| Papstbesuch Aktuelle Meldung | Nr. 035

23.09.2011: "Sich gegenseitig im Glauben stärken"

Benedikt XVI. predigt beim ökumenischen Gottesdienst in Erfurt

Benedikt XVI. hat Katholiken und Protestanten aufgerufen, sich gegenseitig im Glauben zu stärken. Beim ökumenischen Gottesdienst in der Kirche des Augustinerklosters in Erfurt sagte der Papst am Donnerstagvormittag in seiner Predigt: „Unser erster ökumenischer Dienst in dieser Zeit muss es sein, gemeinsam die Gegenwart des lebendigen Gottes zu bezeugen und damit der Welt die Antwort zu geben, die sie braucht.“ Deshalb sollten bei ökumenischen Begegnungen nicht nur die Trennungen und Spaltungen beklagt werden, sondern die Gläubigen sollten „Gott für alles danken, was er uns an Einheit erhalten hat und immer neu schenkt.“

Gleichzeitig mahnte der Papst: „Diese Dankbarkeit muss zugleich Bereitschaft sein, die so geschenkte Einheit nicht zu verlieren mitten in einer Zeit der Anfechtung und der Gefahren.“ Dazu gehöre etwa das gemeinsame Eintreten für christliche Werte in Politik und Gesellschaft: „Wir leben in einer Zeit, in der die Maßstäbe des Menschseins fraglich geworden sind. Ethik wird durch das Kalkül der Folgen ersetzt. Demgegenüber müssen wir als Christen die unantastbare Würde des Menschen verteidigen, von der Empfängnis bis zum Tod – in den Fragen von PID bis zur Sterbehilfe.“

Das Gebet ist Benedikt XVI. zufolge „der innere Ort unserer Einheit“. Der Papst betonte: „Wir werden eins sein, wenn wir uns in dieses Gebet hineinziehen lassen.“ Mit Blick auf die hohen ökumenischen Erwartungen im Vorfeld des Papstbesuchs erklärte das katholische Kirchenoberhaupt, dass bei politischen Staatsbesuchen häufig Verträge und Kompromisse ausgehandelt würden. Mit Glaubensinhalten verhalte es sich jedoch anders: „Der Glaube ist nicht etwas, was wir ausdenken oder aushandeln“. Benedikt XVI. betonte: „Nicht durch Abwägung von Vor- und Nachteilen, sondern nur durch tieferes Hineindenken und Hineinleben in den Glauben wächst Einheit.“

Papst dankt Kardinal Lehmann

Benedikt XVI. verwies auf die ökumenischen Fortschritte in Deutschland. In den vergangenen 50 Jahren sei „viel Gemeinsamkeit gewachsen“. Besonders dankte der Papst dem Mainzer Bischof und früheren Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, für sein ökumenisches Engagement.

In einem Geistlichen Wort betonte die Präses der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Katrin Göring-Eckardt: „Obgleich uns manches trennt, das Wichtigste verbindet uns: die Sehnsucht nach Gott.“ Sie erinnerte daran, dass die Christen in der DDR vor allem ein Luther-Satz gestärkt habe: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.“ Die Christen hätten sich von der Gewissheit leiten lassen, „dass Gott größer ist, größer als die kleinbürgerliche SED sowieso, größer als die martialische Stasi aber eben auch. Und gewiss größer als das ganze heuchlerische, unterdrückerische System, das die Menschen klein und den Glauben unsichtbar machen wollte.“

Überdies äußerte die EKD-Präses ihre Hoffnung auf eine weitere ökumenische Annäherung: „Wir haben ein Fundament, das Wort Gottes, und wir haben einen gemeinsamen Grund, die Heilige Taufe. Und, ja, zum richtigen Zeitpunkt werden wir am hellsten und besten Ort des Hauses gemeinsam und füreinander den Tisch decken, an den er uns einlädt, von dem wir gemeinsam essen und trinken, was Jesus an seinem letzten Abend teilte. Nicht, weil wir es müssen, sondern weil wir es können und weil wir es wollen.“

Der Gottesdienst mit dem Papst und den Spitzenvertretern des deutschen Protestantismus fand an einem historischen Ort statt. In das Augustinerkloster trat 1505 der spätere Reformator Martin Luther  (1483-1546) ein, wo er zwei Jahre nach der Priesterweihe seine erste Messe feierte. Luther lebte in dem Kloster bis 1511, bevor er an die Wittenberger Universität wechselte. Drei Jahre nach seinem Austritt aus dem Orden wurde das Kloster 1525 evangelisch. Später ging das im gotischen Stil erbaute Gebäude in weltlichen Besitz über und diente unterschiedlichen Zwecken. Zu DDR-Zeiten erwarb die evangelische Landeskirche das Gebäude und richtete es als Luthergedenkstätte und Tagungshaus her.