| Pressemeldung | Nr. 199

Kardinal Marx würdigt Bischofssynode in Rom und „Amoris laetitia“

„Profil einer anspruchsvollen Seelsorge“

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hat den Verlauf der gestern vor einem Jahr zu Ende gegangenen Bischofssynode zum Thema „Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute“ und das Nachsynodale Schreiben Amoris laetita von Papst Franziskus gewürdigt. Bei einem Vortrag an der Katholischen Universität Löwen (Belgien) betonte Kardinal Marx am Dienstagabend (25. Oktober 2016), dass der synodale Weg, den die Kirche in den beiden vergangenen Jahren gegangen sei, ein faszinierendes und mutmachendes Geschehen war: „Schon die Art und Weise, die Gläubigen in den Teilkirchen durch weltweite Befragungen mit in die Vorüberlegungen zu den Synoden einzubeziehen, war ein mutiger Schritt hin zu einer neuen innerkirchlichen Kommunikation, die den offenen Umgang mit der Vielstimmigkeit der einen Kirche wagt.“ Auf der Synode habe es dann eine offene und ehrliche Auseinandersetzung gegeben. Dabei seien es immer die Garanten der Einheit gewesen, die diesen Weg erst möglich gemacht hätten: „das gemeinsame Anliegen, Ehe und Familie aus dem christlichen Glauben heraus zu stärken, das Bemühen um die innere und äußere Einheit der Kirche und nicht zuletzt natürlich die Person des Papstes. Franziskus hatte von Anfang an betont, er werde die Fäden zusammenführen und die Diskussionen, die auch konträr verlaufen dürfen, in seinen Dienst an der Einheit einfließen lassen und so die Vielfalt an die Einheit zurückbinden.“

Mit dem Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Amoris laetitia habe Papst Franziskus diese Ankündigung eingelöst. Die Zusammenstellung greife sowohl auf die Tradition der Kirche, als auch auf die Überlegungen der Synode zurück und verbinde dies mit den teilweise persönlichen Reflexionen und Hinweisen des Papstes selbst zu einer Einheit. Amoris laetitia sei als lehramtliches Schreiben „zugleich auch eine gekonnte und geradezu kunstvolle Synthese. Dabei ist es ein ausgesprochen sympathischer Aspekt dieses Schreibens, dass der Papst gar nicht die Ebene einer Änderung der kirchlichen Dogmatik betritt oder neue Prinzipien formulieren muss“, so Kardinal Marx. Stattdessen führe Franziskus die Dinge auf ihren Kern zurück: „auf die Liebe, die im Evangelium verkündet wird, die Liebe, die es in der Ehe und in der Familie zu leben gilt – jeden Tag aufs Neue und ein ganzes Leben lang.“ Mit den Überlegungen zur Verwirklichung der Liebe im Alltag von Ehepaaren und Familien erhalte Amoris laetitia eine „sehr persönliche und lebensnahe Note und realisiert gleichzeitig etwas von jenem Ethos des Begleitens, Unterscheidens und Einbeziehens, das Papst Franziskus in demselben Schreiben einfordert“.

In seinem Vortrag erinnerte Kardinal Marx an den Amoris laetitia durchziehenden Dreiklang von Begleiten, Unterscheiden, Einbeziehen. „Dieser Dreiklang ist der ‚Cantus firmus‘ einer Pastoral, die die Menschen tatsächlich erreichen und ihnen den Weg, den Gott selbst mit ihnen in ihrer Lebensgeschichte geht, erschließen will.“ Die Seelsorge müsse begleitend ein Prozess des Mitgehens auf dem Lebensweg sein. Die Unterscheidung beziehe sich insbesondere auf die Individualität der Biographien und der biographischen Situationen, in denen Menschen stehen. Das Einbeziehen betreffe wiederum die Offenheit der Kirche und ihrer Seelsorge. Sie solle „die Menschen einladen und soweit es die jeweilige Situation und der Wille der jeweiligen Person zulassen, mit hineinnehmen in das pilgernde Volk Gottes, das selbst unterwegs ist“.

Kardinal Marx unterstrich die Herausforderungen, die sich durch Amoris laetitia für die Seelsorge ergeben. Die Lebenswege der Menschen, die zur Kirche kämen, seien individuell ausgeprägt. „Immer stärker wird daher die Anforderung, erst einmal zuzuhören, aufzunehmen, anzunehmen, einzuordnen ohne abzustempeln und dann miteinander nach vorne zu sehen und Wege zu suchen. Immer mehr geht es deshalb um das Profil einer anspruchsvollen Seelsorge. Damit soll nicht behauptet werden, die Seelsorge habe in der Vergangenheit keine Qualität besessen“, sagte Kardinal Marx. Aber der Aufwand, um in der Seelsorge der jeweiligen Person gerecht zu werden, sei gestiegen. Amoris laetitia trete mit dem Anspruch an, die Menschen nicht sich selbst zu überlassen in der Annahme, dass sie schon das Richtige tun werden. „Die Seelsorge der Kirche darf sich weder in einem Rigorismus üben, der unbesehen allen die gleichen hohen Anforderungen auferlegt, noch darf sie sich auf einen Stil des ‚laissez-faire‘ zurückziehen, der den Menschen letztlich nichts mehr zu sagen hat. Begleiten, Unterscheiden und Einbeziehen bedeutet die Suche nach einem Weg, der gerade diese Fehler vermeidet.“ Das, so Kardinal Marx, sei mühsam, aber darin liege auch die Chance der Begegnung von Person zu Person, aus der allein der Glaube erwachsen könne.

Kardinal Marx hob hervor, dass die Aufgabe, die den Hirten der Kirche und pastoralen Mitarbeitern aus Amoris laetitia erwachse, zweifellos anspruchsvoll sei. „Mit seinem herzlichen Ton, seiner lebensnahen Sprache und seiner Offenheit für die Weiterentwicklung der Seelsorge hat Papst Franziskus aber einen Wunsch der Synode auf jeden Fall eingelöst: Er hat uns einen starken Impuls für diese pastorale Arbeit gegeben. Diesen Rückenwind für die Seelsorge gilt es jetzt zu nutzen.“