| Aktuelle Meldung | Nr. 017

Kardinal Reinhard Marx: Weihnachtsrevolution

Eine Weihnachtsbotschaft des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz

Die beiden Wörter Weihnachten und Revolution scheinen gar nicht zusammen zu passen. Was wir alles mit dem Weihnachtsfest verbinden, brauche ich nicht aufzuzählen. Bei Revolution denken wir an Umsturz, Umbruch, Herrschaft und an radikale Veränderungen. Das klingt gar nicht gemütlich und weihnachtlich.

Dennoch erinnern wir uns gerade am Weihnachtsfest an eine wirkliche Revolution. Denn wir feiern nichts weniger als einen Gott, der Mensch wird. Auch wenn uns das leicht über die Lippen geht, ja sogar floskelhaft klingt, ist es doch gar nicht so einfach zu verstehen und keinesfalls belanglos. Der große Theologe Karl Rahner hat sinngemäß einmal gesagt: „Wenn Gott nicht Gott sein will, wird er Mensch.“ Das bringt das Wunder der Menschwerdung auf den Punkt.

Gott stellen wir uns doch ganz anders vor als die Menschen sind; was verbinden wir nicht an Bildern mit Gott, die ihn hoch und erhaben zeigen. Aber das ist nur ein Teil des Gottesbildes. Mit der Schöpfung des Menschen hat sich alles geändert; damit beginnt es. Der unveränderliche Gott hat Veränderung bewirkt, indem er den Menschen als sein Ebenbild geschaffen hat. Wir sind Gott ja nicht gleich, indem wir zwei Augen, zwei Ohren und einen Mund haben. Vielmehr sind wir Gott gleich in der Freiheit. Darin liegt die Revolution der Bibel: Der Mensch ist als Person geschaffen, die für sich selbst steht und zugleich in Beziehung zum Anderen lebt, und in verantwortlicher Freiheit das eigene Leben führt. Darin gründet die gleiche Würde aller Menschen, die niemandem zuerkannt und auch niemandem abgesprochen werden kann. Alle Menschen sind gleich. Diese ganz einfache Botschaft kann man nicht oft genug wiederholen.

Und eine weitere einfache Botschaft gehört dazu: Gott gehört niemandem. Gott ist kein exklusiver Besitz einer Religion, sondern Gott ist für alle Menschen da. Er ist eben kein Gott, mit dem sich Mächte und Reiche begründen lassen und auf den man sich berufen könnte, um sich selbst über andere zu erheben. Nein, im Gegenteil! Dieser Gott, der das Heil aller Menschen will, ist Hoffnung für alle Unterdrückten und Leidenden, für alle an den Grenzen des Lebens.

Das zeigt uns auch Weihnachten: Gott, der den Menschen als sein Ebenbild erschaffen hat, wird selbst Mensch. Er nimmt Freude und Not des Menschseins auf sich, von der Geburt bis zum Tod. Als Neugeborenes gibt sich Gott nackt und schutzlos in die Hände der Menschen. Gott lässt nichts aus, aber er lässt alles zu. Er wird in Jesus von Nazareth der Bruder aller Menschen. Unsere Hoffnung, dass ihm nichts Menschliches fremd sein möge und er deshalb in allen Momenten des Lebens an unserer Seite sei, gründet in dieser radikalen Liebe Gottes zum Menschen, ja zu seiner ganzen Schöpfung.

Denken wir die Gottebenbildlichkeit und die Menschwerdung zusammen, dann erschließt sich klar, dass wir nicht nur für uns selbst hoffen, sondern für die ganze Menschheit. Dieser Universalismus ist der revolutionäre Kern der biblischen Botschaft. Weihnachtlicher kann es nicht werden.

Aus: Schwäbische Zeitung vom 24. Dezember 2014