| Pressemeldung | Nr. 120
Das Konzil von Nizäa als Grundlage für die Gesellschaft heute
Anlässlich des 1700. Jahrestages des Abschlusses des Konzils von Nizäa am 25. Juli 2025 erläutert der Vorsitzende der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Heiner Wilmer SJC (Hildesheim), die Bedeutung des Konzils für den heutigen gesellschaftlichen Kontext. Dabei erinnert er an das Fundament christlichen Glaubens und seiner ökumenischen Bedeutung auch in Hinsicht auf das, was das Konzil der Politik heute zu sagen hat.
Mitten im Heiligen Jahr, das der verstorbene Papst Franziskus unter das Leitwort Pilger der Hoffnung gestellt hat, feiert die Christenheit ein besonderes Jubiläum: Vor 1700 Jahren versammelten sich im Frühjahr 325 in Nizäa (heute Iznik, Türkei) rund 300 Bischöfe, um über die drängenden Fragen ihres Glaubens zu beraten. Es ging nicht nur um den Streit, wann Ostern gefeiert werden sollte. Das Konzil markierte den entschlossenen Widerstand gegen die Zersplitterung der Kirche, ein weichgespültes Christentum und politische Instrumentalisierung. Es ging um die zentrale Frage des Christentums: Wer ist Jesus Christus?
Am Ende stand ein Text, der bis heute das Fundament christlicher Theologie bildet: das nizänische Glaubensbekenntnis. Auf dem Weg dahin hatte man um einen Buchstaben gekämpft: geschaffen (genetos) oder gezeugt (gennetos)? Schließlich bekannten die Konzilsteilnehmer Jesus Christus als wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, wesensgleich mit dem Vater. In diesen wenigen Worten liegt eine Botschaft, die bis heute unsere Theologie, unsere Kirche, unser Verständnis von Gott und Welt prägt.
Das Konzil von Nizäa hat die Kirche geformt. Es hat sie nicht nur theologisch definiert, sondern auch vor einer Zersplitterung bewahrt. Die Lehre des alexandrinischen Priesters Arius, der Christus als geschaffen und dem Vater untergeordnet ansah, stand gegen die Überzeugung von Athanasius und vieler anderer Kirchenväter: Wenn Christus nicht wahrer Gott ist, dann gibt es keine echte Erlösung. Dann wäre die Nähe Gottes zu uns in Jesus Christus nur eine schöne Idee. Dann wäre das Kreuz kein Sieg, sondern Niederlage, das Christentum nur eine Philosophie, aber keine Offenbarung.
Erlösung im christlichen Sinne ist eben nicht abstrakt, sondern konkret: Der Mensch ist nicht mehr gefangen in Schuld, auch nicht in Angst, noch nicht einmal im Tod. Er muss sich nicht selbst retten. Die Tür zu Gott steht offen – nicht, weil der Mensch perfekt wird, sondern weil Jesus den Weg freigemacht hat. Erlösung ist nicht nur eine Idee, sondern eine Erfahrung. Das nizänische Bekenntnis stellt klar: Gott selbst kommt uns in Christus nahe.
Diese Überzeugung trägt die Theologie bis heute. Sie prägt unser Verständnis der Sakramente, der Kirche als Leib Christi, unseres Betens und Glaubens. Wer Herr, erbarme dich ruft, ruft keinen Halbgott an, sondern den lebendigen Gott. Jesus Christus ist eben nicht ein wunderbarer Mensch, ein Prophet oder eine göttliche Inspiration – sondern Gott selbst. Die Wahrheit ist radikal, sie ist nicht verhandelbar.
Nizäa war nicht nur eine theologische Versammlung, sondern auch ein politisches Ereignis. Kaiser Konstantin hatte das Konzil einberufen, weil er erkannte: Die Einheit des Reiches erfordert auch die Einheit der Kirche. Sein Interesse war pragmatisch, sein Einfluss auf die Kirche enorm. Die Christen, eben noch verfolgt, fanden sich nun im Zentrum der Macht wieder.
Das Verhältnis von Kirche und Staat, von Glauben und Politik, wurde durch Nizäa tief geprägt. Das nizänische Bekenntnis wurde zu einem identitätsstiftenden Element eines Reiches, das sich christlich verstand. Doch dieser Schulterschluss von Thron und Altar brachte auch Ambivalenzen mit sich.
Was bedeutet das für heute? Auch heute lebt die Kirche in einem Spannungsfeld zwischen Glaube und Politik. Sie ist keine weltliche Macht mehr, aber sie kann sich auch nicht aus der Welt zurückziehen. Das Glaubensbekenntnis von Nizäa ist eine klare Absage an alle weltlichen Herrscher, die sich göttlich stilisieren. Es erklärt unmissverständlich: Nur einer ist wahrer Gott – und das ist nicht der Kaiser, nicht der Mächtige. Das Evangelium ist immer politisch, weil es Partei ergreift – für die, die keine Stimme haben, für die Bedrängten, die Armen, die Entrechteten. Es entmachtet die Mächtigen und erhebt die Geringen. Wer an Christus glaubt, kann nicht schweigen, wenn Unrecht geschieht.
Gerade im Heiligen Jahr braucht es eine Kirche, die aus dem nizänischen Bekenntnis lebt: nicht als Machtsystem, sondern als Verkörperung des Glaubens an den menschgewordenen Gott, der nicht Herrschaft ist, sondern Liebe.
Die Sätze des nizänischen Bekenntnisses sind nicht nur inhaltlich prägend, sondern auch klanglich: Sie geben dem Glauben eine eigene Tonalität. Wer das Credo betet, spürt eine Kraft, die über Jahrhunderte hinweg trägt. Doch dieser Klang ertönt über die Grenzen einer einzelnen Kirche hinaus. Das nizänische Bekenntnis ist bis heute das gemeinsame Fundament fast aller christlichen Kirchen – ob katholisch, orthodox oder evangelisch. In einer Zeit der Spaltungen und Differenzen erinnert uns das an die tiefe Einheit, die uns verbindet.
Auch Papst Leo XIV. ruft uns in diesem Heiligen Jahr auf, Pilger der Hoffnung zu sein. Vielleicht heißt das auch: Pilger der Einheit. Die Christenheit hat viele Wege eingeschlagen, doch das Konzil von Nizäa erinnert uns daran, dass es eine Mitte gibt, die uns eint – Christus, wahrer Gott vom wahren Gott.
Nizäa ist nicht Vergangenheit. Es ist Gegenwart. Und Zukunft.
