| Pressemeldung | Nr. 065

Sachverständigengruppe „Weltwirtschaft und Sozialethik“ plädiert für sozial-ökologische Modernisierung

Neue Studie zur Rolle von Wirtschaftswachstum veröffentlicht

In einer neuen Studie mit dem Titel „Raus aus der Wachstumsgesellschaft? Eine sozialethische Analyse und Bewertung von Postwachstumsstrategien“ plädiert die Sachverständigengruppe „Weltwirtschaft und Sozialethik“ der Deutschen Bischofskonferenz für eine sozial-ökologische Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft.

Im Auftrag der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz hat das Expertengremium untersucht, wie Wirtschaftswachstum mit Blick auf nachhaltige Entwicklung und Armutsbekämpfung zu beurteilen ist. Dabei wurden auch die Denkanstöße von „Postwachstumsansätzen“ analysiert und aus sozialethischer Sicht bewertet. Auf dieser Grundlage hat die Sachverständigengruppe Leitlinien für eine soziale und ökologische Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft erarbeitet und Verantwortlichkeiten und Handlungsoptionen auf verschiedenen Ebenen benannt.

Die bisherigen politischen Maßnahmen reichten bei Weitem nicht aus, um schwerwiegende Umweltfolgen zu vermeiden, so das Urteil der Wissenschaftler. Zu ihren zentralen Forderungen gehört die Dekarbonisierung von Wirtschaft und Energieversorgung. Diese müsse sozial abgefedert und international abgestimmt werden. Wichtig sei außerdem, umwelt- und ressourcenschonende Lebensstile durch entsprechende Infrastruktur und politische Rahmenbedingungen zu fördern und attraktiver zu machen, besonders mit Blick auf Mobilität und nachhaltigen Konsum.

Der Vorsitzende der Sachverständigengruppe „Weltwirtschaft und Sozialethik“ und Präsident der Hochschule für Philosophie München, Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher, unterstrich die von der Postwachstumsbewegung ausgehenden wichtigen Impulse. Anders als manche ihrer Vertreter geht die Sachverständigengruppe jedoch davon aus, dass Wirtschaftswachstum unter der Voraussetzung entsprechender Rahmenbedingungen von zusätzlichem Ressourcenverbrauch und Emissionen entkoppelt werden kann. „Die Sachverständigengruppe spricht sich für umfassende Strukturreformen aus, die Anreize für Innovationen, mehr Effizienz und nachhaltigeres Wirtschaften geben“, erklärte Prof. Dr. Dr. Wallacher bei der heutigen Vorstellung der Studie in München. „Geeignete Rahmenbedingungen vorausgesetzt, ist bei einer dynamischen und innovativen Wirtschaft die notwendige Verringerung des Schadstoffausstoßes durch eine höhere Emissionseffizienz wahrscheinlich leichter möglich als bei einer schrumpfenden oder stagnierenden Wirtschaft. Erforderlich sind dafür jedoch Ordnungsstrukturen, die den Umweltgebrauch mit einem verursachergerechten Preis belegen“, unterstrich der Vorsitzende der Sachverständigengruppe.

Die ökologische Modernisierung auf verschiedenen Ebenen sei schon jetzt durch einen geistigen, kulturellen und gesellschaftlichen Wandel vorzubereiten und zu ergänzen. Ein solcher Wandel müsse suffiziente Lebensstile ermöglichen und fördern. Denn möglicherweise würden das Potential an technischen Möglichkeiten über- und die Kosten einer konsequenten Umwelt- und Klimapolitik unterschätzt. Zudem bestehe die Gefahr, dass die politischen Strukturreformen, die für eine ökologische Modernisierung notwendig sind, am Widerstand mächtiger Interessengruppen und mangelnder Akzeptanz in der Bevölkerung scheitern oder weiter verzögert werden.

Die Studie ist von der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegeben worden. Deren Vorsitzender, Erzbischof Dr. Ludwig Schick (Bamberg), sagte bei der Vorstellung der Studie in München, die Schlussfolgerungen seien gut begründet und die unterschiedlichen Argumente sorgfältig abgewogen worden. Er unterstrich: „Umweltprinzipien müssen in die Logik des Wirtschaftens integriert werden. Wenn bei der wirtschaftlichen Transformation soziale Härten entstehen, sind sie solidarisch abzufedern.“ Außerdem mahnte er zu mehr internationaler Solidarität: „Die reichen Länder sind verpflichtet, einen größeren Beitrag zu leisten.“ Erzbischof Schick würdigte den Einsatz von vielen, die mit ihrem Konsumverhalten, zum Beispiel beim Kauf von fair gehandelten und nachhaltigen Produkten, ein Signal für eine ökologische und soziale Politik setzten. „Das Engagement kirchlicher Initiativen ist wichtig für die Bewusstseinsbildung“, so Erzbischof Schick. Mit ihren spirituellen Ressourcen habe die Kirche auch einen spezifischen Beitrag zu leisten. So habe sich vor drei Jahren eine global vernetzte „Weltweite Katholische Klimabewegung“ gebildet, die Einzelne, Gemeinden und Organisationen dabei unterstützt, sich für den Klimaschutz stark zu machen.

In einem Dialogforum im Anschluss an die Vorstellung der Studie wurden die Studienergebnisse mit Vertretern aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Kirche diskutiert.

In der Sachverständigengruppe „Weltwirtschaft und Sozialethik“ der Deutschen Bischofskonferenz arbeiten Sozialethiker und Wirtschaftswissenschaftler bei der Analyse weltwirtschaftlicher Zusammenhänge und bei deren Bewertung auf der Grundlage der Christlichen Sozialethik zusammen. Darauf aufbauend werden Handlungsperspektiven für die Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft entwickelt.


Hinweise:

Die Ansprache von Erzbischof Schick und das Statement von Prof. Dr. Dr. Wallacher  sind untenstehend als pdf-Dateien verfügbar.
Eine sozialethische Analyse und Bewertung von Postwachstumsstrategien“ kann unter Publikationen als Broschüre bestellt oder als pdf-Datei heruntergeladen werden.

Eine Übersicht über die Studien der vergangenen Jahre ist unter Publikationen verfügbar.