| Pressemeldung | Nr. 185

Rede von Kardinal Marx beim St. Michael-Jahresempfang

„Europa bleibt für uns ein großes Geschenk. Es ist eine errungene, eine erkämpfte Zivilisation.“

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hat vor der prekären Situation gewarnt, die sich an den europäischen Grenzen entwickelt. Bei allen Konflikten und Problemen sei Europa aber auf die Zukunft ausgerichtet: „Europa bleibt für uns ein Geschenk. Es ist eine errungene, eine erkämpfte Zivilisation“, sagte Kardinal Marx aus Anlass des St. Michael-Jahresempfangs gestern Abend (27. September 2016) in Berlin. Auf Einladung des Leiters des Kommissariats der deutschen Bischöfe, Prälat Dr. Karl Jüsten, kamen rund 800 Gäste, unter ihnen Bundestagspräsident Norbert Lammert und Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Die Frage nach Identität und Sicherheit werde Diskussionen prägen, so auch den kommenden Wahlkampf, sagte Kardinal Marx. Angst sei dabei jedoch der falsche Ratgeber, ebenso wie Defensive oder Abschottung. „Wir brauchen weiter eine Kultur des Miteinanders, in der die Bereitschaft vorherrscht, zu teilen. Eine solche Kultur müsse sich universal ausbreiten. Daran arbeiten wir Christen mit, wir sind Universalisten“, betonte Kardinal Marx.

Diese Kultur des Miteinanders gelte auch in der aktuellen Flüchtlingssituation. Dabei bekräftige Kardinal Marx seine Zustimmung zur Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Die Kirche werde sich auch weiter mit aller Kraft für die Unterbringung und Integration der Flüchtlinge einsetzen. „Ich sehe nirgendwo, dass die Bereitschaft zu helfen nachgelassen hat. Auch hier wiederhole ich die ‚roten Linien‘, hinter die wir nicht zurückgehen werden und können. Dazu gehört die menschenwürdige Behandlung jedes Schutzsuchenden an der Grenze, ein faires Verfahren und dass niemand in die Situation von Krieg und Vertreibung zurückgeschickt werden darf. Außerdem muss alles getan werden, um den Tod von Flüchtlingen etwa im Mittelmeer zu verhindern und Fluchtursachen zu bekämpfen.“ Kardinal Marx dankte allen, die sich haupt- und ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit engagieren: „Die Herausforderungen sind nicht zu Ende, wenn wir das Problem kurzfristig jetzt gelöst haben. Ich habe sehr hohen Respekt, was geschafft worden ist. Wir stehen bereit, auch weiterhin zu unterstützen.“

Scharfe Kritik übte Kardinal Marx in seiner Rede am Aufkommen eines neuen Nationalismus in Deutschland und Europa. François Mitterand habe gesagt, dass Nationalismus Krieg bedeute. „Patriotismus ja, wir lieben unsere Heimat“, so Kardinal Marx, „aber jede Form des Nationalismus muss bekämpft werden. Eine defensive, restaurative, neoromantische Vorstellung bietet Europa keine Zukunftsperspektive. Daran wird sich die Kirche nicht beteiligen“.

Das Programm der Kirche müsse mehr als Profit sein. Der Relativismus stehe für eine Haltung, die nur den Profit kenne. „Wir sollten in Europa und bei uns in Deutschland für die Würde des Menschen einstehen, vom Anfang bis zum Ende. Dazu gehört auch, von den Peripherien her zu denken, das heißt: die armen Länder im Blick zu behalten.“ Mit der Enzyklika Laudato si‘ habe Papst Franziskus Aufgaben gestellt, die es jetzt zu übernehmen gelte: „Das Haus der Schöpfung ist für alle Menschen da und wir wollen, dass alle Menschen ein menschenwürdiges Leben darin haben. Das gilt auch für die Welthandelspolitik, die die Armen mit einschließen muss. Ich ermutige die Politik, das Welthandelsabkommen wiederzubeleben, mit den Armen. Mir wäre am liebsten eine Welthandelsrunde, die dieses Thema berücksichtigt“, so Kardinal Marx. Die Katholische Soziallehre, die in diesem Jahr 125 Jahre alt werde, könne dazu wichtige Impulse beitragen.

Kardinal Marx rief die Christen auf, Zeugen der Hoffnung und der Barmherzigkeit Gottes zu sein. Dabei erwähnte er auch das Reformationsgedenken 2017. Es zeige, dass das Christentum in Deutschland noch nicht ausgereizt sei. Die katholische Kirche werde ihren Beitrag leisten, die Gemeinsamkeit der Christen in Deutschland hervorzuheben.

In seiner Begrüßung hatte auch Prälat Dr. Karl Jüsten Bezug auf die aktuelle Situation in Europa genommen. Bei allem Grund zur Sorge sei in Deutschland und der Europäischen Union viel geleistet worden. „Trotz politischer Verwerfungen und Auseinandersetzungen – die Menschen in Deutschland haben gezeigt, dass sie in der Lage sind, auch auf große Herausforderungen mit Herz und Verstand zu reagieren, anderen die Hand zur Hilfe auszustrecken und bei allem deutschen Sinn für Recht und Ordnung den Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren.“ Dafür wolle man mit dem Jahresempfang Danksagen, „allen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen, allen, die in Politik, Verwaltung und Gesellschaft Verantwortung tragen und dazu stehen, auch wenn der Wind ihnen bisweilen eiskalt entgegenschlägt. Ja, wir können den vielen Flüchtlingen helfen, sowohl denen, die nur temporär bei uns bleiben wollen oder dürfen, als auch denen, die dauerhaft bei uns bleiben, durch geeignete Integrationsmaßnahmen“, so Prälat Jüsten. Es könne auch gelingen, Migranten mit Sitten und Gebräuchen vertraut zu machen, um so bestehende Ängste in der Bevölkerung vor den Fremden zu überwinden: „Haben wir doch mehr Gottvertrauen.“