| Pressemeldung | Nr. 067a

Hinführung von Karl Kardinal Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, zum "Katechismus der Katholischen Kirche, Kompendium" in der Pressekonferenz am 10. August 2005 in Mainz (Kolpinghaus)

Rechtzeitig vor dem Weltjugendtag 2005 in Köln ist die deutsche Übersetzung des "Katechismus der Katholischen Kirche, Kompendium" im Pattloch-Verlag, München, im Umfang von 256 Seiten erschienen. Ich freue mich, dass ich dieses Buch vor Beginn des Weltjugendtages zusammen mit Herrn Bernhard Meuser, Verlagsleiter des Pattloch-Verlags, vorstellen darf.
Wer über dieses Buch, hier meist einfach "Kompendium" genannt, sprechen will, muss die Geschichte des "Katechismus der Katholischen Kirche" kennen, hier vorwiegend "Katechismus" (oder auch: KKK) genannt. Im "Kompendium" haben wir das kirchengeschichtlich wohl seltene Faktum, dass derselbe Autor, nämlich Joseph Ratzinger, einmal als Papst Benedikt XVI. das "Motu proprio" zur Veröffentlichung (28.6.2005), zum anderen die "Einleitung" als Präsident der Spezialkommission (20.3.2005) geschrieben und unterzeichnet hat. Beide Texte zusammen geben eine recht gute Einführung, die auch über die Genese unterrichtet.Bei der Außerordentlichen Bischofssynode im Jahr 1985 erhielt der Vorschlag eine große Mehrheit, dass ein Katechismus der ganzen katholischen Glaubens- und Sittenlehre erstellt werde. Am 11. Oktober 1992 übergab Papst Johannes Paul II. den "Katechismus der Katholischen Kirche" der Öffentlichkeit und definierte ihn in der entsprechenden Apostolischen Konstitution als "Bezugstext für eine aus den lebendigen Quellen des Glaubens erneuerte Katechese". Am 15. August 1997 hat derselbe Papst die verbindliche lateinische Fassung des "Katechismus" promulgiert (Titel: Catechismus Catholicae Ecclesiae). In dem dazugehörigen Apostolischen Schreiben wird die grundlegende Zielsetzung des Werkes beschrieben als "eine vollständige, unversehrte Darstellung der katholischen Lehre (zu bieten), die es allen ermöglicht, das kennen zu lernen, was die Kirche in ihrem alltäglichen Leben bekennt, feiert, lebt und betet". Angesichts des großen Umfangs von ca. 800-1000 Seiten (in den verschiedenen Sprachen) und als Antwort auf eine Bitte des Internationalen Katechetischen Kongresses 2002 hat Johannes Paul II. am 2. Februar 2003 eine Spezialkommission aus Kardinälen unter Vorsitz des Präfekten für die Kongregation der Glaubenslehre, also des heutigen Papstes Benedikt XVI., gebildet und sie beauftragt, ein "Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche zu erstellen, in dem die Inhalte des Glaubens in einer mehr zusammenfassenden Weise dargelegt werden." (so in der "Einleitung", S. 15) Nach intensiver zweijähriger Arbeit entstand ein erster Entwurf, der den Kardinälen und den Vorsitzenden der Bischofskonferenzen zur Konsultation übermittelt wurde. Die Spezialkommission hat nach dem Eingang vieler Stellungnahmen und Modi, die insgesamt das Kompendium zugleich mit großer Mehrheit begrüßten, den Entwurf überarbeitet und den endgültigen Text des Werkes fertiggestellt, der, wie eingangs schon erwähnt, am 28. Juni 2005 von Benedikt XVI. approbiert worden ist (vgl. S. 9 f.). Die Einleitung zum Kompendium macht deutlich, dass das Kompendium ganz auf den Katechismus in seiner Vollform verweist und bewusst immer die einzelnen Bezugsnummern angibt, sodass bei den oft knappen Formulierungen bei Bedarf rasch eine umfänglichere Darstellung gefunden werden kann. Die Einleitung verweist auf drei grundlegende Merkmale des Kompendiums: die erwähnte enge Zuordnung und Abhängigkeit vom Katechismus, die dialogische Struktur, also mit Frage und Antwort, und die Verwendung von Bildern für die Katechese. In Anlehnung an traditionelle Muster und den Katechismus ist auch das Kompendium in vier Teile gegliedert: das Glaubensbekenntnis (Credo), der Gottesdienst und die Sakramente, das Leben in Christus (Ethos) und das christliche Gebet mit besonderer Betonung des Vaterunsers. - Das Kompendium enthält in einem umfangreichen Anhang (213-243) allgemeine Gebete des christlichen Glaubens (214-239) und Grundaussagen des katholischen Glaubens in einer stärker lehrhaften Perspektive (240-243). Ein sehr reiches Register (244-256) erschließt die vielen inhaltlichen Aussagen, wobei freilich manchmal die sehr umfangreichen Fundstellen noch nach den einzelnen Inhalten differenziert werden müssen (vgl. z.  B. Kirche: 250). Das Kompendium enthält 598 Fragen und Antworten. Keine Antwort sollte in der Regel mehr als 6-8 Zeilen umfangreich sein. 13 Farbbilder, meist aus der Kunst von Antike und Mittelalter, wollen die Katechese begleiten. Viele längere Vätertexte, oft als Einleitung zu den einzelnen Teilen, und kurze Merksätze der Väter unterstützen die Ausführungen. Dabei fällt auf, dass die Kirchenväter des Ostens mit der Liturgie der Ostkirchen und den Ikonen starke Berücksichtigung erfahren. Das Kompendium enthält gezielte Zeugnisse der Heiligen Schrift, vor allem des Neuen Testamentes, verzichtet aber weitgehend auf genauer nachgewiesene Zitate der Ökumenischen Konzilien, besonders des Zweiten Vatikanischen Konzils (gewiss um den Text nicht zu überlasten und angesichts der Möglichkeit eines Nachschlagens im Katechismus selbst). Papst Benedikt XVI. hat damit nicht nur einen großen Wunsch seines Vorgängers erfüllt, wozu er selbst in anderer Funktion am meisten beigetragen hat, sondern er spricht drei Erwartungen besonders aus: 1. "Das Kompendium will zudem das Interesse und den Eifer für den Katechismus erneuern, der aufgrund seiner Weisheit in der Darstellung und seines geistlichen Charakters immer der Grundtext für die kirchliche Katechese heute bleibt." (S.  16) 2. Der Katechismus wird zugleich der ganzen Kirche und jedem einzelnen Christen anvertraut, "damit sie sich in diesem dritten Jahrtausend mit neuem Schwung für die Evangelisierung und Glaubenserziehung einsetzen." (S.  10) 3. Es gibt auch eine missionarische Dimension, die darüber hinausgeht, wenn der Papst das Kompendium "auch an alle Menschen (gerichtet wissen will), die inmitten einer zerstreuten Welt mit vielfältigen Botschaften den Weg des Lebens kennen lernen möchten: die Wahrheit, die Gott der Kirche seines Sohnes anvertraut hat" (S. 10). So möchte er auch "dem Bedürfnis jener entgegen kommen, die zwar nicht gläubig sind, aber nach Wahrheit und Gerechtigkeit dürsten" (S. 17). Nebenbei sei noch darauf hingewiesen, dass der Katechismus mit der Aufnahme einer alten literarischen Gattung einen Weg beschreitet, der zur Geschichte der Katechismen gehört, nämlich die Zusammengehörigkeit und Entsprechung von Frage und Antwort. Längere Zeit ist jedoch diese Form geradezu zu einem negativen Kennzeichen des Katechismus geworden, denn die Abfolge von Frage und Antwort erschien nicht wenigen als "doktrinär", zumal auch oft das "Abfragen" des Katechismus damit verbunden war, einschließlich der pädagogischen Zuchtmittel für das Versagen. Der Papst macht darauf aufmerksam, dass das Kompendium nun wieder unter anderem Aspekt das Spiel von Frage und Antwort neu aufnimmt. Er verweist auf den Dialog zwischen dem Meister und dem Schüler bzw. Jünger. "Die rasch aufeinanderfolgenden Fragen reißen den Leser mit und laden ihn ein, immer neue Aspekte der Wahrheit seines Glaubens zu entdecken. Die dialogische Form trägt auch dazu bei, den Text beträchtlich zu kürzen und auf das Wesentliche zu beschränken. Dies könnte die Aneignung und das eventuelle Auswendiglernen der Inhalte fördern." (S. 17) Ich selbst habe bereits 1983 auf diesen Hintergrund des Frage- und Antwortspiels im Katechismus aufmerksam gemacht: Es "wurzelt also letztlich im Bekenntnis des Glaubens, der als Wort des dreifaltigen Gottes und als Anrede durch die Kirche dialogisch verfasst ist. Man darf also das Frageverfahren der Katechismen nicht nur ,pädagogisch' auslegen." Gerade hier darf nicht vergessen werden, dass "Katechismus" in der Glaubensvermittlung zunächst und für lange Zeit den Vorgang der mündlichen Unterweisung meint, was von Augustinus bis zu Martin Luther leicht nachweisbar ist. Wenn man dies alles bedenkt, versteht man erst recht, in welchem Sinne das Kompendium das alte Frage- und Antwortspiel in diesem dialogischen Sinne neu aufgreift. Nun ist hier nicht die Zeit, die Gelegenheit und der Ort, um - kaum dass das Kompendium in deutscher Sprache das Licht der Welt erblickt - eine genauere Beurteilung abzugeben. Es besteht zunächst einmal kein Zweifel, dass das Kompendium einem großen Bedürfnis entgegenkommt. Der Katechismus selbst ist sehr umfangreich und eher das, was ich früher öfter ein "Sachbuch des Glaubens" genannt habe. Es war auch gut, zuerst die ausführliche Fassung anzugehen. Man spürt im Kompendium, dass man sich manche Knappheit und Kürze nur erlauben kann, weil man auf den oft gelungenen Text des Katechismus gezielt und auswahlhaft zurückgreifen kann. Durch die Konsultation des Katechismus kann man diese knappe Konzentration bis zu einem gewissen Grad auch wieder ausgleichen und damit auch manchen Gefahren vorbeugen, die mit dieser gedrängten Kürze von oft nur wenigen Zeilen mitgegeben sind oder sein könnten. Es gibt ausgezeichnet gelungene Antworten (vgl. z. B. die Fragen 10, 50, 107, 117, 250, 374, 403, 408 f., 411-414, 452, 472, 595). Manchmal wird der Text bei komplizierten Fragen durch den direkten Rückgriff auf die theologische Fachsprache etwas schwierig und auch spröde (vgl. z. B. 50, 210, 312, 368). Aber dies ist eben der Preis für die Knappheit. Hier braucht es - was man ohnehin nicht vergessen darf - den erschließenden und deutenden Katecheten, der mit zum Prozess der Glaubensvermittlung gehört. In vielem ist eine bewährte traditionelle Sprache, ob formell zitiert oder nicht, aufgenommen. In weiten Teilen des Credo sind auch die biblischen Impulse offenkundig. Bei manchen Fragestellungen spürt man das Problembewusstsein der Verfasser besonders gut (vgl. z. B. 262). Die liturgische Sprache ist hilfreich verwendet. Fast alle Themen werden christologisch und trinitarisch vertieft, manchmal jedoch ziemlich "steil", d. h. theologisch sehr anspruchsvoll. Der anthropologische Zugang, dessen Entfaltung gewiss nicht zu einem Katechismus gehört, ist vereinzelt angedeutet. Der Rückgriff auf das Alte Testament ist insgesamt etwas knapper geraten. Moderne Fragestellungen sind besonders in der Ethik - zum Teil recht geschickt - in den Dekalog eingeordnet, so z. B. die Lebens- und Friedensethik (466-486), Aussagen zu Zivildienst (484), Waffenhandel (486) und Ökologie (506). Ähnliches gilt für den Einbau der grundlegenden Aussagen der Katholischen Soziallehre (vgl. 403, 408 f., 411 ff.). Ich will hier abbrechen. Ein Vergleich des Katechismus mit dem Kompendium, eine theologisch-systematische Durchleuchtung und eine religionspädagogisch-katechetische Bewertung sind nicht Aufgaben dieser ersten Hinführung, aber der dafür zuständigen Disziplinen der Theologie, die freilich die eigene Form der Glaubensvermittlung eines Katechismus berücksichtigen muss.Der Katechismus der Katholischen Kirche ist, wie das "Motu proprio" vom 28.6.2005 vermerkt, in mehr als 50 Sprachen übersetzt (vgl. die deutsche Neuübersetzung aufgrund der Editio typica Latina, München 2003; die Erstübersetzung erfolgte 1993). Man darf also - gerade von deutscher Seite aus - die weltweite Verbreitung des Katechismus nicht unterschätzen. Das Kompendium hat in wenigen Wochen einen riesigen Erfolg in Italien erzielt (750.000 Exemplare). Ich freue mich und danke dem vertriebsstarken Pattloch-Verlag, ein Unternehmen der Verlagsgruppe Droemer-Knaur, dass er in erstaunlich kurzer Zeit eine deutsche Fassung veröffentlichen konnte, gleichsam als ein erster Willkommensgruß und als kleines Gastgeschenk für den Papst aus Deutschland. Die Deutsche Bischofskonferenz wünscht dem Kompendium eine gute und freundliche Aufnahme und wird es, zusammen mit dem Katechismus und "unserem" Katholischen Erwachsenenkatechismus, nach Kräften fördern.  Anmerkungen:(1) Der Katechismus als Form der Glaubensvermittlung, in: Internationale katholische Zeitschrift Communio 12 (1983), 8-13 (Zitat: 10). Zur Situation im Ganzen vgl. A. Teipel, Die Katechismusfrage, Freiburg i. Br. 1983; Themenheft "Katechismus" der Zeitschrift "Religionspädagogische Beiträge" 20/1987.(2) Vgl. dazu den instruktiven Artikel von H. U. v. Balthasar, Gründet Katechese auf Glauben und/oder Theologie?, in: Internationale katholische Zeitschrift Communio 12 (1983), 1-7; Joseph Kardinal Ratzinger, Die Krise der Katechese und ihre Überwindung, Einsiedeln 1983, 13 ff., 63 ff.(3) Vgl. dazu J. Ratzinger, Evangelium-Katechese-Katechismus, München 1995; J. Ratzinger/Chr. Schönborn, Kleine Hinführung zum Katechismus der katholischen Kirche, München 1993; Il Catechismo della Chiesa Cattolica, Vaticano o.J. (1993); U. Ruh, Der Weltkatechismus, Freiburg i. Br. 1993; E. Schulz (Hg.), Ein Katechismus für die Welt, Düsseldorf 1994. (4) Es darf nicht vergessen werden, dass die oben genannte lateinische Originalausgabe, die jetzt verpflichtend ist für alle Übersetzungen, zahlreiche Präzisierungen, Zusätze und in diesem Sinne auch Interpretationen enthält, die in einem kleinen Heft "Catechismo della Chiesa Cattolica. Corrigenda di contenuti", Vatikan o.J. eigens erschienen sind. (5) Ich muss hier verzichten, auf die beiden Bände des "Katholischen Erwachsenenkatechismus", hrsg. von der Deutschen Bischofskonferenz, einzugehen (Bd. 1: Das Glaubensbekenntnis der Kirche, Bd. 2: Leben aus dem Glauben, 1985/1995). Sie behalten selbstverständlich ihren vollen Wert.(6) Nach Auskunft des Benno-Verlages in Leipzig sind von der deutschen Übersetzung etwa 325.000 Exemplare gedruckt und bis Ende des letzten Jahres 321.862 verkauft worden.