren zu Gott, um unser persönliches und auch unser kirchliches Leben allein in ihm zu verankern, indem wir das tun, wozu uns der Herr heute in seinem Gebet auffordert: Allein dein Name, Vater, werde geheiligt. Allein dein Reich komme. Allein dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf der Erde. Denn nur das allein gereicht Gott zur Ehr und dem Menschen zum Heil. Amen.

Lesung: Jes 55,10–11
Evangelium: Mt 6,7–15