| Aktuelle Meldung | Nr. 006

Pfingstpredigt von Erzbischof Dr. Robert Zollitsch im Münster Unserer Lieben Frau, Freiburg

„Gott gibt so reichlich, dass wir andere bereichern und die Welt mit ihm verändern können.“

Liebe Schwestern, liebe Brüder in der Gemeinschaft des Glaubens!

Wer sich heutzutage mit anderen verabredet, muss nicht unbedingt einen Ort vereinbaren, um sich zu treffen. Wer sich treffen will, kann dies – auch wenn ihn Tausende von Kilometern vom Anderen trennen – im digitalen Netz tun. In Deutschland, so meldete vor wenigen Tagen das Statistische Bundesamt, ist jeder zweite Internetnutzer in sozialen Netzwerken unterwegs, um sich mit anderen auszutauschen und Beziehungen zu knüpfen. Doch mit den virtuellen Communities ist es wie mit Kleingärtnervereinen, so sagt das Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung in Berlin: „Damit wirklich eine Gemeinschaft entsteht und zusammenwächst braucht es reale Treffen.“

1.
Von einer solchen realen Zusammenkunft, die Gemeinschaft stiftet, haben wir eben in der Lesung gehört. Unser Abschnitt aus der Apostelgeschichte beginnt mit den unscheinbaren, fast nebensächlich klingenden Worten: „Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort.“ (Apg 2,1). Die Jünger und Apostel waren zusammengekommen aus ihren verschiedenen Häusern und den unterschiedlichen Berufen und Beschäftigungen. „Sie befanden sich alle am gleichen Ort“ – das ist weit mehr als eine Ortsangabe. Es ist der Hinweis, dass Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit zum Raum werden für das Wirken des Geistes Gottes. Zungen wie von Feuer verteilen sich auf alle Anwesenden. „Alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt“, heißt es, und Petrus ergreift mutig und beherzt das Wort und legt Zeugnis ab von Jesus Christus.

2.
Was die Urgemeinde da an Pfingsten erleben darf, ist eine Erfahrung, die ihr als Gemeinschaft geschenkt wird. Der Heilige Geist lässt sich zwar auf jede und jeden einzelnen nieder: ein Vorgang, der ganz persönlich greift und ergreift, aber gleichzeitig ein Geschehen, das im Rahmen und im Raum der Gemeinschaft geschenkt wird.  Deshalb wird Pfingsten als die Geburtsstunde der Kirche bezeichnet: Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden. Eine betende, eine hoffende, eine liebende Gemeinschaft.

Dass der Geist Gottes in der Gemeinschaft, dass das Beisammensein zum Miteinander und Füreinander wird, dazu gehört freilich mehr, als nur zusammenzukommen. An Zusammenkünften hat es damals und noch viel weniger heute gefehlt. Denken wir an die vielen Konferenzen, Besprechungen und Sitzungen! Oder denken wir gar an Großveranstaltungen wie in Fußballstadien, bei Konzerten und Empfängen! Ob da nicht dann und wann ein anderer Geist herrscht als der Heilige? Das Zusammenkommen allein macht es also nicht aus. Worauf kommt es dann an?

3.
Die Apostelgeschichte zeigt es uns ganz klar. Einige Verse zuvor berichtet Lukas: Die Jünger kehrten nach der Himmelfahrt Jesu nach Jerusalem zurück. Dort gingen sie in das Obergemach hinauf, und „sie alle verharrten dort einmütig im Gebet“ (Apg 1,12-14). Ja, liebe Schwestern, liebe Brüder, sie beten, sie öffnen sich Gott. So erst werden sie bereit und offen für das Wirken des Geistes Gottes. Ähnlich wie Jesus selbst vor allen wichtigen Schritten nächtelang im Gebet verharrte, so öffnen sich die Jünger im Gebet für den Ruf Gottes; so ist auch uns der Weg gezeigt: vor Gottes Angesicht verweilen, Geist und Herz auftun für das, was er uns schenken will! Dann kann das Eigentliche und Wesentliche geschehen: „Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt.“

Wie damals, so ist die Kirche auch heute zuerst eine sich versammelnde, eine auf Gottes Wort hörende und damit eine betende Kirche. Hier ist unsere Mitte und die Quelle unserer Kraft. Das gilt vor allem für die Feier der Eucharistie, in der uns Christus stärkt für den Alltag und Kraft gibt für den Weg in die Zukunft.

4.
Im Gebet erfährt die junge Kirche ihre Orientierung. Auch heute ist und bleibt das Gebet das wichtigste und notwendige Navigationssystem im Leben von uns Christen. Und dem Gebet, dem Hören auf das Wort Gottes, folgt der Aufbruch, um die frohe Botschaft zu bezeugen. Innere Sammlung und Sendung in die Welt – das sind wie zwei Ruder eines Bootes, die nötig sind, um auch bei stürmischer See voranzukommen und wohlbehalten das Ufer zu erreichen. Eine bekannte Geschichte von einem Großvater, der mit seinem Enkel ins Boot stieg, um in See zu stechen, macht dies plastisch: Dem Jungen fiel auf, dass sein Opa auf jedem Ruder eine Inschrift angebracht hatte. Auf dem einen Ruder stand: „Arbeite!“, auf dem anderen „Bete!“ Nach einiger Zeit ließ der Großvater das Ruder mit der Aufschrift „Bete!“ hängen und ruderte nur noch mit dem anderen. Sein Enkel protestierte: „Was machst du denn da, Opa? Wir drehen uns ja nur noch im Kreis.“ – „Siehst du“, entgegnete der Großvater, „so geht das, wenn man nur arbeitet und dabei Gott vergisst. Man bildet sich ein, es passiert wunder was. Beide Ruder musst du einsetzen, beten und arbeiten, sonst kommst du nicht heraus aus dem Wirbel, in den du allmählich hineingerätst.“

5.
Liebe Schwestern, liebe Brüder! Wir verwenden derzeit viel Zeit und Energie dafür, den rechten Weg der Kirche in die Zukunft zu finden. Wir alle haben Vorstellungen davon, was in der Kirche verändert werden sollte, was wir uns anders wünschen und was wir an Reformen für notwendig halten. Doch sind wir in dieser Suche nicht in Versuchung, um uns selbst zu kreisen? Unsere Überlegungen in reinen Arbeitssitzungen wie auf Parteitagen zu verhandeln und dabei das Gebet zu vernachlässigen? Drängen wir den gegenseitigen Austausch im Glauben nicht so manches Mal zu sehr an den Rand? Dann stehen wir in Gefahr, unsere eigenen Vorstellungen und Wünsche zum Maßstab für die Kirche Gottes zu machen. Es gilt, den Blick zu weiten. Unsere Fragen und Sorgen ins Gebet nehmen und vor Gott tragen, das öffnet den Horizont und bewahrt uns davor, das Trennende und Hemmende zuerst zu nennen; das Jammern und Klagen in den Vordergrund zu stellen. Es bewahrt uns davor, bei uns stehen zu bleiben und uns selbst und unsere Vorstellungen absolut zu setzen. Der Geist Gottes ist es, der Perspektiven öffnet und neue Wege ermöglicht, die unsere eigenen Vorstellungen übersteigen.

6.
Hier liegt ein konkreter Auftrag an uns alle, liebe Schwestern und Brüder: Setzen wir uns ein für eine lebendige Gemeinschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe! Tragen wir nach unseren Möglichkeiten dazu bei, dass in unseren Gemeinden und Seelsorgeeinheiten die verschiedenen Gruppen und Kreise immer wieder zusammenfinden, ja sich dort zusammen einfinden, wo die Mitte ist: Jesus Christus. Wir Christen leben davon, dass wir als Menschen und Gruppen zusammenfinden, dass wir im Gespräch und Austausch auf Augenhöhe einander begegnen, und dass bei uns die gemeinsame Feier unseres Glaubens in der Eucharistie und in den vielfältigen gottesdienstlichen Formen im Zentrum steht. Wir werden umso mehr Kirche, je mehr wir dem scheinbar übermächtigen Trend der Vereinzelung und des „Kantönligeistes“ entgegenwirken.

7.
Liebe Schwestern, liebe Brüder, die Frage, die uns das Pfingstfest stellt, heißt: Traut es jede und jeder einzelne von uns Gottes Geist auch zu, dass er in uns und durch uns wirkt? Sind wir offen und sensibel, Gottes Zuspruch und Anspruch mitten im Alltag zu vernehmen? „Komm, Heiliger Geist, der Leben schafft, erfülle uns mit deiner Kraft“ – So heißt die Grundmelodie des Pfingstfestes. Daraus schöpfen wir Hoffnung. Und indem der Geist kommt, kommt auch Jesus, und zwar auf eine neue und tiefere Weise; auf eine Weise, in der er uns Menschen viel näher ist, als er es in den Tagen seines irdischen Lebens war. An die Stelle seiner äußerlich greifbaren und erfahrbaren Gegenwart tritt nun seine innere Gegenwart durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt. Jesus steht nicht mehr äußerlich sichtbar vor den Jüngern, er lebt in ihnen und mit ihnen. Das waren die Erfahrung und das Geheimnis der Urkirche und das ist der Weg der Kirche in die Zukunft.

8.
Deshalb rief der selige Papst Johannes Paul II. vor 25 Jahren bei seinem Deutschlandbesuch in Gelsenkirchen den Jugendlichen zu. „Mit Christus gibt es kein Verlustgeschäft!“ Und er hob hervor: „Gott gibt euch so reichlich, dass ihr davon noch andere bereichern und mit ihm die Welt verändern könnt. Die Welt ist arm geworden in den menschlichen Beziehungen. Darum bemüht euch um Verlässlichkeit, Treue, Wahrhaftigkeit und Solidarität, auch wenn in der Gesellschaft oft Eigennutz, Gewinnstreben, Rücksichtslosigkeit und Egoismus das Leben bestimmen wollen.“

Liebe Schwestern, liebe Brüder, Gott gibt so reichlich, dass wir damit andere bereichern und dadurch die Welt verändern können. Er schenkt Gemeinschaft, die wir notwendig zum Leben brauchen. Wir leben von der Sorge und der Verantwortung füreinander. Es macht nachdenklich, wenn vor kurzem in einer Zeitung unter der Überschrift „Der unbekannte Nachbar“ zu lesen war: „Sie leben gleich hinter der nächsten Tür. Und doch wissen wir über unsere Nächsten oft weniger als über unsere Facebook-Bekanntschaft in 1000 Kilometer Entfernung.“ Und dies, liebe Schwestern, liebe Brüder, obwohl wir nur zu gut wissen: Wir brauchen ein Leben lang andere Menschen, weil wir ohne Hilfe gar nicht existieren können! Damit meine ich nicht nur die zahlreichen öffentlich oder privat geleisteten Dienstleistungen und Hilfen, sondern vor allem auch den Arbeitskollegen, den Gesprächspartner in unterschiedlichen Lebenssituationen, den Freund, der mich mein Leben lang schon kennt, und alle jene anderen Gesichter, die uns in den Sinn kommen, wenn wir unseren Lebenslauf gedanklich durchstreifen. Wer nur selbst viel vom Leben haben will, der lebt in der Haltung des Nehmenden. Das Leben wird dann zur Habe, die man an sich rafft, von der man möglichst viel haben will. Und wer möglichst viel vom Leben haben will, der kann nicht auch noch für andere da sein. Es reicht für ihn selbst kaum aus. Dann steht Leben gegen Leben im Konkurrenzkampf. Diese Einstellung ist das Gegenteil dessen, was der Geist Gottes bewirken will. Wir haben es eben in der Lesung gehört: „Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung“ (Gal 5,22). Wer das Leben teilt, es weitergibt, empfängt Leben. Unser Leben wird umso reicher und größer, je mehr wir zu Gebenden werden. Denn indem wir unseren Mitmenschen zum Leben verhelfen, werden wir selbst lebendig. Beim Katholikentag in Mannheim hat der bekannte Zukunftsforscher Horst Opaschowski deshalb zu Recht auf die wachsende Bedeutung einer guten Nachbarschaft hingewiesen. „Nachbarn sind wie ein Hilfskonvoi. Je mehr Nachbarn sich mit Vornamen kennen, desto sicherer ist die Wohngegend und umso mehr breitet sich das Gefühl aus: Mir wird geholfen, wenn ich auch anderen helfe.“

9.
Machen wir uns frei, liebe Schwestern, liebe Brüder, von der Vorstellung, es gebe ein Leben in völliger Unabhängigkeit. Wer wirklich unabhängig sein wollte, der müsste letztlich auf Beziehung und Freundschaft verzichten oder er würde Menschen gebrauchen wie eine Kaffeetasse oder einen Schuhlöffel. Wer sich der Illusion der völligen Unabhängigkeit ausliefert, der beraubt entweder den anderen oder sich selbst seiner Würde, vielleicht sogar beide. Letztlich wird er zu einem Verächter des Lebens, weil es Leben nur im Plural gibt: nur im Miteinander von Menschen, von Mann und Frau, Alten und Jungen, eben in der Vielfalt der Gaben und Charismen, mit denen Gott jeden einzelnen von uns beschenkt hat, um andere zu beschenken.

So braucht unsere Gesellschaft – auch im digitalen Zeitalter – Zeiten und Orte, an denen Menschen sich persönlich begegnen, einander zuhören und Rat geben, sich Trost spenden, Freude wie auch Einsamkeit teilen und Hilfe leisten. Lassen wir das Eis der sozialen Kälte mit der Wärme der Aufmerksamkeit für den anderen und der Zuwendung zum Nächsten abschmelzen. Was die christliche Tradition die Werke der Barmherzigkeit nennt, sind heute die Wohltaten sozialer Netzwerke in unseren Nachbarschaften, Dörfern und Städten. In ihnen überwinden wir die Versuchung zur absoluten Unabhängigkeit hinüber in ein sorgendes Miteinander und ein verantwortungsvolles Füreinander. Gefragt ist menschliches Engagement, das Teilen der Gaben und Fähigkeiten, sei es in Tauschringen oder im ehrenamtlichen Engagement – zum Beispiel im caritativen Bereich; gefragt sind Trainingslager menschlicher Gemeinschaft, damit unsere Gesellschaft ihr menschliches Gesicht bewahrt.

Jede und jeder von uns hat in Taufe und Firmung Gottes Heiligen Geist empfangen. Das Pfingstfest will uns dies neu bewusst machen und lädt uns ein, uns neu für das Wirken des Geistes Gottes zu öffnen und ihn zu bitten: Komm, Heiliger Geist, und entzünde in uns das Feuer deiner Liebe! Lassen wir uns anstecken vom Feuer des Heiligen Geistes und geben wir dieses Feuer weiter! Damit unsere Kirche, unserer Gemeinschaft im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe wächst und zusammenwächst. Amen.

Schrifttexte: Apg 2,1-11; Gal 5,16-25; Joh 20,19-23